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Depressionen : „Ich habe mir mein Leben zurück erkämpft“

  • -Aktualisiert am

Es gibt immer mehr Selbsthilfegruppen für junge Depressionspatienten. Bild: dpa

In dem folgenden Text spricht ein junger Mann über schwere Depressionen. Es sind seine. Und die des Unglückspiloten Andreas Lubitz. Ein Plädoyer für mehr Verständnis.

          Wie krank Andreas Lubitz tatsächlich war und was an Bord genau passiert ist, werden wir wohl nie zu hundert Prozent erfahren. Ich bin selber depressiv, habe seit ein paar Jahren mit Depressionen zu kämpfen, und mich macht es wirklich traurig, ja wütend, wie über die psychische Krankheit im Zusammenhang mit diesem schrecklichen Vorfall berichtet wird. Wer glaubt ernsthaft daran, dass sich jetzt noch jemand offen zu seiner Krankheit bekennt, wenn diese immer im Schatten dieser Tat steht?

          Ich beobachte seit Tagen geradezu eine Hetzjagd, die auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung eröffnet wurde. Als ich von dem Unglück erfahren habe, war ich schockiert. Ich habe versucht, in die Gefühlswelt des Kopiloten einzutauchen. Dazu muss man wissen, dass auch ich schon öfter Selbstmordgedanken hatte und mit dem Gedanken gespielt habe, meinem Leben ein Ende zu setzen. Andere Menschen allerdings mit in den Tod zu reißen, war für mich nie eine Option. Still und allein, ohne Aufsehen zu erregen, das waren meine Vorstellungen von einem perfekten Suizid.

          Das Grübeln ergab plötzlich Sinn

          Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich meinem Hausarzt und, nicht zuletzt, auch dem schrecklichen Suizid von Robert Enke. Im Moment seines Todes war mir klargeworden, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich dringend medizinische Hilfe benötige. Das ständige Grübeln, die Traurigkeit, keinen Antrieb für die kleinsten Dinge zu haben, ergab auf einmal einen Sinn. In der Therapie lernte ich, mein negatives Gedankenmuster zu durchbrechen und positive alternative Gedanken zu entwickeln. So konnte ich mit negativen Erlebnissen im Alltag besser umgehen.

          Stück für Stück erkämpfte ich mir so mein Leben zurück. Ich konnte endlich wieder Freude empfinden und mich für neue Hobbys begeistern. Durch die positiven Gedanken bekam ich immer mehr Selbstbewusstsein, und mein Antrieb kam zurück. Jeder noch so kleine Schritt war ein Erfolg für mich. Mit der Zeit wurde ich wieder leistungsfähiger. Ich habe eine Entspannungstechnik erlernt, mit der es mir gelang, mich in jeder schwierigen Situation ein Stück „runterzufahren“ und zu entspannen. So bekam ich auch meine Aggressionen in den Griff.

          Die beste Entscheidung war es, mit dem Schreiben anzufangen. Das war meine Welt, hier konnte ich Ruhe finden und Kraft schöpfen. Ich hatte meine Bestimmung gefunden und wusste nun genau, wo ich im Leben hinwill. Dass ich so auch noch meinen Traumjob gefunden habe, ist ein positiver Nebeneffekt. Täglich verfolgte ich nun die Berichterstattungen in den Medien. Im Ersten Programm lief kurz nach dem Unglück die Sendung „Hart aber fair“. Der Titel der Sendung lautete: „Notfall Psyche - Gefahr auch für die Mitmenschen?“. Der Titel war für mich eine absolute Frechheit und ein Schlag ins Gesicht für jeden Betroffenen, der an einer psychischen Erkrankung leidet.

          von Depressiven geht keine Gefahr aus

          Ziemlich schnell kam von einem der Gäste der Sendung die Aussage, man müsse hier von einem Verbrechen ausgehen. Hörte ich richtig? Wie kann man allen Ernstes von einem Verbrechen sprechen und den Kopiloten als Verbrecher abstempeln? Dieser Mann war für mich krank, bei seiner Tat höchstwahrscheinlich nicht bei klarem Verstand und absolut unzurechnungsfähig. Von daher war er kein Verbrecher, sondern ein Mensch, der medizinische Hilfe benötigt hätte.

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