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Jugendlicher Diabetes : Ein langes Leben trotz Zuckerkrankheit?

  • -Aktualisiert am

Ein Mädchen, das an Diabetes Typ 1 erkrankt ist, bekommt von ihrer Mutter mit einem Pen Insulin gespritzt. Bild: dpa

Die Lebenserwartung von Patienten mit „jugendlichem Diabetes“ hat sich verbessert. Offenbar profitieren Typ 1-Diabetiker von intensiver Insulintherapie.

          Die Häufigkeit des Typ 1-Diabetes, im Volksmund auch jugendlicher Diabetes genannt, nimmt in Deutschland und vielen anderen Nationen seit den fünfziger Jahren zu. Zugleich bricht diese Form von Zuckerkrankheit, bei der das körpereigene Immunsystem die Insulin erzeugenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört, in immer jüngeren Jahren aus. Worauf dieser beunruhigende Trend genau beruht, lässt sich noch nicht beantworten. Genetische Mutationen sind wohl beteiligt, scheinen aber keine dominierende Rolle zu spielen. Denn hierzu ist die Zahl der Betroffenen mancherorts zu rasch in die Höhe geschnellt. Das gilt etwa für Finnland, wo der Typ 1-Diabetes inzwischen mehr als viermal so oft auftritt wie vor sechzig Jahren. Ursächlich für die wachsende Verbreitung dieser Krankheit – aber auch etlicher anderer Autoimmunkrankheiten – scheinen somit äußere Einflüsse zu sein. Welche genau, liegt zwar noch im Dunkeln. Die Liste der Tatverdächtigen ist gleichwohl lang und umfasst, neben einem Mangel an Vitamin D, die verbesserten hygienischen Verhältnisse. So besagt die „Hygiene-Theorie“, dass das Immunsystem von Kindern, die in einer allzu keimfreien Umwelt aufwachsen, beim Kontakt mit bestimmten Erregern leicht in die Irre geleitet wird und in der Folge dazu tendiert, auch körpereigenes Gewebe zu attackieren.

          Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Anders als noch vor dreißig Jahren besitzen Personen mit Typ 1-Diabetes – hierzulande sind es schätzungsweise 300000 – inzwischen eine gute Lebenserwartung. Dennoch besteht nach wie vor ein Rückstand zur Allgemeinbevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommen schottische Epidemiologen nach Auswertung der Daten des umfassenden Diabetesregisters ihres Heimatlandes. Wie Shona J. Livingstone von der University of Dundee und ihre Kollegen im „Journal“ der amerikanischen Medizingesellschaft („Jama“, doi: 10.1001/jama.2014.16425) schreiben, waren zwischen 2008 und 2010 knapp 24700 Erwachsene mit Typ 1-Diabetes in der nationalen Datenbank erfasst. Im Durchschnitt 43 Jahre alt, mussten sie seit rund neunzehn Jahren Insulin spritzen. Etwas mehr als tausend von ihnen verstarben dann im Verlauf von drei Jahren. Dabei zeigte sich, dass die Betroffenen eine um elf bis dreizehn Jahre geringere Lebenserwartung aufwiesen als die Allgemeinbevölkerung. Zu den häufigsten Ursachen für ihren früheren Tod zählten an erster Stelle arteriosklerotisch bedingte Herzkreislaufattacken und an zweiter schwere Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels.

          Ergebnisse auf Deutschland übertragbar

          Wie Hans Hauner von der Technischen Universität München feststellt, dürften die Ergebnisse der schottischen Studie auf Deutschland übertragbar sein. „Genaue Aussagen sind hierzulande allerdings nicht möglich, da es bei uns leider keine Diabetesregister gibt“, fügt der Diabetologe hinzu. „Über Disease-Management-Programme werden zwar potenziell geeignete Daten gesammelt. Wissenschaftler haben zu diesen Daten aber keinen Zugang.“ Wie Hauner einräumt, sollte man die Resultate der schottischen Erhebung nicht zu negativ beurteilen. „Vor dreißig Jahren war die Lebenserwartung von Patienten mit Typ 1-Diabetes noch um zwanzig bis dreißig Jahre geringer als jene der Allgemeinbevölkerung.“ Dass sich die Situation der Betroffenen deutlich gebessert hat, liege an der intensivierten Insulintherapie und der Selbstkontrolle der Blutzuckerwerte.

          Je nachhaltiger der Blutzuckerspiegel dabei in Richtung Norm gesenkt wird, desto besser ist die Lebenserwartung der Betroffenen. Hinweise darauf liefern die Ergebnisse einer weiteren Registerstudie, der die einschlägigen Daten aus Schweden zugrunde liegen. Wie Marcus Lind von der Universität Göteborg und die anderen Autoren im „New England Journal of Medicine“ (doi: 10.1056/NEJMoa1408214) berichten, verstarben zwischen Januar 1998 und Dezember 2011 insgesamt acht Prozent der knapp 34000 Typ 1-Diabetiker, aber nur knapp drei Prozent der 69000 stoffwechselgesunden Vergleichspersonen. Nicht alle Diabetiker waren indes gleichermaßen von einem vorzeitigen Tod bedroht, sondern vornehmlich solche mit schlecht eingestelltem Blutzuckerkonzentrationen: Diese Personen wiesen eine zehnmal höhere Sterblichkeit auf als Männer und Frauen ohne Diabetes; bei Patienten mit normnahen Blutzuckerwerten war die Gefahr entsprechend „nur“ doppelt so hoch. Auch in dieser Untersuchung stellten arteriosklerotische Herzkreislaufattacken und diabetesbedingte Komplikationen den häufigsten Grund dar, weshalb die Diabetiker früher verstarben.

          Unterschiede zum „Alterszucker“

          Auf welche Weise ein Typ-1 Diabetes die Entstehung arteriosklerotischer Herzkrankheiten fördert, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Die gängigen Risikofaktoren, darunter hoher Blutdruck, zu viel Cholesterin im Blut und starkes Übergewicht, scheinen jedenfalls nicht die treibende Kraft zu sein. Denn anders als bei Patienten mit „Alterszucker“, einem vornehmlich auf ungesunde Lebensweisen zurückgehenden Typ-2 Diabetes, kommen solche Störungen bei Personen mit „jugendlichem“ Diabetes nicht häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. Unterschiede gibt es zwischen den beiden Patientengruppen darüber hinaus, was den Nutzen einer intensiven Insulintherapie angeht. Zwar erhöht diese in beiden Fällen das Risiko für eine lebensbedrohliche Unterzuckerung. Bei Personen mit Typ 1- Diabetes überwiegen die gesundheitlichen Vorteile einer solchen Behandlung aber bei weitem, während bei jenen mit „Alterszucker“ eher das Gegenteil zutrifft. „Dass auch die Lebenserwartung von Patienten mit Typ 2-Diabetes in den letzten zwanzig Jahren deutlich gestiegen ist, dürfte daher weniger auf einer besseren Blutzuckereinstellung beruhen“, erklärt der Diabetologe Hauner. Zurückführen lässt sich dieser Fortschritt eher auf eine konsequentere Kontrolle des Blutdrucks und der Blutfettwerte.

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