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Influenzaviren : Die Grippe hat Deutschland fest im Griff

  • -Aktualisiert am

Bild: ddp

Neue Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen: Die Grippewelle in Deutschland ist noch längst nicht zu Ende. Der Virustyp H3N2 hat besonders viele Menschen infiziert.

          3 Min.

          „Hohe Grippe-Aktivität in Deutschland“ - so lautet das Fazit des aktuellen, heute veröffentlichten Wochenberichtes zur Influenza, der regelmäßig vom Robert-Koch-Institut (RKI) herausgegeben wird. Eine regelrechte „Grippewelle“ verzeichnet das RKI seit Mitte Januar. In der vergangenen Woche haben die akuten Atemwegserkrankungen im Vergleich zur Vorwoche wieder deutlich zugenommen. Zwar zählen zu den Atemwegsinfektionen nicht nur Grippeerkrankungen, die durch Influenzaviren ausgelöst werden, sondern auch Infektionen mit anderen Viren. Dennoch gilt die Zahl der Patienten, die sich mit Atemwegsinfektionen an Praxen wenden, als guter Indikator für die Frage, wie sich eine Grippewelle entwickelt. Denn in der Mehrzahl haben sich diese Patienten tatsächlich mit Influenzaviren angesteckt: Allein in 63 Prozent der Proben, die in der Beobachtungswoche - der siebten Kalenderwoche - beim RKI landeten, wurden Influenzaviren nachgewiesen. Die Zahl der Arztbesuche wegen Atemwegsinfektionen stieg deutlich, insgesamt um zwölf Prozent. Am stärksten war der Anstieg bei den über Sechzigjährigen; hier lag er bei 26 Prozent.

          Der Influenza-Bericht des RKI erscheint während der Wintersaison wöchentlich. Er erfasst alle Atemwegserkrankungen, die von Ärzten diagnostiziert werden, die Zahl der Arztbesuche wegen solcher Erkrankungen und virologische Untersuchungsergebnisse, die Aufschluss darüber geben, welche Viren kursieren. Seit Beginn der Saison 2014/15 wurden bisher im Nationalen Referenzzentrum für Influenza mehr als 400 Influenzaviren angezüchtet und auf ihre genetischen Eigenschaften hin untersucht. Die isolierten Typ A-Influenzaviren gehören zu 86 Prozent dem Subtyp A(H3N2) an. Diese Information ist wichtig, denn die bisher analysierten A(H3N2)-Viren reagieren nicht mehr so gut in einem Test, mit dem man überprüft, wie gut ein Erreger zu dem aktuellen Impfstamm passt, mit dem die Menschen, die sich in dieser Saison für eine Grippeimpfung entschieden haben, geimpft wurden.

          Ausbreitung der Influenza

          Grippe-Aktivität in Deutschland

          1. Woche 2015

          Einziger Schutz

          „Hier muss mit einer möglicherweise reduzierten Impfwirkung gerechnet werden“, sagt Silke Buda, Leiterin der Arbeitsgruppe Influenza des RKI. Dies belegten auch Zahlen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte schon im Januar bestätigt, dass sich Unterschiede zwischen Impfstoff und Erreger des Subtyps andeuteten. Der besonders verbreitete Virustyp hat sich seit der Empfehlung für die Impfstoffzusammensetzung, die bereits im Frühjahr 2014 von der WHO festgelegt wurde, wieder verändert. Das im Vakzin enthaltene Eiweiß stimmt nun nicht mehr mit dem Oberflächeneiweiß des Erregers überein. Dennoch, so betonen Experten, ist der Impfstoff der einzige mögliche Vorabschutz vor einer Grippeerkrankung. „Denn gegen die anderen Subtypen wirkt er ja“, sagt Buda. Die bisherige Impfquote sei aber immer noch nicht zufriedenstellend. Nach bisherigen Erkenntnissen lassen sich weniger als dreißig Prozent der Bevölkerung gegen Grippe impfen. Etwa die Hälfte der Älteren sei gegen Influenza geimpft, sagt Buda. Bei der Risikogruppe der Schwangeren ist es kaum ein Viertel. Vor allem Ältere, Menschen jeden Alters mit chronischen Grunderkrankungen oder Personen, die im medizinischen Bereich arbeiten, gehören zur Risikogruppe und sollten sich impfen lassen.

          Stark betroffen von der Grippewelle ist derzeit Süddeutschland. In Bayern ist jeder zweite Patient, der sich mit einer akuten Atemwegsinfektion an einen Arzt wendet und dessen Proben untersucht werden, an Grippe erkrankt. Bei 75 Prozent dieser Patienten ist der Typ H3N2 verantwortlich für die Erkrankung. Mehr als die Hälfte dieser Grippe-Patienten hat Fieber von mehr als 39°C. Die Daten werden beim bayerischen Landesamt für Gesundheit registriert.

          Keine Prognosen

          Klare Prognosen, wie „groß“ die Welle in dieser Saison insgesamt noch werden wird, gibt es noch nicht. „Wir haben die Werte der Welle 2012/13 jedenfalls noch nicht erreicht“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI. In der Wintersaison 2012/13 erfasste Deutschland eine besonders heftige Grippewelle. Damals gab es geschätzte 7,7 Millionen influenzabedingte Arztbesuche, nur 2004/2005 war diese Zahl höher. Die Zahl der Krankschreibungen erreichte mit geschätzten 3,4 Millionen Personen zwischen fünfzehn und 59 Jahren den höchsten Wert des Jahrzehnts. Die Grippewelle dauerte auch länger als in vielen anderen Jahren, insgesamt neunzehn Wochen. „Das erinnert daran, wie unterschiedlich Grippewellen verlaufen können und dass der Verlauf nicht vorhersagbar ist. Die Schutzmöglichkeiten durch Impfung und Hygiene sollten immer genutzt werden“, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) damals in einer Pressekonferenz anlässlich einer abschließenden Bewertung der schweren Welle.

          Derart umfassend bewerten könne man die aktuelle Welle zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, sagt Glasmacher. „Und auch voraussagen kann man noch nichts. Was man schon jetzt sagen kann, ist: Die Welle hat nicht so früh begonnen wie vor zwei Jahren.“ Die Influenza breitet sich auch in anderen Ländern Europas aus, vor allem in den west- und mitteleuropäischen Ländern. In zwanzig Ländern wurde über eine steigende Influenza-Aktivität berichtet. Acht Länder verzeichneten eine hohe Grippeaktivität, in Luxemburg ist sie am höchsten. Die in Deutschland besonders verbreiteten Influenza A(H3N2)-Viren dominieren auch in den meisten anderen europäischen Ländern.

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