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Hochrisikobabys : Mit Mutterwärme statt Maschinen

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Am Körper der Mutter sind Hochrisikobabys bestens aufgehoben: Mutter mit Frühgeborenem in Pretoria. Bild: Martina Lenzen-Schulte

Im südafrikanischen Pretoria kämpft eine Kinderärztin für die fortschrittlichste Behandlung für Frühgeborene. Ohne Technik und harte Brutkästen, dafür an der weichen Brust. Studien belegen den überragenden Erfolg.

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          Wenn ein Arzt sich dafür entscheidet, „die Maschinen abzuschalten“, erfolgt das in den meisten Fällen aus Resignation, weil er nichts mehr für den Patienten tun kann. Ganz anders verhält es sich bei Elise van Rooyen, Kinderärztin und ausgebildete Neonatologin, der alle technischen Finessen vertraut sind, die ein Neugeborenes notfalls am Leben halten, vom Inkubator über die Magensonde bis zum Beatmungsschlauch. Was sie tat, scheint auf den ersten Blick unfassbar: Gerade bei den am meisten gefährdeten Risikobabys – den zu früh, zu klein und stark untergewichtig Geborenen – hat die Oberärztin der Neonatologie an dem zur Universität von Pretoria gehörigen Kalafong Hospital die Technik verbannt.

          Mit sichtlicher Genugtuung präsentiert sie ihre Station einer kleinen Gruppe von Journalisten und Pressesprechern, die im Rahmen einer Recherchereise der Wissenschaftspressekonferenz und unterstützt von dem Unternehmen Bayer einen Einblick in das Gesundheitssystem von Südafrika erhalten. Van Rooyen als die Pionierin in Sachen „Kangaroo Mother Care“ oder KMC des schwarzen Kontinents zu bezeichnen, ist nicht zu hoch gegriffen. Seit Jahren hat sie nicht nur selbst – inzwischen mehr als 6000 – Frühgeborene und Hochrisikobabys nach dem Motto „weniger ist mehr“ behandelt. Sie hat sich auch für die Einführung dieses Prinzips in anderen afrikanischen Staaten eingesetzt.

          Es geht nicht um die Kosten

          „Nicht, weil es billiger ist und weniger Technik benötigt, sondern weil es viel besser ist für die Kinder und die Mütter“, betont sie und will damit einem weit verbreiteten Missverständnis vorbeugen. Denn der erste Reflex der an europäischer High-Tech-Medizin geschulten Gruppe ist naturgemäß, das Ganze eher für eine kostensparende Maßnahme oder Ersatzlösung denn für die Avantgarde der Frühgeborenentherapie zu halten. Genau das ist es aber.

          Van Rooyen weiß sichtlich nicht, wo sie anfangen soll, wenn sie die Vorteile für die Kinder aufzählen soll, die die Nähe zur Mutter mit sich bringt. „Sie schlafen länger, ruhiger und besser“, sagt die Kinderärztin, „bereits fünf Minuten nach Kontakt beginnt der Schlafzyklus, wie ihn die Frühgeborenen brauchen.“ Im Inkubator folgt der Schlaf hingegen chaotischen Mustern, ein Nachteil, der bei den Kindern noch bis zu zwei Jahre nach der Entlassung von einer Intensivstation nachweisbar ist. Nicht zuletzt, weil ein gesundes Schlafmuster für die Gehirnentwicklung entscheidend ist, wirkt sich das Zusammensein mit der Mutter auch auf die kognitive Entwicklung aus: Sie ist bei den Frühgeborenen an der Mutterbrust nicht nur besser als im Vergleich zu Frühgeborenen im Inkubator; sie ist bei dem in Sachen Neuronenverschaltung ansonsten benachteiligten zentralen Nervensystem der Frühgeborenen sogar besser als bei termingerecht geborenen Kindern.

          Weniger gestresst

          Dazu dürfte auch beitragen, dass Frühgeborene nah bei der Mutter deutlich weniger gestresst sind als im Inkubator. So ließ sich zeigen, dass die Konzentration an Kortikosteroiden, den Stresshormonen schlechthin, im Speichel der Frühgeborenen am Körper der Mutter um sechzig Prozent vermindert war im Vergleich zu jenen, die allein im Brutkasten liegen. Vor allem der Stress infolge von Schmerzen, den Frühgeborene oft kaum zum Ausdruck bringen können, schlägt weniger zu Buche. Die Kinder weinen am Körper der Mutter weniger, wenn sie zum Beispiel eine Injektion erhalten, sie zeigen auch sonst weniger Abwehrreaktionen auf Schmerzreize, etwa ein Zusammenkneifen der Augen und ein Durchbiegen des Rückens nach hinten. „Das sind Effekte des Oxytocins, das auf Schmerzrezeptoren im Gehirn wirkt“, erklärt die Neonatologin und weist darauf hin, dass dieses mütterliche Hormon viel anderes Gutes tut. Nicht zuletzt ist es auch für die besseren Abwehrkräfte und ein rascheres Gedeihen mitverantwortlich, die sich bei diesen Frühgeborenen nachweisen lassen.

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