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Infektionen mit Mers-CoV : Die Angst vor dem neuen Coronavirus steigt

  • Aktualisiert am

Eine Notaufnahme in Riad Bild: AFP

Das Virus Mers-CoV breitet sich in der arabischen Welt immer schneller aus. Saudi-Arabien meldet fast täglich Tote. Jetzt streiken erste Ärzte aus Angst vor Ansteckung. Zwei neue Studien fanden allerdings wirksame Antikörper – ein erster Hoffnungsschimmer.

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          „Möge Allah sich ihrer erbarmen“ wünscht die Gesundheitsbehörde in Saudi-Arabien auf ihrer Webseite den Menschen, die an dem gefährlichen Coronavirus Mers gestorben sind. Am Dienstagmorgen waren es in dem Königreich 102 Tote – 21 mehr als noch eine Woche zuvor. Entdeckt wurde der Erreger im September 2012, und am meisten betroffen ist der Ölstaat Saudi-Arabien.

          Seit wenigen Wochen steigen die Zahlen dort sprunghaft an. Die Regierung in Riad rüstet sich: Der Gesundheitsminister wurde ausgetauscht und Spezialzentren mit Isolierstationen in drei Städten eingerichtet. Doch von Riad, Dschidda oder Mekka gelangt das Virus auch in andere Länder und verbreitet Angst. Am Wochenende meldete Ägypten einen ersten Verdachtsfall. Ein Rückkehrer aus Saudi-Arabien hatte Symptome aufgewiesen. Zuletzt waren insbesondere Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern betroffen, die mit Erkrankten in Kontakt kamen. So wurde eine 38 Jahre alte philippinische Apothekerin in Riad ins Krankenhaus gebracht, sie hatte sich offenbar angesteckt. In Dschidda wurde der Erreger Mers-CoV (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus) bei einer 30 Jahre alten indischen Krankenschwester diagnostiziert. In Mekka erkrankte ein 32 Jahre alter sudanesischer Arzt daran.

          Ärzte verweigern die Behandlung

          Viele saudische Mediziner weigern sich aus Angst vor Ansteckung inzwischen, Infizierte überhaupt zu betreuen. Denn bislang gibt es weder eine Impfung noch eine Therapie. Der Körper muss versuchen, den Erreger selbst zu bekämpfen, der zu schwerer Lungenentzündung führen kann.

          Mers-Coronaviren

          Einen Hoffnungsschimmer im Hinblick auf die Therapie bieten nun zwei neue Studien. Zunächst hatten Wissenschaftler um Wayne Marasco von der Harvard Medical School in einer Antikörper-Datenbank sieben Antikörper gefunden, die in der Lage waren, Mers-CoV außer Gefecht zu setzen. Vor allem ein Antikörper, 3B11, sei vielversprechend und biete sich für weitere Forschung an, schreiben die Forscher in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Die Wissenschaftler beobachteten auch, wie das Virus mutierte, nachdem es den Antikörpern ausgesetzt worden war. Sie fanden heraus, dass die Mutationen, die das Virus befähigten, dem Antikörper zu entkommen, es allgemein schwächten.

          Erste Hinweise auf Antikörper

          Forscher um Liwei Jiang von der Tsinghua Universität in Peking identifizierten ebenfalls in einer Datenbank für menschliche Antikörper zwei Kandidaten, die im Labor in der Lage dazu waren, das Virus Mers-CoV zu neutralisieren. Sie nannten die Antikörper MERS-4 und MERS-27; beide blockierten genau diejenige Region an den Glykoproteinen der Virushülle, die letztlich den Kontakt zur menschlichen Zelle herstellt und sie somit infiziert. Es handele sich bei MERS-4 und MERS-27 um vielversprechende Kandidaten für ein prophylaktisches und therapeutisches Vorgehen gegen eine Infektion mit dem neuen Coronavirus, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“.

          Warum das Coronavirus vor allem in Saudi-Arabien auftritt, weiß man nicht. Die Erreger können sowohl in Vögeln als auch in Säugetieren vorkommen. Einige Studien weisen darauf hin, dass Mers seinen Ursprung in Fledermäusen hat. Wissenschaftler konnten das Virus aber auch in Kamelen nachweisen. Unlängst wies Bart Haagmans vom Erasmus Medical Center in Rotterdam bei drei Dromedaren von einer Farm in Qatar Nukleinsäuren von Mers-CoV nach. das nachgewiesene Material war identisch mit dem Isolat, das bei dem erkrankten Farmbesitzer gefunden worden war. Wer aber wen anstevcke – Dromedare den Menschen oder umgekehrt –, sei noch nicht klar, schrieben Haagmans und seine Kollegen in „Lancet Infectious Disease“ (Bd.14, S.140).

          Bei Dromedaren verbreitet

          Die meisten Dromedare auf der arabischen Halbinsel haben bereits eine Mers-CoV-Infektion durchgemacht. Bei der Untersuchung von 651 Blutproben von Tieren aus den Arabischen Emiraten fand Christian Drosten von der Universität Bonn in fast jeder Probe Antikörper gegen das Virus. Bei Dromedaren aus deutschen Zoos aber fanden sich keine Antikörper.

          Tarik Jasarevic, Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), erklärt: „Uns geht es jetzt darum, herauszufinden, wie der Erreger von Kamelen auf Menschen überspringt.“ Es gibt Hinweise, dass die Symptome bei einer Ansteckung von Mensch zu Mensch weniger schwerwiegend sind, als wenn der Erreger vom Tier auf den Menschen übergeht. Zugleich räumt der Experte ein: „Wir wissen noch immer nicht genug.“ Eine neue WHO-Delegation aus Medizinern will sich nun auf den Weg in das Königreich machen, um nach Antworten zu suchen.

          Noch weniger ansteckend

          Vor zehn Jahren waren am Sars-Erreger, der ebenfalls zu den Coronaviren zählt, weltweit rund 800 Menschen gestorben. Mers gilt noch als weniger ansteckend. Aber vor allem das Auftreten des Erregers im islamischen Pilgerort Mekka alarmiert die Behörden. Denn bei der jährlichen großen Wallfahrt, dem „Hadsch“, versammeln sich dort mehr als zwei Millionen Gläubige aus aller Welt. Sie wird dieses Jahr Anfang Oktober erwartet.

          Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gibt es in Saudi-Arabien zwar mit Abstand die meisten Mers-Fälle. Doch der Erreger ist schon in vielen Ländern aufgetaucht - offiziell von der WHO bestätigt sind bislang 261 Infektionsfälle und 93 Tote. Nachweislich betroffen waren demnach in der Arabischen Welt vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate aber auch Jordanien, Kuwait, Oman, Katar und Tunesien. In Europa waren es Frankreich, Griechenland, Italien, Großbritannien und auch Deutschland. In München war im März 2013 ein 73 Jahre alter Mers-Patient aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gestorben. Ferner wurde der Erreger in Malaysia und auf den Philippinen diagnostiziert. Schon im vergangenen Jahr warnte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan, dass der Erreger „eine Gefahr für die ganze Welt“ sei.

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