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Interview mit Michael de Ridder : Sterben gehört nicht ins Krankenhaus

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Immerhin hat die Bundesvertretung der Medizinstudierenden gerade dafür gestritten, dass Palliativmedizin ein eigenes Fach im Studium bleibt und nicht mit der Schmerztherapie zusammengelegt wird.

Von den Anästhesisten war und ist es unangemessen, zu glauben, sie könnten mit der Schmerzmedizin auch das gesamte Feld der Palliativmedizin mit übernehmen. Vielmehr ist die Schmerzmedizin ein Teil der Palliatvmedizin und nicht umgekehrt. Palliativmedizin ist seit kurzem Prüfungsfach, und das hat auch mit Initiativen zu tun, die aus der Studentenschaft kommen. Ein Beispiel: Zusammen mit meinem Kollegen Matthias Gockel leite ich eine kleine Stiftung für Palliativmedizin. Im kommenden Jahr werden wir den Stiftungspreis an eine Gruppe von Medizinstudenten verleihen, die sich um die Propagierung der Palliativmedizin im Rahmen des Medizinstudiums besonders verdient gemacht haben.

Welche Veränderungen sind erforderlich, damit die Bedeutung der Palliativmedizin in der Ausbildung und Praxis von Medizinern besser verstanden würde?

Der Palliativgedanke muss entsprechend der Bedeutung, die ihm zukommt, nachhaltiger zur Geltung kommen. Ein Beispiel: Wenn zu mir jemand in die Rettungsstelle kommt, mit rasenden Kopfschmerzen, erwartet derjenige zunächst raschen Beschwerderückgang, das heißt Linderung. Erst dann will der Patient die Ursache wissen. Der Palliativgedanke, also das Symptom zu lindern, ist immer das Erste und Grundlegende in der Medizin. Die ursächliche, kurative Abklärung eines Symptoms ist immer nachgeordnet. Im strengen Sinn kurativ behandeln kann man in der Medizin im Übrigen nur wenig: Infektionen, Knochenbrüche, auch einige Leukämieformen. Für die großen Krankheiten - etwa Diabetes, Bluthochdruck - haben wir nur Möglichkeiten zur Verfügung, die die Amerikaner mit dem Begriff „half-way technologies“ beschreiben. Das heißt, man kann sie noch nicht kurativ behandeln, aber wir können sie so behandeln, dass die Menschen weitestgehend beschwerdefrei mit ihnen leben können. Natürlich ist der Palliativgedanke, bezogen auf das Lebensende, enger gefasst. Aber im Prinzip geht es um das Gleiche: um gute Symptombehandlung, unabhängig davon, ob ich ein Sterbender bin oder nicht. Der kurative Aspekt ist natürlich auch immer von größter Bedeutung, aber man muss sich diesen Zusammenhang klarmachen, um den Wert von Palliativmedizin und die Bedeutung, die sie hat, richtig einzuschätzen. Letztlich geht es darum, den Palliativgedanken in der Medizin mehr zu verankern und ihn für die Patientenzufriedenheit mehr als bisher nutzbar zu machen.

Das heißt, Palliativmedizin und kurative Medizin sind gar nicht unbedingt immer ein Gegensatz.

Nein, sie ergänzen einander und verschränken sich oftmals miteinander. Beispiel: die „palliative Chemotherapie“. Auf den ersten Blick scheint das ein Widerspruch zu sein - ist es aber nicht -, bei einem Tumor zum Beispiel, der Knochenmetastasen und schwere Schmerzen mit sich bringt. Mit einer palliativen Chemotherapie kann man die Metastasen unter Umständen zum Einschmelzen bringen und so weniger Schmerzen und weniger Schmerzmittelgebrauch erreichen. Es geht hier auch darum, den Krankheitsprozess in gewisser Weise aufzuhalten. Man kann dadurch eine Verlängerung der Überlebenszeit erreichen, was ja sinnvoll, ja geradezu geboten sein kann. Stellen wir uns vor, jemand hat einen metastasierenden Tumor. Er hat einen Sohn in Australien, der aber erst in vier Wochen kommen kann und der seinen Vater - und der den Sohn - noch einmal sehen möchte. Dann sollte alles Menschenmögliche unternommen werden, um Vater und Sohn diesen Wunsch zu erfüllen.

Die Fragen stellte Christina Hucklenbroich.

Michael de Ridder leitete von 1996 bis 2011 die Rettungsstelle des Vivantes- Klinikums in Berlin. Bekannt wurde er durch sein Buch „Wie wollen wir sterben?“ (DVA), das 2010 erschien. Darin plädiert er für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin.

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