https://www.faz.net/-gwz-6ze7c

Immer öfter: Zweitmeinung : Vorsicht Arzt!

Viele Spezialisten am Patienten, doch nicht nur bei der OP - in Tumorboards soll schon vor dem Eingriff für mehr Klarheit gesorgt werden. Bild: Markus Kaufhold

Die Hälfte der Diagnosen falsch oder zu spät. Und das beim Verdacht Krebs. Können Tumorboards für Klarheit sorgen? Ein Markt für Zweitmeinungen entsteht.

          4 Min.

          Vor drei Jahren war in der amerikanischen Ärztezeitschrift „Jama“, dem Journal der weltgrößten Medizinervereinigung, ein bemerkenswerter Kommentar zu lesen: „Fehldiagnosen“, stand da, „sind die nächste Großfront im Kampf für mehr Patientensicherheit.“ Gut zehn Jahre lagen da bereits hinter den Ärzten, in denen sie Checklisten und Computerprogramme, Sicherheitsstandards und Simulationskurse entwickelten, um mehr oder weniger erfolgreich die Zahl der Kunstfehler bei Operationen oder Medikamentierungsfehler zu verringern. Der Begriff der neuen Fehlerkultur ging um die Welt. Installiert wurde sie zumindest in großen Kliniken. Nicht jedoch allein der Patientensicherheit wegen - denn Garantien für völlige Fehlerfreiheit gibt niemand -, sondern auch zum Selbstschutz der Ärzte: Die horrenden Schadensersatzansprüche insbesondere in Übersee forcierten die Eigeninitiativen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nun also sollte auch mit Fehldiagnosen aufgeräumt werden. Etwas, das immer zu Lasten des Patienten geht, aber, von wenigen klaren Fehldiagnosen abgesehen, in den meisten Fällen nur schwer zu ermitteln ist. Der Patient selbst erfährt es oft erst, wenn er den Arzt wechselt - und wenn es oft schon zu spät ist. Inkompetenz, Intransparenz, Bequemlichkeit - viele der möglichen Gründe, die Fehldiagnosen und falsche Therapieempfehlungen zur Folge haben können, waren lange bekannt. Zwar schadet nicht jede Fehldiagnose tatsächlich dem Patienten, aber das ist weder für ihn ein Trost noch für einen guten Arzt.

          Mehrere natürliche Killerzellen haben sich an die Oberfläche einer Tumorzelle angelagert

          Nun also sollte gehandelt werden. Robert Wachter von der University of California in San Francisco hat vor einem halben Jahr mit einer Umfrage bei mehr als 6400 Klinikern deutlich gemacht, wie virulent die Mängel sind: Die Hälfte der befragten Mediziner gaben an, mindestens einmal im Monat die fehlerhafte oder verspätete Diagnose eines Kollegen oder eigene Fehler zu entdecken, und zwei Drittel meinten, dass bis zu zehn Prozent der Fehldiagnosen tatsächlich zu einem gesundheitlichen Schaden führen. Und schließlich: 96 Prozent der Kliniker vertraten die Ansicht, dass ein großer Teil dieser Fehler vermeidbar wäre.

          Das Ergebnis der „QuantiaMD“-Studie überrascht niemanden. Spätestens seitdem die Patienten immer mobiler werden und immer besser informiert sind, seitdem zudem die Informationsflüsse innerhalb und zwischen den Kliniken und Praxen forciert werden, wird der Druck auf die Mediziner, mehr Transparenz zu schaffen, täglich größer. Ihre Antwort darauf lautet: Schutz durch Vernetzung. Das Paradigma der Netzkultur beherrscht zunehmend den Medizinbetrieb. Eine Krebsklinik, die als Organzentrum zertifiziert werden will, muss hierzulande wöchentliche Konzile abhalten - gemeinsame Beratungen unterschiedlicher Experten vom Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Internisten, Nuklearmediziner bis hin zum Pathologen. In Spezialzentren wie dem Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt oder - geographisch übergreifender - dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, gibt es zwölf oder mehr wöchentliche „Tumorboards“. Das „geballte Wissen des Klinikums“ verspricht man in Frankfurt. Immer mehr Patienten, am UCT schon weit mehr als 5000 in einem Jahr, und immer mehr diagnostische Einzelheiten bis hin zur Genomsequenz werden da behandelt. Ob diese Treffen, an denen am UCT gelegentlich mehr als fünfzig Personen inklusive Studenten teilnehmen, tatsächlich die Behandlungsergebnisse - also etwa das Überleben - verbessern, weiß keiner. Doch man sammelt fleißig Indizien: Das University of Michigan Comprehensive Cancer Center in Ann Arbor hat kürzlich in der Zeitschrift „Cancer“ mit einer Untersuchung an 149 Brustkrebspatientinnen gezeigt, dass die Tumorkonzile nicht weniger als in der Hälfte der Fälle zu einer veränderten Therapieempfehlung geführt haben.

          Weitere Themen

          Der lange Weg ins Weiße Haus Video-Seite öffnen

          Videografik : Der lange Weg ins Weiße Haus

          Etappensieg für Bernie Sanders auf dem langen Weg ins Weiße Haus: Der linksgerichtete Senator hat die wichtige Präsidentschaftsvorwahl der Demokraten im Bundesstaat New Hampshire für sich entschieden. In Vorwahlen bestimmt jeder Bundesstaat die Kandidaten von Demokraten und Republikanern, die später auf Wahlparteitagen auf den Schild gehoben werden.

          Zweifel an einer Trendwende

          Coronavirus-Epidemie : Zweifel an einer Trendwende

          Immer hörbarer spekuliert Peking über ein Abflauen der Coronaseuche, doch der neueste Bericht des Seuchenzentrums gibt keine Sicherheit. Dazu kommen neue Hinweise über eine mögliche Übertragung des Virus durch die Luft.

          Topmeldungen

          Der Milliardär Michael Bloomberg (links) in seiner ersten Fernsehdebatte zur Präsidentschaftskandidatur der amerikanischen Demokraten am Mittwoch in Las Vegas

          Fernsehdebatte der Demokraten : Bloomberg im Kreuzfeuer

          Zum ersten Mal nimmt Michael Bloomberg an einer Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber teil. Sofort ist der „arrogante Milliardär“ der Lieblingsfeind seiner Konkurrenten. Doch er teilt auch aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.