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Lithium als Wirkstoff : Das Rezept der Wüste

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Im bolivianischen „Salar de Uyuni“ findet sich das größte Lithiumvorkommen der Erde. Wie das Leichtmetall seine therapeutische Wirkung entfaltet, weiß man immer noch nicht. Bild: Olaf Otto Becker

Lithium ist eigentlich giftig. Doch korrekt dosiert hilft es gegen Manie und Depression. Und vielleicht sogar gegen Demenz.

          Drei Protonen, drei Elektronen, vier Neutronen: Einfacher als dieses Medikament, das Marylou Selo das Leben rettete, könnte ein Wirkstoff kaum aufgebaut sein. Auf Tafeln des Periodensystems steht es als erstes Alkalimetall links oben an Position 3 – Lithium, das seit dem Urknall überall im Universum zu finden ist. Dieses leichte, höchst reaktive Element vermag es, Menschen aus ihren tiefsten Abgründen zu ziehen, ihre halsbrecherischen Höhenflüge zu bremsen und ihre Stimmungen, Beziehungen, ja ihr Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Lithium? Lithium ist meine himmlische Rettung“, sagt die heute 74-jährige Selo.

          „Entweder du schluckst jetzt dieses Mittel, oder du wirst weggesperrt“, so wurde ihr die Therapie 1976 von einer jungen amerikanischen Ärztin vorgestellt. Marylou Selo hatte gerade laut „Merry Christmas in July“ rufend auf ihrem New Yorker Balkon gestanden und vierhundert Dollar an Passanten verteilt. Ein paar Tage zuvor war die aus Europa stammende Dolmetscherin in Miami aktenkundig geworden, weil sie eine bayerische Touristengruppe überredet hatte, mit ihr nackt zu baden; Polizisten mussten sie tobend aus dem Wasser ziehen. Bis Mitte 30 etwa war ihre Krankheit nicht in Erscheinung getreten, aber nun saß sie mit Zwangsjacke in einer Gummizelle und sollte ein Lithiumpräparat schlucken.

          Seit vierzig Jahren nimmt die in der Schweiz und den Vereinigten Staaten lebende Selo mittlerweile Lithium ein. Bei ihr – und vielen anderen Betroffenen – hat der Wirkstoff den Vulkan von einer Krankheit, so nennt Michael Bauer, Direktor der Psychiatrie der Universitätsklinik Dresden, ihr bipolares Leiden, zum Schweigen gebracht: Die manischen Explosionen wurden gestoppt, es kam wieder eine Art Schlafbedürfnis auf. Das Mittel verhinderte den stets folgenden Absturz in die Depressionen und holte sie aus ihren Halluzinationen und manischem Verfolgungswahn wieder auf den Boden der Realität zurück.

          Selbst aggressive Gefängnisinsassen konnte das Mittel schon zur Räson bringen

          Über die oft schauerliche Achterbahnfahrt eines bipolaren Kranken berichtet der Schriftsteller Thomas Melle in seinem autobiographischen Werk „Die Welt im Rücken“. Lithium, schreibt er darin, sei wie ein Schlag auf den Kopf, wie man ihn aus Comics kennen würde. Die Sterne wirbeln um den Schädel, und wenn sie sich verzogen haben und man wieder zu sich kommt, hat man zwar nicht wie viele Helden aus den Bildergeschichten eine neue Erkenntnisstufe erreicht, ist aber immerhin wieder in der gewöhnlichen Normalität angekommen: „Innerhalb von Tagen zerfiel das längst verknöcherte Wahnkonstrukt, das ich fast anderthalb Jahre lang mit mir herumgeschleppt hatte, zu Staub, und die hypertrophen Gefühle erstickten endlich. Plötzlich war die Wohnung eine normale Wohnung, Männer waren Männer, Frauen Frauen, und ein Gedicht war verdammt noch mal nur ein Gedicht.“ Dank der Tabletten kann einer von fünf manisch-depressiven Patienten ein ganz normales Leben führen, einer von drei schafft das immerhin mit Hilfe eines weiteren Medikaments. Für die anderen bedeutet Lithium keine Rettung, sie sprechen aufgrund bestimmter Genvariationen weniger gut darauf an.

          Erfolgreich behandelte Patienten erleiden seltener Gefühlsausbrüche und sind emotional stabiler; selbst aggressive Gefängnisinsassen konnte das Mittel schon milder stimmen. Doch auf welche Weise das Leichtmetall wirkt, ist laut Michael Bauer noch ein Mysterium, obwohl es an Theorien zur Erklärung nicht mangelt. So scheint es Nervenzellen vor dem Zelltod zu bewahren, was man unter anderem daraus schließt, dass manche Hirnregionen der damit behandelten bipolaren Patienten weniger schrumpfen. Wahrscheinlich beeinflusst Lithium unter anderem das Gleichgewicht der Botenstoffe und die Aktivität von Enzymen.

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