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Immuntherapien : Neue Waffen gegen den „kalten“ Krebs

  • -Aktualisiert am

Forscher unterscheiden inzwischen „kalte“ und „heiße“ Tumoren: Mikroskopische Aufnahme von Melanomzellen (schwarzer Hautkrebs) an der Universität Rostock. Bild: dpa

Ist man schon auf dem Weg zur Krebs-Impfung? Auf dem Asco-Kongress in San Francisco diskutierten Ärzte darüber, wie man das Immunsystem im Kampf gegen Tumore nutzen könnte - und warum manche Krebsarten gefährlicher sind als andere.

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          Das Immunsystem kann nur dann Eindringlinge in den Organismus, die Erreger von Krankheiten, bekämpfen, wenn seine Radarfunktion intakt ist. Es ist geübt von früher Kindheit an, fremdes Gewebe von eigenem zu unterscheiden und Bakterien und Viren zu erkennen. Krebszellen bilden aufgrund des genetischen Schadens, der Ursache für ihre ungebremste Wucherung ist, eine Vielzahl veränderter Eiweiße und Oberflächenstrukturen aus. Wissenschaftler beschäftigte daher schon seit Jahrzehnten die Frage, warum es dem sonst so einfallsreichen Abwehrsystem nicht gelingt, Tumorzellen zu identifizieren und zu bekämpfen.

          Die Versuche, das Immunsystem unspezifisch anzuregen, um die Abwehr gegen den Tumor zu stimulieren - etwa durch Impfungen gegen verbreitete Erreger wie die Tuberkulose -, zeitigten nur bescheidene Erfolge. Erst in jüngster Zeit ist es Wissenschaftlern gelungen, das Immunsystem durch gezielte Eingriffe im Kampf gegen Krebszellen zu ertüchtigen. So können Patienten mit schwarzem Hautkrebs selbst in fortgeschrittenem Stadium mit einer Immuntherapie behandelt werden. Die Therapie führt zur lange anhaltenden Rückbildung der Krebsherde (F.A.Z. vom 22. April 2015). Doch ist die teilweise unter den Experten zu beobachtende Euphorie, die Ergebnisse auf andere Tumorleiden übertragen zu können, der Erkenntnis gewichen, dass Krebs nicht gleich Krebs ist. Was für einen Tumor gilt, muss nicht bei anderen Gültigkeit haben.

          Pionierarbeit aus Pennsylvania

          Es ist deshalb notwendig, die Vorgänge im Tumor und seiner Umgebung besser zu verstehen. Pionierarbeit leisten Wissenschaftler um Robert Vonderheide von der University of Pennsylvania. Anlässlich der Tagung der amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie (GI-ASCO) in San Francisco in der vergangenen Woche gewährte er einen Einblick in das komplexe Wechselspiel zwischen Tumor und Wirt. Die in den vergangenen zwei Jahren zu verzeichnenden Erfolge einer Immuntherapie gelingen demnach nur bei solchen Geschwülsten, in deren Umgebung sich reichlich T-Abwehrzellen finden. Diese Zellen bilden gleichsam ein entzündliches Netzwerk, das das bösartige Gewebe unschädlich machen soll. Doch Immunreaktionen haben eine eingebaute Bremse, sie werden häufig eigenständig wieder herunterreguliert. Bei einigen Tumoren führt dies im Zusammenspiel mit den Gegenreaktionen der Tumoren zu einer Unterdrückung der Abwehr gegen die Krebszellen: Der Tumor entkommt dem Abwehrsystem. Die Wissenschaftler sprechen von einem immunologischen Escape-Phänomen.

          Dieses Phänomen kann durch Blockade von Schaltstellen des Immunsystems, den Immun-Checkpoints, wieder rückgängig gemacht werden. Dazu werden Antikörper gegen die entsprechenden Moleküle eingesetzt, etwa der Programmed-Death-Receptor 1, der bei der Regulation der Abwehrreaktion eine zentrale Stellung einnimmt. Beim Melanom ist die Gabe von Immun-Checkpoint-Blockern wirksam. Doch bei der Mehrzahl anderer Tumoren helfen die neu zugelassenen Medikamente nicht oder nur wenig. Das bestätigten nicht zuletzt die Auswertungen einer Reihe von Studien, die in San Francisco vorgestellt wurden.

          Kritik an Krebsforschung

          Nach Ansicht von Robert Vonderheide war dies absehbar. Er übte so Kritik an der in der Krebsforschung verbreiteten Praxis, ein Medikament, das sich bei der Behandlung eines Tumorleidens bewährt hat, voreilig in Studien bei Patienten mit anderen bösartigen Krankheiten zu testen. Ein genauer Blick auf die Vorgänge in der Umgebung um einen Tumor hätte seiner Ansicht nach vor der Enttäuschung bewahren können. Bei der Mehrzahl der Tumorkrankheiten finde man in der Umgebung der Geschwulst überhaupt keine T-Zellen. Es fehlt die Entzündungsreaktion. Diese Tumore seien nicht „heiß“, so Vonderheide. Der Jargon der Wissenschaftler unterscheidet im Blick auf das Vorhandensein oder Fehlen der T-Zellen „heiße“ von „kalten“ Geschwülsten. Nur bei heißen Tumoren spiele der Escape-Mechanismus eine Rolle, der dem Tumor zu weiterem Wachstum verhilft.

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