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Melatonin : Zum Einschlafen

Manchmal hilft auch schon der Besuch einer Theateraufführung. Bild: F1online

Der eine klagt über Frühjahrsmüdigkeit, der andere über Jetlag. Kaum jemand scheint mehr genügend Schlaf zu bekommen. Als sanftes Mittel dagegen wird Melatonin gepriesen.

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          Langstreckenflüge, Smartphones, Stress im Job – der moderne Lebensstil macht den Deutschen zu schaffen. Schon 2005 klagte jeder Vierte über Schlafprobleme. Folgt man einem Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK, ist die Zahl der schlafgestörten Berufstätigen in den vergangenen acht Jahren um 66 Prozent gestiegen. „Unsere Biologie wird nicht so schnell modern wie der Mensch“, meint Thomas Penzel, wissenschaftlicher Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité. Viele der Betroffenen nutzen Einschlafhilfen. Von Apps über Podcasts ist das Angebot breitgefächert. Und jeder Zweite hilft beim Einschlafen mit Mitteln aus der Apotheke oder dem Drogeriemarkt nach. Eines davon ist das Hormon Melatonin.

          In den Vereinigten Staaten wurde es in den neunziger Jahren bereits als Wundermittel gefeiert. Nicht nur als Einschlafhilfe, sondern auch als Quelle ewiger Jugend. Melatonin sollte nicht nur krebsheilend sein, sondern versprach sogar volleres Haar und besseren Sex. Doch dann wurden Mängel an den Tierversuchen der Studien entdeckt, die das belegen sollten. Melatonin geriet in Misskredit. Aber nur vorübergehend. Mehr als drei Millionen Amerikaner nehmen es inzwischen regelmäßig.

          Melatonin, das sensible Dunkelhormon

          Melatonin wird im Gehirn in der Zirbeldrüse aus dem Botenstoff Serotonin gebildet und steuert den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei Dunkelheit wird es ausgeschüttet und induziert den Schlaf. Nachts steigt die Konzentration enorm. Auch im Winter, wenn es draußen düster ist, erhöht sich der Melatoninspiegel im Blut. Das kann für Abgeschlagenheit sorgen. Mit dem Alter nimmt die Konzentration des Hormons dann ab. Konkrete Richtwerte wie beim Blutzucker sind noch nicht erforscht, weswegen ein Mangel oder Überschuss kaum feststellbar ist.

          In Deutschland ist Melatonin als Medikament unter dem Handelsnamen Circadin in der Dosierung von zwei Milligramm seit 2008 auf dem Markt. Anders als jenseits des Atlantiks ist es hierzulande kein absoluter Verkaufsschlager. 2017 wurden in Deutschland knapp drei Millionen Packungen Circadin verschrieben. Von den etablierten Schlafmedikamenten, den sogenannten Z-Präparaten wie Zolpidem und Zopiclon, waren es dreiundzwanzig Mal mehr. Zugelassen ist es derzeit nur für die Behandlung von Patienten, die über 55 Jahre alt sind und unter Schlafproblemen leiden. Auch gegen den Jetlag bei Fernreisen kann es verordnet werden.

          Im Schlaf auf Hochtouren

          Hält das Medikament, was es verspricht? An Forschung zu dieser Frage hat es nicht gefehlt. „Melatonin ist sicher eine der am meisten untersuchten Substanzen“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Abteilung für Schlaf- und Chronomedizin am Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus. Über Melatonins Hauptfunktion als Taktgeber der inneren Uhr gibt es in seinen Augen dennoch nur wenig Daten. Eine jüngst erschienene Studie des Neurowissenschaftlers Makesh Thakkar von der University of Missouri untermauert dennoch den schlaffördernden Effekt des Hormons. Als Medikament verabreicht, beeinflusst es im Gegensatz zu anderen Präparaten nicht den Schlaf an sich, sondern das zirkadiane System, also den 24-Stunden-Takt des Gehirns. „Melatonin normalisiert den Schlafrhythmus und stärkt die qualitativen Aspekte des Schlafs“, erläutert Kunz.

          Im Schlaf schaltet das menschliche Gehirn keineswegs ab, sondern arbeitet normalerweise auf Hochtouren. Was am Tag gelernt wurde, wird dabei verfestigt. Kunz drückt es so aus: „Nachts lernt Messi Fußball spielen.“ Diese Vorgänge werden von anderen Schlafmitteln häufig unterdrückt. Man schläft dann zwar länger, fühlt sich aber am Morgen wie gerädert. Auch im Zusammenhang mit Melatonin berichten manche Patienten von Abgeschlagenheit, Schwindel und Übelkeit. Doch während das bei anderen Schlafmitteln fast zwangsläufig dazugehört, hängt beim Melatonin alles vom Zeitpunkt der Einnahme ab. Der muss jeden Tag haargenau der gleiche sein und liegt am besten zwischen 22 und 23 Uhr. Kunz vergleicht das mit einer Kinderschaukel, die, zum falschen Punkt angeschubst, völlig aus dem Takt gerät. Bei Schlafmitteln wie den Z-Präparaten ist das anders, sie lassen unabhängig vom Einnahmezeitpunkt fast alle, auch Gesunde, schneller und länger schlafen. Melatonin dagegen wirkt auf natürlichere Weise und sanfter, deshalb ist es zur Behandlung schwerer Schlafstörungen auch nicht zugelassen.

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