https://www.faz.net/-gwz-y8dk

Individualisierte Medizin : Im Krankenhaus wird jetzt scharf geschossen

Genetische Differenzen im therapeutischen Blick Bild: dpa

Genprofile und Moleküle werden in der Medizin zum Maß der Dinge, in der Therapie wie in der Vorsorge. Ein Fortschritt, der teuer werden könnte. Dabei wünschen sich viele von einer maßgeschneiderten Medizin vor allem eins: mehr Zuwendung.

          6 Min.

          So klingt es, wenn einer der Väter des Humangenomprojektes, Francis Collins, von der neuen Medizin spricht: „Wir bauen jetzt ein neues nationales Autobahnnetz für eine personalisierte Medizin. Die Investitionen sind enorm. Bald werden wir erleben, wie die Ärzte und Patienten sich auf diesen Straßen zurechtfinden, um zu besseren Ergebnissen und einer besseren Gesundheit zu kommen.“ Und so klingt es, wenn die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie Stellung bezieht: „Wir bezweifeln die Finanzierbarkeit zielgerichteter Krebstherapien. Trotz steigender Investitionen und Umsätze bleibt ein breiter Erfolg aus.“

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Bedenken hier, Visionen da. Geht beides zusammen? Durchaus, denn beide Positionen finden sich immer wieder in der Debatte, wenn es um jene medizinische Richtung geht, die vor ein paar Jahren mit dem Begriff individualisierte Medizin eingeführt wurde und nun dabei ist, den Medizinbetrieb auf den Kopf zu stellen. Die ersten Bauabschnitte von Collins Projekt sind ins Werk gesetzt. Gleichzeitig erweitert sich die Diskussion zusehends. Wie breit sie inzwischen tatsächlich geworden ist, dass es nämlich nicht nur um die Bezahlbarkeit und um Heilsbotschaften einer auf das persönliche Genom zurechtgeschnittenen Therapie geht, sondern immer auch um Fragen der Gerechtigkeit und um die konkrete Realisierbarkeit, ja sogar darum, was man unter Individualität im Medizinbetrieb überhaupt verstehen, will, das alles haben jetzt die „Cadenabbia-Gespräche“ der Konrad-Adenauer-Stiftung im italienischen Urlaubsdomizil des Altbundeskanzlers vor Augen geführt.

          Szenarien einer genombasierten Medizin

          In gewisser Weise waren die mehrtätigen Gespräche zwischen Medizinern, Juristen, Ökonomen, Politikern und Ethikern eine wenn auch moderate und konstruktive Fortsetzung der von Bundesbanker Sarrazin angezettelten Biologismus-Debatte. „Wir müssen individuelle Unterschiede akzeptieren“, forderte der Züricher Philosoph Hermann Lübbe von einer Massengesellschaft – gerade auch, wenn es wie in der neuen Medizin um genetische Unterschiede gehe. Die Ungleichheiten, das war eine der oft geäußerten Befürchtungen, könnten sich verstärken – sei es, weil nur die Menschen mit günstigeren Genkonstellationen profitieren und sich besser schützen können, sei es, weil viele kaum in den Genuss der bislang jedenfalls noch enorm teuren zielgerichteten Therapien kommen könnten.

          Der Heidelberger Medizinethiker und Jurist Jochen Taupitz jedenfalls machte auf gesellschaftliche Schräglagen aufmerksam: „Das Gefühl der Ungleichbehandlung ist bei den Menschen schon heute vorherrschend.“ Eine vorsichtige Mahnung, die von dem Kölner Verfassungsjuristen Wolfram Höfling massiv verstärkt wurde, indem er auf die möglichen Szenarien einer genombasierten Medizin in der Krankheitsvorsorge anspielte: Wer seine genetischen Schwachstellen kennen muss, weil eine „Pflicht zur Gesundheit“ verordnet werde, beteilige sich am Aufbau eines anderen „anthropologischen Leitbilds“. Höfling: „Die Patienten werden zu Koproduzenten ihrer Gesundheit.“ Was einerseits gewünscht ist, was aber nach Überzeugung Höflings die Pflicht zur Eigenverantwortung des Patienten überdehnt und nicht mehr mit der garantierten Patientenautonomie vereinbar sei. „Direkte Gebote sind nicht mit Zwängen durchsetzbar.“

          Weitere Themen

          Gelungene Mars-Landung Video-Seite öffnen

          Chinesischer Rover : Gelungene Mars-Landung

          Der chinesische Rover „Zhurong“ ist Staatsmedien zufolge erfolgreich auf dem Mars gelandet. Ziel der Mission ist es, Daten zu Wasservorkommen im Untergrund zu sammeln und nach Hinweisen auf Leben zu fahnden.

          Topmeldungen

          Marokkanische Migranten am 18. Mai bei der Ankunft in Ceuta

          Migration aus Marokko : Ansturm auf Ceuta

          Tausende Menschen sind innerhalb eines Tages in die spanische Exklave Ceuta geströmt. Die politische Botschaft aus Rabat: Ohne Marokko lässt sich der Kampf gegen die illegale Migration nach Europa nicht gewinnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.