https://www.faz.net/-gwz-788vs

Interview zum Thema Frauen in Führungspositionen : Ärztinnen mit Kindern spüren die gläserne Decke

  • Aktualisiert am

Frauen in der Chefetage prägen oft einen anderen Stil. Bild: dapd

Frauen, die Spitzenpositionen bekleiden, sind noch immer selten. Das ist auch in der Medizin der Fall. Ein Gespräch mit Elisabeth Märker-Hermann, Präsidentin des diesjährigen Internistenkongresses in Wiesbaden und erste Frau an der Spitze der Gesellschaft für Innere Medizin.

          Frau Märker-Hermann, Sie sind nach 140 Jahren die erste Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. War die Wahl einer Frau überfällig?

          Überfällig ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber geboten. Mehr als ein Drittel der Mitglieder sind Frauen. Das muss sich irgendwann an der Spitze der Fachgesellschaft abbilden. Interessanter ist die Frage, warum erst nach 140 Jahren. Sie zielt auf ein Kernproblem. In Deutschland haben gerade einmal drei Frauen einen Lehrstuhl für Innere Medizin. Der Wahlmodus für den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sieht vor, dass drei Jahre hintereinander ein Ordinarius gewählt wird, im vierten Jahr der Chefarzt eines Lehrkrankenhauses. Bei drei Lehrstuhlinhaberinnen und ein paar Dutzend Chefärztinnen an Lehrkrankenhäusern kommen nicht viele Frauen in Frage.

          Warum ist die Wahl auf Sie gefallen?

          Es gab mehrere Gründe. Ich bin Rheumatologin. Dieses Fachgebiet hat noch nie einen Präsidenten gestellt. Ich stand auch zwei Jahre an der Spitze der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und habe in dieser Zeit schwierige Prozesse moderiert. Das hat mir viel Anerkennung eingebracht. Außerdem engagiere ich mich in verschiedenen Kommissionen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

          Elisabeth Märker-Hermann: Die erste Frau an der Spitze der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

          Welchen Stempel haben Sie dem diesjährigen Internistenkongress aufgedrückt?

          Das Motto „Innere Medizin - vom Organ zum System“ repräsentiert mein Verständnis von Medizin. Viele Krankheiten machen nicht an den Grenzen eines Organs halt. Wir sollten immer den ganzen Menschen mit seiner psychosozialen Befindlichkeit in den Blick nehmen. Ich möchte neben aller Spezialisierung das Systemdenken in der Medizin fördern.

          Welche Hürden müssen Ärztinnen auf dem Weg zum Chefsessel überwinden?

          Für eine Berufung an eine Universitätsklinik oder ein Lehrkrankenhaus werden eine Habilitation und eine ansehnliche Publikationsliste vorausgesetzt. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Wenn Ärztinnen aber gleichzeitig Kinder erziehen, bekommen sie schnell eine gläserne Decke zu spüren. Die Belastungen werden ihnen nicht zugetraut, Teilzeitarbeit wird abgewertet, oder sie werden durch Altersbeschränkungen an wichtigen Bewerbungen gehindert.

          Brauchen Frauen, die in der Medizin eine Spitzenposition einnehmen wollen, einen männlichen Mentor? Und wenn ja, wofür?

          Solange überwiegend Männer über die Bewerbung von Frauen entscheiden, werden Frauen einen Mentor brauchen. Davon bin ich fest überzeugt. Ich wüsste nicht, wie sich die Frauen sonst Zutritt zu den relevanten Netzwerken in der Medizin verschaffen sollten.

          Sie haben sich öffentlich gegen eine Frauenquote in der Medizin ausgesprochen. Warum halten Sie nichts davon?

          Eine Quote löst nicht das Problem. Habilitation und wissenschaftliche Expertise müssen die Voraussetzungen für eine Berufung bleiben. Frauen, die nur wegen der Quote und ohne diese Qualifikationen berufen würden, hätten immer mit einem Mangel an Autorität zu kämpfen. Wir müssen dafür sorgen, dass den Frauen die Habilitation und das wissenschaftliche Arbeiten neben Weiterbildung und Kinderbetreuung nicht unnötig schwer gemacht werden.

          Leistung ist das eine, Einfluss das andere Instrument auf dem Weg nach oben. Fehlt es den Frauen an Einfluss in der Medizin?

          Es fehlt nicht an Einfluss als Vorbild, etwa in der Weiterbildung zum Facharzt oder im Umgang mit den Patienten. Aber es fehlt vielen Ärztinnen am Willen zur Macht. Frauen halten sich trotz guter Leistungen im Hintergrund, neigen zur falschen Bescheidenheit. Sie warten darauf, dass jemand auf sie zukommt, statt selbst aktiv zu werden. Viele fürchten auch Konflikte, die man als Chefärztin zwangsläufig auszustehen hat. Mit Gegenwind muss man einfach umgehen lernen.

          Was raten Sie jungen Kolleginnen?

          Ich rate dazu, selbst zu forschen, weil wissenschaftliches Arbeiten selbstbewusster macht. Und ich rate jungen Kolleginnen dazu, sich über ihre Ziele klarzuwerden und diese bei Bewerbungen auch deutlich zu formulieren.

          Die Fragen stellte Hildegard Kaulen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ende der Rechts-Koalition : Österreich will rasche Neuwahlen

          Die rechtskonservative Regierung in Österreich ist zerbrochen. Wie lange dauert es, bis wieder klare Verhältnisse herrschen? Zunächst soll der Fahrplan zur Neuwahl besprochen werden. Und was bedeutet das für die Europawahl?

          Bayern München : Der ewige Meister

          Titel Nummer 29: Der FC Bayern gewinnt das Saisonfinale 5:1 gegen Eintracht Frankfurt, die sich mit Mainzer Hilfe dennoch für Europa qualifiziert. Ribéry und Robben treffen zum Abschied: „Ich liebe Euch. Mia san mia.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.