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Lithium als Wirkstoff : Das Rezept der Wüste

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Dieses Ergebnis schreckte den dänischen Mediziner Lars Kessing am psychiatrischen Zentrum der Universität Kopenhagen auf. Offenbar wirkten da Konzentrationen, denen jeder Mensch im alltäglichen Leben ausgesetzt ist. Lithium ist im Prinzip überall; es wird mit dem Trinkwasser, Milch, Fleisch, Eiern und pflanzlicher Nahrung aufgenommen. „Und das tagaus und tagein“, sagt Kessing, der sich deshalb das dänische Bevölkerungsregister vornahm, um einen möglichen Einfluss auf das Demenzrisiko zu untersuchen. Er wurde fündig.

In Gegenden mit sehr hohen Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser erkranken die Menschen tatsächlich seltener an Alzheimer, wie Kessing im Sommer in der Fachzeitung JAMA Psychiatry berichtete. Allerdings stieg das Demenzrisiko bei niedrigen Konzentrationen nicht entsprechend an, wie es bei einem ursächlichen Zusammenhang zu erwarten wäre. Bewiesen sei noch nichts, räumt Kessing selbst ein, „aber ich halte es durchaus für möglich, dass der Wirkstoff einmal eine Rolle in der Demenzprävention spielen könnte“.

Aber Lithium hinterlässt noch weitere Spuren in den Statistiken. Je mehr davon im Trinkwasser enthalten ist, desto weniger Suizide sind in der jeweiligen Region zu beklagen. Das wurde unter anderem in Österreich, Texas und Japan beobachtet, und in Mexiko fand sich ein Einfluss auf die Zahl der verübten Gewalttaten.

Die einen wollen es ins Trinkwasser mischen. Die anderen schüren Zweifel am günstigen Metall

Schon jetzt werde auf Kongressen manchmal gefordert, Lithium überall ins Trinkwasser zu mischen, erzählt der Pharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen, der bis zu seiner Emeritierung 2001 die Depressionsambulanz an der Freien Universität Berlin leitete. Er hält solche Überlegungen aber für verfrüht, denn es gebe neben zahlreichen Wissenslücken auch die von therapeutischen Dosierungen bekannten Nebenwirkungen. Zu den häufigsten zählen eine Gewichtszunahme, Schilddrüsenunterfunktion und ein vermehrter Harndrang; ein Viertel der Patienten klagt zudem über Händezittern. Müller-Oerlinghausen weiß auch von einem Bestattungsunternehmer zu berichten, der sich gegen diese Therapie entschied, weil er emotional nicht mehr in der Lage war, auf seine Kunden einzugehen. Aber die manchmal auftretenden Gedächtnisstörungen seien zu verhindern, indem man die Dosis senke, auch die anderen Nebenwirkungen könne man in den Griff bekommen.

Trotz allem darf nicht vergessen werden, dass zu viel Lithium im Blut giftig wirkt. Deshalb müssen die Patienten regelmäßig zur Kontrolle, und wenn der Körper durch Bewegung, Fieber oder etwa Durchfall an Flüssigkeit verliert, muss der Verlust ausgeglichen werden. „Das sind aber keine Gründe, auf das Verschreiben von Lithium zu verzichten“, sagt der Pharmakologe, doch so geschehe es. Er diagnostiziert für Deutschland deshalb eine erhebliche Unterversorgung. Junge Ärzte würden nicht mehr lernen, mit dem verrufenen Lithium umzugehen, und Müller-Oerlinghausen macht die Pharmaindustrie mitverantwortlich, weil sie Zweifel am billigen Metall schürte und teure Konkurrenzprodukte bewarb, die seiner Meinung nach den Patienten schlechter helfen.

In einigen Fällen ist ein Therapiewechsel jedoch notwendig. Jaime Lowe zum Beispiel musste sich entscheiden: Sie habe die Wahl, verkündeten 2014 ihre Ärzte nach dreizehn guten Jahren unter dem Einfluss des Leichtmetalls, entweder ein Leben ohne Lithium oder früher oder später ein Leben mit einer transplantierten Niere. Denn wer das Medikament einnimmt, verdoppelt das Risiko, einmal an einem chronischen Nierenleiden zu erkranken, und ihre Blutwerte waren bereits schlecht. „Ich würde Lithium nie absetzen“, ist sich Marylou Selo sicher, „nicht für eine Million Dollar und auch nicht für meine Niere.“ Doch die jüngere Lowe beschloss schweren Herzens, auf ihr Heilmittel zu verzichten, es gegen ein anderes Medikament zu ersetzen. Und sie trat eine symbolische Pilgerreise an – zum größten Lithiumvorkommen der Erde, der Salzwüste Salar de Uyuni in Bolivien.

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