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Geburtsmedizin : Zu viel Zug am zarten Babyköpfchen?

  • -Aktualisiert am

Nicht immer verläuft eine Geburt ohne Komplikationen. Bild: dpa

Kinder, die unter Zuhilfenahme von Saugglocken oder Zangen zur Welt kommen, erkranken überdurchschnittlich häufig an Hirntumoren und Nervenschäden. Dennoch steigt die Zahl der Saugglockengeburten spürbar an.

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          Eine erhebliche Zahl von Kindern muss sich mit Hilfe der Vakuum-Saugglocke oder einer Geburtszange zur Welt ziehen lassen. Im Jahr 2017 benötigten laut Statistik-Portal „statista.de“ 45.166 von insgesamt 784.901 Neugeborenen die Saugglocke, für dasselbe Jahr meldet die Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2580 Zangengeburten. Bisher galten beide Instrumente vor allem deshalb als problematisch, weil sie bei den Gebärenden erhebliche Verletzungen und dauerhafte Schäden anrichten können. Die jüngste Auswertung des griechischen Kinderkrebsregisters lenkt nun den Blick auf die Risiken für das Kind. Womöglich sind diese Instrumente auch für die zarten, noch nicht fest verknöcherten Köpfchen der Kinder und ihre Gehirne zu rabiat.

          Forscher von der Universität Athen haben unter Federführung von Eleni Petridou die Daten des „National Registry for Childhood Hematological Malignancies and Solid Tumors“ (Narechem-ST) ausgewertet, das Faktoren für Krebserkrankungen im Kindesalter identifizieren will. Daraus wurden die Angaben zum Geburtsverlauf von 203 Kindern mit der Diagnose Hirntumor mit denen von 406 Kindern gleichen Alters verglichen, die nicht an Krebs erkrankt waren. Nach Saugglocken- oder Zangengeburt war das Risiko, im Kindesalter einen Tumor des Zentralnervensystems zu entwickeln, um fast das Achtfache höher als jenes von Kindern, die ohne instrumentelle Hilfe entbunden worden waren, wie die Forscher um Eleni Petridou in der medizinischen Fachzeitschrift „Cancer Epidemiology“ berichten.

          Hirntumore machen rund 25 Prozent aller Krebsfälle im Deutschen Kinderkrebsregister aus, sie betreffen zwei bis vier Kinder und Jugendliche von hunderttausend im Alter von bis zu 15 Jahren. Tendenz steigend. Zwar überleben weit mehr Kinder als früher eine solche Krebserkrankung, allerdings kann über die Hälfte von ihnen später kein unabhängiges Leben führen und ist auf Hilfe angewiesen. Betrachtet man die absoluten Zahlen, so ist die für die instrumentellen Geburten festgestellte Risikoerhöhung dennoch gering, da jährlich insgesamt etwa fünfhundert Kinder in ganz Deutschland neu an einem Hirntumor erkranken.

          Unterschätzte Sogkräfte

          Zudem ist die rein statistische Korrelation zwischen Geburtsvorgang und Tumorrate nur ein Fingerzeig: Ob hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht, müsste genauer untersucht werden. Allerdings besteht Anlass, nach dem Ausmaß der Gewalteinwirkung zu fragen, dem der Kopf des Ungeborenen ausgesetzt ist. Es könne sein – so lautet die Vermutung der griechischen Wissenschaftler –, dass beim Herausziehen der Kopf nicht nur äußerlich malträtiert wird. Bekannt ist überdies, dass bei Erwachsenen verletzungsbedingte Hirnläsionen mit einem höheren Risiko für bestimmte Hirntumore wie Gliome einhergehen. Das wiederum könnte plausibel erklären, warum der für den Babykopf schonendere Kaiserschnitt in der Studie die geringste Gefahr bedeutete. Denn nach einem Kaiserschnitt traten selbst im Vergleich zu einer komplikationslosen Normalgeburt noch einmal deutlich weniger Hirntumore auf.

          Die Zange greift mit zwei Schalen oder Löffeln in den Geburtskanal, umfasst und fixiert das Köpfchen und zieht dann daran. Die Saugglocke wird mittels Unterdruck fixiert und setzt oben am Scheitel an, sie gilt deshalb als weniger traumatisch für die Mutter. Der Sog für das Kind ist allerdings nicht zu vernachlässigen. Gunilla Ajne und ihre Kollegen von der Frauenklinik am Karolinska-Institut in Stockholm haben das in einer Studie in der Zeitschrift „BJOG“ gemessen. Sie stellten fest, dass bei leichtem Zug durchschnittlich 176 Newton einwirken, muss man stark ziehen, sind es schon bis zu 241 Newton. Selbst Geburtshelfer waren überrascht, hatten sie die Sogkräfte doch um die Hälfte zu niedrig eingeschätzt.

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