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Hormontherapie : Ein Flächenbrand

Schwere Zeiten für die Hormontherapie und ihre Protagonisten. Die Arzneimittelkommission wird in Kürze ihr Urteil bekanntmachen, ob die Risiken eines Hormonersatzes bei Frauen in den Wechseljahren die Nutzen aufwiegen.

          3 Min.

          In weniger als zwei Wochen wird die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ihr Verdikt bekanntmachen, die Europäische Arzneimittelbehörde "Emea" in London hat eine - vorerst noch inoffizielle - Untersuchung angekündigt, viele medizinische Fachgesellschaften äußern sich "besorgt" bis "bestürzt" wie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird es sich nach dem 1. November nicht nehmen lassen zu prüfen, ob seine verschärften Anweisungen an die Pharmafirmen eingehalten werden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Schwere Zeiten für die Hormontherapie und ihre Protagonisten. Und ein veritables Desaster für Teile der Pharmaindustrie, die seit dem ersten großen Rückschlag vor etwa einem Jahr einen Umsatzrückgang in Europa und den Vereinigten Staaten von einem guten Drittel zu verzeichnen hat. Damals, nach dem plötzlichen Abbruch eines Studienarms der Womens Health Initiative (WHI) - der weltweit größten Untersuchung zu Nutzen und Risiken des Hormonersatzes bei Frauen in den Wechseljahren - wegen zu hoher Gesundheitsrisiken, hatte man noch selbstbewußt auf die methodischen Schwächen der amerikanischen Studie hingewiesen. Und man durfte hoffen, der Makel würde nicht allzu nachhaltig an den Östrogen- und Gestagen-Präparaten haften. Generationen von Patientinnen und deren Frauenärzte haben die Erleichterung erlebt, die der künstliche Ausgleich des altersbedingten Hormonmangels mit sich bringt. Aber seit gut einem Jahr ist nichts mehr, wie es war. Eine ganze Reihe weiterer kontrollierter Studien, zuletzt die "Million Women Study" in Großbritannien mit knapp einer Million Patientinnen, hat einen langen Schatten auf die Hormontherapie geworfen (s. F.A.Z. vom 13. August).

          Ein alter Verdacht, die Hormoncocktails förderten Brustkrebs, hat sich in den Statistiken auf unerfreulich drastische Weise bestätigt, und die Hoffnung, die Naturstoffe könnten Herzinfarkten vorbeugen, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Mehr Schlaganfälle wegen erhöhter Thromboserisiken, keinerlei Hinweis auf den lange vermuteten Schutz vor Altersdemenzen wie der Alzheimerschen Krankheit - das sind nur einige der zuletzt arg ernüchternden Resultate.

          Doch die Getreuen der Hormontherapie kontern und verteidigen eisern ihre Überzeugung, wonach der sukzessive Ausfall der Geschlechtshormone im Alter krankhaft und damit behandlungsbedürftig sei. Der einflußreiche Hormonforscher Christian Lauritzen etwa, ehemaliger Direktor der Ulmer Universitäts-Frauenklinik und zuletzt Mitarbeiter einer unter anderem für den Berufsverband der Frauenärzte erstellten wohlwollenden Risiko-Nutzen-Analyse, sieht ein "verbreitetes Gefühl von Angst und Zweifeln an einem an sich wertvollen und zukunftsträchtigen Verfahren". Lauritzen zieht die Übertragbarkeit der anglo-amerikanischen Studien generell in Zweifel. Nicht nur, daß hierzulande andere Präparate verwendet würden, es würden auch niedrigere Dosen verordnet. "Die Hormonbehandlung ist eine Kunst", sagt Lauritzen, und deshalb müsse den Frauen dringend geraten werden, "solche Ärzte aufzusuchen, die Erfahrungen in der Hormonbehandlung besitzen und sich genügend Zeit nehmen, das Für und Wider anhand der individuellen Vorgeschichte abzuklären". Unter diesen Voraussetzungen sei eine "praktisch risikofreie Behandlung möglich".

          Auch für den in solchen Diskussionen erfahrenen Vorstand des Schering-Konzerns in Berlin, Günter Stock, wird derzeit öffentlich zuviel über Risiken und zuwenig über den Nutzen der Hormontherapie geredet. Die günstige Wirkung der Hormone auf durch Osteoporose gefährdete Frauen sei unumstritten, ebenso wie die positive Wirkung auf das Darmkrebsrisiko. "Für die Osteoporose gibt es Alternativen, aber nur schlechtere", sagt Stock, und Lauritzen rechnet vor, daß bei den betroffenen Frauen "die Todesrate von Osteoporose und Dickdarmkarzinom allein die Todesrate durch Brustkrebs übertrifft". Stock ist der festen Überzeugung, daß die Daten der amerikanischen und britischen Studien noch längst nicht kritisch genug gewürdigt worden seien. Daß die Brustkrebsrate der Frauen nach dem Absetzen der Hormonpräparate zurückging, ist für ihn ein Indiz, daß die Hormone selbst nicht Auslöser für die Tumore sein können und das Risiko damit überbewertet wird. In wissenschaftlichen Publikationen, dort, wo der Flächenbrand ausgelöst wurde, wolle man jetzt die Angelegenheit wieder zurechtrücken.

          Wenn den Ärzten freilich in den kommenden Wochen die neue Therapieempfehlung der Arzneimittelkommision der deutschen Ärzteschaft zukommt, werden sie den endgültigen Bruch mit der Philosophie der Menopause als Hormonmangelkrankheit erleben. Die jüngsten Äußerungen der federführenden Autorin, Martina Dören von der Charité in Berlin, lassen daran keinen Zweifel. Vieles deutet darauf hin, daß nicht nur von langfristigen, sondern auch von kurzfristigen Hormonbehandlungen eine äußerst strenge Indikationsstellung gefordert wird. Die kritische Würdigung der Arzneimittelkommission läuft letztlich sogar darauf hinaus, daß die risikobehafteten Hormoncocktails künftig weder zur Vorbeugug von Darmkrebs empfohlen werden noch für die jahrzehntelang propagierte Indikation Osteoporose-Prophylaxe.

          JOACHIM MÜLLER-JUNG

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