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Interview mit Michael de Ridder : Sterben gehört nicht ins Krankenhaus

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Arbeiten auch Ärzte ständig im Hospiz?

Nein. Das Team dort besteht pro Schicht aus vier Pflegekräften für maximal sechzehn Patienten. Dazu kommen ehrenamtlich Tätige, die beispielsweise im Hospiz eine Sitzwache übernehmen können, vorlesen oder Gespräche führen. Selbstbestimmung, Wünsche erfüllen, das steht für uns ganz obenan. Wenn beispielsweise ein Patient nachts um vier Uhr Mousse au Chocolat haben will, dann machen wir das. Wir haben auch eine Küche, in der Besucher für ihre sterbenden Angehörigen auf Wunsch selbst kochen können. Der symbolische Gehalt der Zubereitung einer Mahlzeit für einen Menschen ist ja enorm hoch, ein wichtiger Teil unseres Konzeptes. Aber es wird natürlich immer Probleme geben, für die man auch am Lebensende einen Spezialisten hinzuzieht, um die Symptombehandlung wirklich optimal zu gestalten, etwa bei speziellen Schmerztherapien.

Nach welchen Kriterien werden die Plätze in Ihrem Hospiz vergeben?

Der Landesverband der Betriebskrankenkassen, der Vertreter unser Kostenträger, macht bestimmte Vorgaben. Zum Beispiel sollte die ärztlich abschätzbare Lebenserwartung eines Patienten wenige Wochen nicht überschreiten. In den Berliner Hospizen lag im Jahr 2010 die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten zwischen 22 und 24 Tagen. Vielleicht an dieser Stelle ein Hinweis: Kliniken sollten ein Hospiz nicht „missbrauchen“: Das tun sie dann, wenn sie Menschen ins Hospiz verlegen, die bereits unmittelbar im Sterbeprozess sind; Menschen also, die absehbar nur noch wenige Stunden leben und unter Umständen nur deswegen verlegt werden, weil die Klinik die Zahl der eigenen Sterbefälle niedrig halten will.

Werden nur Vivantes-Patienten aufgenommen?

Vivantes versorgt in Berlin etwa ein Drittel aller Patienten, die eine klinische Behandlung benötigen, für 600 von ihnen war 2010 ein Hospizplatz indiziert. Wir konnten jedoch nur etwa die Hälfte von ihnen in den existierenden Berliner Hospizen unterbringen. Auch das war für uns ein Anlass für die Gründung eines eigenen Hospizes. Dennoch sind wir grundsätzlich für alle Berliner offen. Natürlich wollen wir unsere eigenen Kliniken „bedienen“, wir haben drei Onkologien und eine HIV/AIDS-Station, aus der Patienten zu erwarten sind. Vermutlich wird es eine Warteliste geben. Dann geht es nach der Dringlichkeit der Indikation. Letztlich aber muss da jedes Hospiz seinen eigenen Weg finden.

Trotz allem wollen offenbar die meisten Menschen zu Hause sterben. In den meisten europäischen Ländern sterben allerdings noch immer zwischen fünfzig und siebzig Prozent der Menschen im Krankenhaus.

In Deutschland sterben etwa 45 Prozent aller Bundesbürger in der Klinik. Das ist immer noch zu viel. Man sagt oft über unsere Medizin, das Sterben sei in ihr nicht vorgesehen, Ziel sei schließlich das Überleben des Patienten, seine Heilung. Ich bin nicht sicher, ob man das so sagen sollte. Aber: Die Medizin wird den terminal Kranken allzu oft nicht gerecht, zumal in der Institution Krankenhaus. Eines meiner Hauptanliegen ist es, deutlich zu machen, dass kurative Medizin und palliative Medizin gleich wichtig und ethisch gleichrangig sind. Und dass man etwas dafür tun muss, dass junge Mediziner nicht nur dort Karriere machen wollen, wo es um medizintechnische Methoden, um bildgebende Verfahren, um Endoskopie und Herzkatheter geht, sondern dass sie den ärztlichen Auftrag auch dann als bedeutsam und erfüllend wahrnehmen, wenn man nicht mehr kurativ tätig sein kann, sondern palliativ tätig werden muss. Dem mehr Gewicht zu verleihen wird vermutlich durch den demographischen Wandel erzwungen, aber im Augenblick ist das diesbezügliche ärztliche Interesse noch sehr verhalten.

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