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Wie Kiffen wirkt : Laborratten der Drogenpolitik

Das Gehirn leidet unter dem Konsum

Die Zahl der Notaufnahmen im amerikanischen Bundesstaat Colorado habe sich nach der Legalisierung vor einigen Jahren verdoppelt. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen seien „Laborratten“, meinte Schaper, ihr Kopf wird für Holm-Hadulla mit steigendem Cannabis-Konsum so abgestumpft, dass die körpereigenen Modulatoren als „neuronale Notbremse“ verloren gehen. Tatsächlich hat kürzlich in der Zeitschrift „Nature“ das britische Team um Oliver Howes und Michael Bloomfield vom Imperial College London eine - gerade wegen vieler Wissenslücken - beunruhigende Bestandsaufnahme des Cannabis-Wirkstoffs insbesondere auf das jugendliche Gehirn veröffentlicht: „Der THC-Konsum erzeugt einen vielfältigen, komplexen und womöglich langfristigen Umbau des Dopamin-Systems.“

Cannabinoide, erstmal legalisiert, werden in jedem Aggregatzustand beworben: Energydrinks aus dem Automaten sollen vor allem Jugendliche ansprechen.

Mit anderen Worten: Nicht nur kann das Gedächtnis und die kognitiven Leistungen sowie die Kreativität (Thomasius beziffert den IQ-Verluste nach Studien auf bis zu neun Punkten bei Kindern) bei frühem, regelmäßigem Konsum beeinträchtigt werden, sondern auch die Wirkung und Produktion eines der wichtigsten Hirnbotenstoffs, der unsere Stimmungen, Motivation und emotionale Sensibilität beeinflusst. Holm-Hadulla spricht in diesem Zusammenhang von einer „psychischen Entleerung“, wie sie nicht nur die verstorbenen Rockstars Amy Winehouse, Janis Joplin oder Jim Morrison früh in ihrer Drogenkarriere durchgemacht hätten, sondern immer öfter bei seinen Studenten zu beobachten sei. Die Konsumenten werden blind für die Folgen, statt Phantasie häufen sich Frust und Verdrängungsexzesse mit anderen Drogen.

Problemgruppe Minderjährige Männer

Auch in anderer medizinischer Hinsicht bestätigen die britischen Cannabis-Forscher hiesige Fachleute: Das „Abhängigkeitspotential“ sei erkennbar, heißt es in „Nature“, sowohl in Tierversuchen als auch mit Hirnscannern. Entzugserscheinungen hält Thomasius zwar für nicht so ausgeprägt wie bei Opiaten, aber ähnlich wie bei Alkohol - nur eben zwanzig Jahre früher im Leben.

Auch der „Suchtdruck“ und die Gesundheitsschäden steigen - und zwar bei immer mehr jungen Konsumenten: Vom Jahr 2000 an ist die Zahl der Klinikeinweisungen durch Cannabis-Missbrauch - anders als bei anderen illegalen Drogen - kontinuierlich gestiegen, die Gruppe „behandlungsbedürftiger“ Konsumenten betreffe vor allem Jugendliche, so Thomasius: „55 Prozent aller Erstbehandlungen sind inzwischen minderjährig, und zu achtzig Prozent sind es junge Männer.“ Die jährlichen Kosten einer Liberalisierung könnten sich Thomasius zufolge insgesamt auf fünf bis neun Milliarden Euro verzehnfachen.

Klar ist: Jugendliche in Ländern mit liberaler Cannabis-Politik konsumieren im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viel Cannabis und steigen früher in den Konsum ein als der europäische Durchschnitt. Selbst die medizinische Verwendung von Cannabis-Wirkstoffen in der Schmerztherapie sieht der Hamburger Jugendmediziner Thomasius deshalb kritisch. Die amerikanischen Erfahrungen seit den neunziger Jahren zeigten, dass der Zugang durch die medizinische Anwendung erleichtert werde. In Colorado beziehen fast ein Fünftel der Cannabis-Konsumenten die Droge über Personen mit einer medizinischen Lizenz. Suchtexperte Thomasius: „Die Bundesdrogenbeauftragte ist da in der Verantwortung.“

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