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Krebstherapie : Hoffnungsträger im Erbgut

  • -Aktualisiert am

Im Agarose-Gel: Die Gensequenz macht’s. Bild: dpa

Die moderne Sequenziertechnik des Genoms könnte die Krebsbehandlung revolutionieren

          3 Min.

          Krebs ist nicht gleich Krebs. Diese Einsicht ist nicht neu. Chirurgen wissen, dass sie, ungeachtet aller Regeln ihrer Kunst, die Schnitte, mit denen sie einen Tumor zu entfernen trachten, stets an die Gegebenheiten eines jeden Falles anpassen müssen. Die Eingriffe müssen für jeden Patienten geplant und vorbereitet werden, etwa im Hinblick auf die Ausdehnung des Tumors und das Vorliegen von Begleiterkrankungen. Die Therapie wird insofern individualisiert und folgt nicht allein allgemeinen Vorgaben.

          Seit einigen Jahren ist in der Krebsmedizin von der personalisierten Therapie die Rede, gemeint ist die Systemtherapie mit Medikamenten. Die moderne Variante erfolgt längst nicht nur über Chemotherapeutika, sondern zielgerichtet mit der Gabe von kleinen Molekülen und Antikörpern. Nicht alle Patienten mit gleicher Tumordiagnose profitieren von einer solchen Therapie. Bei einer Reihe von Krebserkrankungen wird das Tumorgewebe auf Veränderungen des Genoms hin untersucht. Einige der neuen Wirkstoffe wirken nur, wenn spezifische Reaktionsketten in der Tumorzelle vorhanden oder umgekehrt nicht nachweisbar sind. Die Patienten werden nicht eigentlich personalisiert, vielmehr entsprechend der Zuteilung zu Therapiegruppen behandelt. Doch zeichnet sich bereits ab, wie eine personalisierte Krebsbehandlung, die diesen Namen auch verdient, bald Wirklichkeit werden könnte.

          Ein gefährliches Gewächs: ein malignes Melanom auf menschlicher Haut

          Tumoren sind so vielfältig und so verschieden, wie es die Patienten sind, berichtete Hans Lehrach, emeritierter Professor des Max-Planck-Institutes für Molekulare Genetik, in seinem Eröffnungsvortrag anlässlich des Deutschen Krebskongresses in der vergangenen Woche in Berlin. Als ein Beispiel der Vielfalt von Tumoren gleicher Diagnose führte Lehrach die Unterschiede der genetischen und funktionellen Veränderungen bei Melanomen an. Es komme darauf an, ob Melanome an lichtexponierten Körperregionen oder sonnengeschützten Arealen vorkämen, etwa an der Gesichtshaut oder an Fußsohlen und in der Netzhaut. Die Vision von Lehrach, der seine früheren Forschungsarbeiten in der von ihm gegründeten Firma „Alacris Theranostics“ fortsetzt, ist, mit den neuen Verfahren der Gensequenzierung die Krebstherapie zu revolutionieren.

          Die Zellen eines Tumors gleichen sich nicht wie ein Ei dem anderen. Vielmehr trifft man auf unterschiedliche Zellpopulationen. Daneben hängt die Aggressivität eines Tumors von den Reaktionen des umgebenden Gewebes und der Immunreaktion des Organismus ab. Dies alles müsse mitberücksichtigt werden, soll eine Therapie auf einen Patienten zugeschnitten werden, erklärte Lehrach in Berlin.

          FAZ-Feuilleton vom 27. Juni 2000 - der Tag, an dem die Entschlüsselung des Humangenoms im Weißen Haus bekannt gegeben wurde.

          Um die Jahrtausendwende war der Forscher mit seinen Mitarbeitern in Berlin an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligt. Die Arbeit vieler Arbeitsgruppen weltweit nahm fünfzehn Jahre in Anspruch und verschlang fast drei Milliarden Dollar. Mit den im vergangenen Jahr eingeführten schnellen Sequenziermaschinen können jetzt mehr als zwanzig vollständige Genomanalysen an einem Tag für einen vierstelligen Eurobetrag ausgeführt werden.

          Doch Lehrach geht es nicht allein um die Geschwindigkeit der Genanalysen. Die neuen Techniken liefern genauere Daten und erkennen auch kleinste Mengen an verändertem genetischen Material. Es sei für den Forscher jedoch eine naive Sicht, im Hinblick auf das Krankheitsgeschehen allein Veränderungen im Genom der Tumorzellen zu betrachten. Der Wissenschaftler konzentriert sich mit seinen Kollegen auch auf den Aktivitätszustand der Zellen. Wichtig sei es, die aktivierten Proteine in den Tumorzellen und den gesunden Zellen der Umgebung einschließlich der Reaktionen des Körpers und der Immunantwort zu kennen. Daher gelte es, so Lehrach, neben dem Genom der Tumorzelle die kodierte RNA und die epigenetischen Veränderungen zu analysieren. Die Epigenetik bezeichnet die äußeren Faktoren, die den Funktionszustand des Genoms einer Zelle beeinflussen. Im Fachjargon der Wissenschaftler heißt die Devise, Genomics, Transcriptomics und Epigenomics zusammenzuführen. Erst dann ergibt sich eine umfassende Darstellung molekulare Interaktionen, die Rückschlüsse auf die Aggressivität und die Prognose einer Erkrankung erlaubt. Aus diesen Informationen können Computer mittels aufwendiger Datenanalyse Zielstrukturen identifizieren, die eine individuell zugeschnittene Therapie ermöglichen. Der Behandlungsweg wird am Computer modelliert. Ein Vorgang, bei dem ungeheure Datenmengen bearbeitet werden.

          Wie eine echte personalisierte Therapie funktionieren kann, illustrierte Lehrach am Beispiel einer Patientin mit einem Melanom, bei der die herkömmliche Behandlung versagt hat. Dank der neuen Sequenzierapparate konnten die Funktionswege und Genveränderungen im Tumor entschlüsselt und ein möglicher Angriffspunkt für eine Therapie identifiziert werden. Ein Antikörper, der ursprünglich für die Rheumabehandlung entwickelt worden war, erwies sich als äußerst wirksames Mittel. Die Gabe dieses Stoffes führte zu einem lange anhaltenden Stillstand der Krankheit.

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