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Immundefekte bei Kleinkindern : Sind es wirklich nur die Keime aus der Kita?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Ständige Infekte im Kleinkindalter bringen berufstätige Eltern heute an ihre Grenzen. Die Anfälligkeit kann auf einen Immundefekt hindeuten – doch der wird meist erst spät erkannt.

          Ungefähr alle acht Wochen lügt Kerstin S. die Erzieherinnen ihrer Tochter an. An diesen Tagen greift sie zum Telefon, ruft im Kindergarten an und sagt betont fröhlich in den Hörer: „Emilias Patentante ist überraschend zu Besuch gekommen. Die beiden machen sich heute einen schönen Tag im Zoo.“ In Wirklichkeit wird Kerstin S., die eigentlich anders heißt, ihrer zweijährigen Tochter an diesem Tag fiebersenkenden Ibuprofen-Saft verabreichen, ihr vorlesen, Tee kochen und immer wieder die laufende Nase putzen. Emilia hat etwa einmal im Monat einen leichten Infekt. Ihr Kindergarten aber verlangt, dass das Kind einen Tag fieberfrei ist, vom Arzt attestiert, bevor es zurückkehren kann. Dauert das Fieber nur einen Tag, muss Emilia trotzdem an zweien zu Hause bleiben. Und die Zweijährige ist so oft krank, dass ihre Mutter jeden zusätzlichen Tag, an dem sie selbst bei der Arbeit fehlen muss, zu vermeiden versucht – notfalls durch eine Lüge. Berichtet die Mutter im Bekanntenkreis über die Schwierigkeiten, hört sie häufig, vielleicht sei ja „etwas mit der Abwehr“ des Kindes nicht in Ordnung.

          Die Infektanfälligkeit von Kleinkindern wird in Familien zunehmend als Problem wahrgenommen. Dahinter stehen gesellschaftliche Gründe: Die steigende Zahl an Kleinkindern, die in Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden und sich dort wiederholt anstecken, und die zunehmende Berufstätigkeit der Mütter. Was man früher auf sich beruhen ließ und – manchmal allzu leichtfertig – als normal ansah, wird heute schnell zu einem Problem, für das Eltern eine grundlegende Lösung suchen. „Irgendwann sind die Krankheitstage, die die Mutter für das Kind nehmen kann, aufgebraucht, dann entsteht Stress“, sagt Volker Wahn, Leiter der Sektion Infektionsimmunologie der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie der Charité in Berlin. „Die Infektanfälligkeit wird zum Eingriff in das soziale Leben der Familie.“

          Boom der Kinderimmunologie

          Der pädiatrischen Immunologie haben diese Veränderungen einen Entwicklungsschub gebracht. „Kinderimmunologie ist ein wachsendes Feld, zum einen wegen der gesellschaftlichen Entwicklung, zum anderen, weil man immer bessere diagnostische Möglichkeiten zur Hand hat“, sagt Arndt Borkhardt, Direktor der Klinik für Kinder-Onkologie, -Hämatologie und klinische Immunologie der Universität Düsseldorf. „Wenn der Verdacht stark genug ist, kann man innerhalb weniger Tage das Genom des Kindes analysieren. Die Methoden der Sequenzierung haben in den vergangenen fünf Jahren andere ungenaue Testverfahren abgelöst und führen die Patienten einer schnellen spezifischen Therapie zu.“ Mehr als zweihundert angeborene Immundefekte sind inzwischen molekulargenetisch definiert; ständig kommen neue hinzu. Betroffen sein können alle Komponenten des Immunsystems, etwa die T-Zellen, die B-Zellen oder auch beide Systeme kombiniert. Immundefekte können auch als Teil komplexer genetischer Erkrankungen auftreten.

          Arndt Borkhardt stellte Mitte September auf dem Kongress der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Düsseldorf den Fall eines Jungen vor, bei dem erst im Alter von fünfzehn Jahren ein angeborener Immundefekt diagnostiziert wurde. Beide Schwestern waren im Alter von zwei beziehungsweise 22 Jahren verstorben. Erst bei dem Jungen fand man die Krankheit, von der vermutlich auch die Schwestern betroffen waren: CD27- Defizienz, eine Störung, bei der ein Rezeptor der B- und T-Zellen betroffen ist. Der Junge war selektiv gegen einen Erreger empfindlich, das Epstein-Barr-Virus, und erkrankte immer wieder. Nach einer Stammzelltransplantation, bei der Knochenmarkzellen oder Stammzellen aus dem Blut eines gesunden Spenders übertragen werden, können betroffene Kinder quasi als geheilt angesehen werden.

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