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Schmerzmittel : Ibuprofen am Pranger

  • -Aktualisiert am

Das Schmerzmittel Ibuprofen besitzt einen gefährlichen Einfluss auf die Produktion männlicher Sexualhormone. Bild: AP

Viele Schmerzmittel versprechen Besserung, doch Nebenwirkungen werden oft unterschätzt. Eine neue Studie zeigt: Regelmäßige Einnahme von Ibuprofen kann den männlichen Hormonspiegel empfindlich verändern. Kann darunter gar die Zeugungsfähigkeit leiden?

          Ibuprofen ist ein beliebtes, frei verkäufliches Schmerzmittel, das häufig bei Entzündungen oder Sportverletzungen angewendet wird. Die regelmäßige Einnahme hoher Dosen ist allerdings nicht unbedenklich. Bei Männern führt dies zu Veränderungen im natürlichen Spiegel des Sexualhormons Testosteron, was sich langfristig auf die Gesundheit und die Fertilität der Männern auswirken könnte. Eine dänisch-französische Forschungsgruppe hat den Einfluss von Ibuprofen auf den männlichen Hormonhaushalt jetzt genauer untersucht.

          Bei der Einnahme hoher Ibuprofen-Dosen nimmt zunächst die Bildung von Testosteron ab. Allerdings wird dieser Rückgang durch eine erhöhte Ausschüttung von Luteinisierendem Hormon aus der Hypophyse wettgemacht, in deren Folge die Testosteron-Produktion wieder steigt. Somit verschiebt sich also das natürliche Verhältnis der beiden Sexualhormone.

          Gestörte Produktionsrate von Sexualhormonen

          Der Testosteron-Spiegel bleibt zwar gleich, aber die produzierte Menge an Luteinisierendem Hormon nimmt zu, ein Effekt, den man als kompensierten Hypogonadismus bezeichnet. Bernard Jégou von der Ecole des hautes études en santé publique in Rennes und seine Kollegen haben nun zeigen können, dass Ibuprofen die natürliche Produktionsrate der beiden Sexualhormone erstaunlich rasch stört. Ihre Erkenntnisse, die sie in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften beschreiben, basieren auf klinischen, histologischen und molekularbiologischen Daten.

          An der klinischen Studie der Forscher nahmen 31 Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren teil. 14 Probanden erhielten sechs Wochen lang täglich 1200 Milligramm Ibuprofen, 17 Männer nahmen ein Placebo ein. Die Dosierung des Ibuprofens entsprach drei rezeptfrei erhältlichen Tabletten pro Tag. Das Medikament sollte eigentlich nicht über längere Zeit derart hoch dosiert eingenommen werden. Die mit Ibuprofen behandelten Studienteilnehmer hatten bereits nach zwei Wochen Anzeichen für einen kompensierten Hypogonadismus, der über den Beobachtungszeitraum noch zunahm.

          Jégou und seine Kollegen konnten anhand von Hodengewebe zeigen, dass Ibuprofen dafür sorgt, dass das Gen für Testosteron im Hoden seltener abgelesen wird und damit weniger Botenribonukleinsäuren für die Synthese des Hormons zur Verfügung steht. Dass Ibuprofen die Aktivität des Testosteron-Gens unterdrückt, konnte auch in Experimenten mit entsprechenden Zell-Linien aus dem Hoden nachgewiesen werden.

          Die Forscher haben allerdings nicht untersucht, ob sich das veränderte Verhältnis von Testosteron und Luteinisierendem Hormon auf die Zeugungsfähigkeit der Studienteilnehmer auswirkte und wie schnell sich die Störung nach Absetzen des Schmerzmittels wieder zurückbildete. Damit ist unklar, ob die regelmäßige Einnahme hoher Dosen von Ibuprofen Männer tatsächlich unfruchtbar machen könnte, wie derzeit diskutiert wird.

          Bedarf an weiteren Studien

          Auch Vermutungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen der abnehmenden Zeugungsfähigkeit der Männer in westlichen Industrienationen und dem wachsenden Gebrauch des Schmerzmittels sind derzeit reine Spekulation. Jégou und seine Kollegen sehen keine Gefahr bei einer gelegentlichen Einnahme des Schmerzmittels, bei der die Dosierung in der Regel weitaus niedriger ist. Kritisch betrachten sie allerdings den dauernden Gebrauch hoher Dosen im Leistungssport oder unter Marathonläufern.

          Es ist nicht das erste Mal, dass Ibuprofen wegen eines möglichen Einflusses auf die männlichen Geschlechtshormone am Pranger steht. Im vergangenen Jahr erschien eine Studie, die nahelegt, dass sich die Einnahme im ersten Drittel der Schwangerschaft nachteilig auf die Hodenentwicklung männlicher Föten auswirken könnte. Kein Zweifel, die Wirkung von Ibuprofen auf die männlichen Geschlechtshormone muss weiter untersucht werden

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