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Innere Medizin : Ein gestörtes Miteinander

  • -Aktualisiert am

Verdammte Sauberkeit: Führt ein intensiver Hang zur Reinlichkeit die Entwicklung von Darmentzündungen?

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          Zuviel Sauberkeit schadet offenbar der Gesundheit, und zwar nicht nur im Hinblick auf die adäquate Ausbildung des Immunsystems und damit die Anfälligkeit für Allergien. Zuviel Reinlichkeit fördert womöglich auch die Entstehung chronischer Darmerkrankungen. Epidemiologen jedenfalls haben bemerkenswerte Beobachtungen gemacht, die zum besseren Verständnis einer solchen als Morbus Crohn bekannten Krankheit beitragen könnten. In London, so wurde jetzt auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden gezeigt, geht die Einführung von Hygienemaßnahmen mit einem Anstieg der Crohn-Krankheit einher. Die an sich wünschenswerte Verbesserung der Lebensverhältnisse während der frühen Kindheit stellt für die Krankheit fatalerweise einen Risikofaktor dar. Angehörige niedrigerer sozialer Schichten haben dagegen ein geringeres Risiko zu erkranken.

          Insgesamt steigt die Rate der Neuerkrankungen an Morbus Crohn an. Über die Ursachen freilich rätseln die Ärzte nach wie vor. Sie machen sich nun daran, das Rätsel der chronischen Entzündung am Darmtrakt zu lösen. Die Krankheit tritt in zwei Varianten auf, die als Morbus Crohn und Kolitis ulcerosa bezeichnet werden. Letztere befällt nur den Dickdarm, die Crohn-Krankheit vornehmlich den letzten Teil des Dünndarms, kann aber an allen Stellen des Magen-Darm-Trakts auftreten.

          Modellkrankheit für chronische Entzündungen

          Der Morbus Crohn wird von den Forschern heute als Modellkrankheit für die Entstehung chronischer Entzündungen angesehen. Schon vor einigen Jahren haben Wissenschaftler ein für die schmerzhaften Veränderungen der Darmschleimhaut mit entscheidendes Gen, NOD-2, entdeckt. Eine Mutation in dieser Erbanlage macht die Betroffenen empfänglich für Morbus Crohn. Liegt die genetische Störung vor, ist die Kommunikation zwischen dem Immunsystem und den Bakterien gestört, die auch bei Gesunden im Darm vorkommen. Sie werden als kommensale Keime bezeichnet. Sie leben mit ihrem Wirt üblicherweise in Harmonie.

          Ist das Genprodukt des NOD-2 Gens hingegen verändert, werden zuwenig Defensive gebildet - Stoffe, die die Eindringlinge abwehren sollen. Dann werden bakterielle Bestandteile, die die dendritischen Zellen der Schleimhaut für das Immunsystem aufbereiten, nicht mehr eliminiert. In diesem Fall sind die an sich harmlosen kommensalen Bakterien Ursache einer dauerhaften entzündlichen Reaktion, wie Markus Neurath von der Universität berichtete. Eine Reihe neuerer Beobachtungen stützt diese Annahmen. So bildet sich die Entzündung zurück, wenn der fäkale Strom für eine Zeit ausgeschaltet wird, etwa durch eine vorübergehende Ableitung des Darmes durch einen künstlichen Ausgang. Und keimfrei gehaltene Mäuse entwickeln trotz eines defekten NOD-2 Gens keinen Morbus Crohn. Wahrscheinlich ist der Gendefekt nicht die einzige Ursache für Morbus Crohn. In Amerika und Europa wird er nur bei zehn bis fünfzehn Prozent der Betroffenen gefunden. In Japan kommt er überhaupt nicht vor. Die Wissenschaftler folgern daraus, daß verschiedene Genveränderungen zur chronischen Entzündung. Daher haben Experten am Rande des Kongresses schon vorgeschlagen, man solle nicht von der Crohn-Krankheit, vielmehr vom Crohn-Syndrom sprechen.

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