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Im Gespräch: Moncef Slaoui : Für eine Handvoll Pillen

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Moncef Slaoui ist Chairman des Bereichs „Research & Development“ bei Glaxo-Smith-Kline Bild: Gklaxo Smith Kline

Warum kommen so wenig neue und innovative Arzneien auf den Markt? Moncef Slaoui, der Forschungschef von GlaxoSmithKline, verrät im F.A.S.-Interview die Antwort.

          8 Min.

          Sie entscheiden bei GlaxoSmithKline über die Medikamente von morgen. Warum mangelt es an Neuheiten aus den Pharmalabors?

          Dahinter steckt ein Bündel von Ursachen. Die niedrigen Früchte am Baum der Erkenntnis sind inzwischen alle geerntet. Dann sind die Anforderungen der Zulassungsbehörden enorm gestiegen. Und die Gesundheitssysteme fordern heute Innovationen, die einen echten Zusatznutzen haben gegenüber bereits verfügbaren Therapien. Das alles erhöht den Druck auf unsere Forschungsabteilungen enorm.

          Kritiker sagen, die Pharmaindustrie habe zu lange auf den Massenmarkt und auf Marketing gesetzt, anstatt auf echte medizinische Innovationen. Stimmt das?

          Ganz ehrlich: Auch innerhalb unserer Pharmaforschung habe ich zwei gravierende Entwicklungen beobachtet, die wir korrigieren müssen. Wir alle sind zu oft streng reduktionistisch vorgegangen nach dem Motto: „Ein Gen, ein Patent, ein Produkt.“ So geriet manchmal die komplexe Biologie vieler Erkrankungen aus dem Blick zugunsten von messbaren Laborparametern. Der zweite Fehler passierte mit der Entzifferung des menschlichen Erbguts, als man versuchte, den Prozess der Entdeckung und Entwicklung neuer Medikamente zu industrialisieren. Wir hatten allein drei Fabriken mit Robotern, in denen wir die Wirkstoffsuche industriell betrieben haben. In den Entwicklungsabteilungen vieler Pharmaunternehmen dachte man nicht mehr so intensiv über den Sinn der Medikamentensuche nach, sondern optimierte die automatisierten Forschungsanlagen.

          Die wurden Journalisten vor zehn Jahren als letzter Schrei präsentiert. Warum klappte es nicht mit den Medikamenten aus dem Automaten?

          Wir benutzen diese Methoden ja durchaus noch, aber sie konnten unsere strukturellen Probleme nicht lösen. Wir dachten zu lange, wenn wir nur alle internen Prozesse optimieren, dann erhöhen wir die Trefferquote wieder. Damit lagen wir falsch.

          Die Kernfrage bleibt: warum?

          Meine Antwort lautet in aller Kürze: Die Wissenschaftler, die unsere zunehmend komplexen Prozesse in den Laboratorien steuerten, verlernten ganzheitlich zu denken. Jedes Labor schraubte einzelne biologische Module zusammen, spezialisierte sich, die wechselnden Teams identifizierten sich immer weniger mit den entstehenden Produkten. Aber der menschliche Körper ist ein unglaublich integriertes System. Wir müssen einzelne Erkenntnisse wieder in die komplexe Physiologie des Ganzen zurückführen, sonst scheitern wir mit unseren unzähligen Hypothesen.

          Viele Menschen fürchten, im Alter an Alzheimer zu erkranken. Warum findet man bisher kein Mittel gegen das krankhafte Vergessen?

          Schauen sie auf die Biologie: Wenn Sie heute erstmals mit Alzheimer diagnostiziert werden, ist ihr Gehirn schon um zehn bis fünfzehn Prozent geschrumpft. Einen Patienten erst nach einer Diagnose zu behandeln, ist mit dem heute verfügbaren Wissen im Grunde biologisch unmöglich. Wir müssten unsere Wirkstoffe, die in klinischen Versuchen bisher reihenweise versagt haben, klüger einsetzen. Zum Beispiel schon bei Menschen noch ohne Gedächtnislücken, in deren Gehirn aber nachweislich Nervenzellen untergehen.

          Man kennt also Medikamente gegen Demenz, setzt sie aber falsch ein?

          Dahinter steckt ja auch ein ethisches Dilemma. Wir können frühe Anzeichen von Alzheimer im Gehirn noch Gesunder bisher nicht zuverlässig erkennen. Ich möchte unseren Sinneswandel daher an einem zweiten Beispiel erläutern. Wir und andere haben in den 1990er Jahren eine Reihe von Impfungen für eine Krebstherapie entwickelt. Damals scheiterten alle diese Versuche.

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