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Homöopathie : Die Zeit des Gegeneinanders ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Glaube versetzt Berge. Nur beweisen lässt sich das nicht. Bild: dpa

Soll die Erforschung der Homöopathie verboten, die alternative Heilkunde weiter politisch stigmatisiert werden? Im Gegenteil - ein Miteinander fordert die Ärztin Cornelia Bajic, Cheflobbyistin der Homöopathie, in ihrer Antwort auf die Kritik.

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          Unter dem Titel „Das Geschwür Homöopathie“ war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“der Mediziner und Pharmakologe Karl-Friedrich Sewing vor dem Hintergrund politischer Zugeständnisse die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie neu entfacht. Das ruft nach einer Antwort. Die ärztliche Homöopathie boomt, in Deutschland genauso wie in über 80 Ländern weltweit. In Deutschland übernehmen aktuell rund zwei Drittel aller gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungskosten für ärztliche Homöopathie komplett, auch in der privatärztlichen Gebührenordnung ist die Homöopathie ein fester Bestandteil. In der Schweiz ist die Homöopathie jüngst als gleichberechtigte Kassenleistung zur konventionellen Medizin eingeführt worden - und Indien hat einen für Homöopathie zuständigen Minister. Kann eine Heilmethode national wie global so erfolgreich sein, ohne dass sie, wie häufig behauptet wird, eine signifikante Wirksamkeit aufweist?

              Ein Netzwerk zur Homöopathie forschender Wissenschaftler und Ärzte, die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom), hat Ende Mai dieses Jahres einen Forschungsbericht mit dem Titel "Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie" veröffentlicht. Er fasst die Ergebnisse aus gut dreihundert klinischen Studien und etwa 1800 Experimenten aus der Grundlagenforschung sowie alle bisher durchgeführten Metaanalysen zur Homöopathie zusammen. Metaanalysen sind systematische Übersichtsarbeiten, die auf der Basis von Originaldaten eine zusammenfassende Wirksamkeit statistisch ermitteln. Das Fazit lautet: "Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen (effectiveness) der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung (efficacy) potenzierter Arzneimittel." Laut WissHom gebe es eine Vielzahl von positiven randomisierten klinischen Studien, die eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos zeigten, "auch wenn nur die methodisch hochwertigen placebokontrollierten Studien zur individualisierten Homöopathie herausgegriffen werden, zeigt sich ein positives Ergebnis". Insbesondere die Wirksamkeit der Homöopathie unter alltäglichen Praxisbedingungen, die in der sogenannten Versorgungsforschung untersucht wird, ist gut dokumentiert. Michael Teut von der Berliner Charité, der die Ergebnisse aus der Versorgungsforschung untersucht hat, kommt zu dem Ergebnis: "Die Studien aus der Versorgungsforschung zeigen in der Summe ein relativ einheitliches Bild: Bei Patienten, die sich homöopathisch behandeln lassen, treten im klinischen Alltag relevante Verbesserungen auf, ähnlich stark ausgeprägt wie in der konventionellen Therapie, allerdings mit weniger Nebenwirkungen."

          85 Prozent erleben Besserung

              Die Homöopathie ist ein heiß umstrittenes Thema, und es gibt sicherlich keine positive Studie zur Homöopathie, die nicht auf irgendeiner Website als unseriös dargestellt wird. Bei begründeten Hinweisen auf schwerwiegende methodische Fehler oder ein wissenschaftliches Fehlverhalten wird der entsprechende Artikel zurückgezogen. Das war aber bei keiner der von WissHom zitierten Arbeiten der Fall. Im Gesundheitsmonitor 2014 der Bertelsmann Stiftung, der sich zur Aufgabe gemacht hat, "das gesundheitliche Versorgungssystem und -geschehen aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger" zu bewerten, wurden rund 1000 Patienten von homöopathischen Ärzten befragt, wie sich ihre Symptome nach einer Behandlung mit ärztlicher Homöopathie entwickelt haben. Bei 85 Prozent der Patienten, von denen etwa die Hälfte chronisch erkrankt war, besserten sich laut Gesundheitsmonitor konkret die körperlichen Beschwerden. Die seelische Verfassung und das Allgemeinbefinden besserten sich bei 80 Prozent der Befragten.

              Der Gesundheitsmonitor 2014 der Bertelsmann-Stiftung bestätigte damit eine zentrale Erfahrung, die homöopathische Ärzte bei ihrer alltäglichen Arbeit machen: Homöopathie hilft nicht nur bei akuten, sondern insbesondere auch bei komplexen chronischen Erkrankungen. Demnach gaben 43 Prozent der befragten Patienten homöopathischer Ärzte explizit an, dass eine chronische Erkrankung der Anlass für den Arztbesuch und die homöopathische Behandlung war. Als häufigstes Motiv nannten die Homöopathie-Patienten, "dass anderswo keine Besserung erzielt worden war". Vor dem Hintergrund, dass die Zahl chronisch Kranker und multimorbider Patienten in Deutschland analog zum demographischen Wandel stetig steigt, gewinnt die Homöopathie in der medizinischen Versorgung weiter an Relevanz. Die ärztliche Homöopathie ist offenbar ein geeignetes Mittel, um den medizinischen Herausforderungen in einer alternden Gesellschaft wirkungsvoll zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb sich Politiker und Krankenkassen dem Potential der ärztlichen Homöopathie zuwenden und diese fördern.

          Kritiker erkennen Nutzen

              Unter Medizinforschern gilt die Cochrane Collaboration als Gralshüterin der evidenzbasierten Medizin, und positive Studien nach Cochrane-Kriterien gelten als Meilenstein. Dazu stellt WissHom fest: „Die neueste Metaanalyse von Mathie (2014) zeigt auch nach Cochrane Kriterien ein positives Ergebnis für individualisierte Homöopathie.“  Im Forschungsbericht der WissHom werden sämtliche Primärquellen aufgelistet, die zu großen Teilen bereits online einsehbar sind. In allen fünf bisher von der Cochrane Collaboration durchgeführten Reviews zur Homöopathie heißt es, dass mehr Forschung zur Homöopathie nötig sei, nirgendwo wird der Schluss gezogen, dass die Homöopathie generell unwirksam oder gar wissenschaftlich widerlegt sei, wie Kritiker gerne behaupten.

              Was von der Homöopathie-Kritik übrig bleibt, wenn man sie systematisch prüft, ist die sogenannte "Ein-Argument-Methode": Sie fokussiert auf die Tatsache, dass ein Teil der homöopathischen Arzneimittel, die Ärzte verwenden, im Herstellungsverfahren und der damit verbundenen Potenzierung stark verdünnt werden. Da es allerdings den heutigen Erkenntnissen der konventionellen Pharmakologie komplett widerspricht, dass ein Arzneimittel mit niedriger werdender Dosis eine stärkere Wirkung entfalten kann, ziehen Kritiker den Schluss, dass eine Wirksamkeit der Homöopathie ausgeschlossen sei. Homöopathische Ärzte wissen von Beginn ihrer Weiterbildung an, dass sie teilweise mit Arzneimitteln arbeiten, in denen die ursprüngliche Wirksubstanz nicht mehr nachweisbar ist (Hochpotenzen). Die Schlussfolgerung der homöopathischen Ärzte ist, dass es sich bei der Homöopathie um eine "Informationstherapie" handelt, bei der die Wirksamkeit des Arzneimittels nach dem Prozess der Potenzierung und der damit verbundenen Verdünnung nur noch indirekt von der Wirksubstanz abhängt. Viele Experimente in der Grundlagenforschung, die beispielsweise die Wirkung von Hochpotenzen auf Pflanzen untersuchten, zeigen, dass Hochpotenzen unterschiedliche Effekte auslösen. Der Schweizer Physiker Stefan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke, der selbst zum Thema forscht, fasst die Situation so zusammen: "In der Grundlagenforschung finden sich viele qualitativ hochwertige Studien, die spezifische Wirkungen auch für Hochpotenzen beobachten, darunter auch unabhängig replizierte experimentelle Modelle. Zum Wirkmechanismus homöopathischer Arzneimittel gibt es erste empirische Hinweise, aber noch keine ausgereifte Theorie."

          Das alte Dogma ist ein Fehler

              Die Kritiker ziehen dagegen einen anderen Schluss. Sie betrachten die heutigen Erkenntnisse der konventionellen Pharmakologie als eine Art Dogma. Für sie ist es undenkbar, dass eine Hochpotenz einen selbstregulativen und damit heilenden Effekt bei einem kranken Menschen auslösen kann. Homöopathische Ärzte sind in ihren Augen "Lügner". Von diesem einen Argument ausgehend, wird dann weiter behauptet, dass es deshalb gar keine positiven Studien geben könne, die eine Wirksamkeit der Homöopathie über einen Placebo-Effekt hinaus belegen. Schließlich sei in Hochpotenzen "nichts drin". Der große Erfolg der Homöopathie ist ihnen ein Dorn im Auge, weil wirksame Hochpotenzen ihrem vermeintlich rational-materialistischen Weltbild widersprechen. Die Erforschung der Homöopathie solle gestoppt werden, heißt es. Unisono wird diese Melodie von Kritikern heute gespielt, von ebenjenen Kritikern, die früher behaupteten, die homöopathischen Ärzte sperrten sich gegen die Erforschung ihrer Heilmethode. Fakt ist: Heute setzen sich homöopathische Ärzte für die Forschung ein, auch mit eigenen Mitteln, soweit es ihnen möglich ist. Kritiker fordern mittlerweile das Verbot.

              Letztlich geht es homöopathischen Ärzten allerdings nicht um ein Gegeneinander, sondern um ein Miteinander der Methoden. Durch die Homöopathie entstehen neue Therapieoptionen bei der Behandlung von akuten bis hin zu schweren chronischen Erkrankungen. Dabei ist die ärztliche Homöopathie selbstverständlich kein Allheilmittel: Bei jedem erkrankten Patienten entscheidet der Arzt individuell, ob er die Homöopathie alternativ oder ergänzend zur konventionellen Medizin einsetzt - oder eben gar nicht. Die konventionelle Diagnostik ist stets Teil der Behandlung.

          Die Autorin

          Cornelia Bajic ist Erste Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, gegründet 1829 in Köthen. Sie arbeitet als homöopathische Ärztin, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in Remscheid.

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