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Lithium als Wirkstoff : Das Rezept der Wüste

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Aspirin der Psychiatrie

Als Aspirin der Psychiatrie bezeichnet Bauer das rätselhafte Medikament. Nicht nur weil es billig und eine gefühlte Ewigkeit in Verwendung ist, „sondern weil wir wie beim Aspirin immer wieder auf neue Effekte stoßen“. Inzwischen weiß man zum Beispiel, dass Lithium nicht nur bipolare, sondern auch andere Depressionspatienten von einem psychischen Absturz bewahren kann. Anfang der 1990er Jahren stellte der deutsche Psychopharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen mit Kollegen fest, dass das Metall bei langfristiger Einnahme tatsächlich das Suizidrisiko von psychisch Kranken senkt – das schafft kein anderes Medikament. Bauer prüft derzeit in einer Studie, ob das auch akut, direkt nach einem Selbsttötungsversuch oder bei suizidalen Gedanken, gilt. Für eine weitere Überraschung sorgte Ende August der dänische Psychiater Lars Kessing. Sollten sich seine Ergebnisse bestätigen, dann hinge ein Demenzrisiko auch davon ab, wie hoch der Lithiumgehalt im Trinkwasser ist. Und die Konzentrationen darin betragen gerade mal ein Tausendstel der in der Therapie verwendeten Mengen.

Von alldem ahnte jedoch der australische Psychiater John Cade nichts, als er Ende der 1940er Jahre zufällig auf die heilenden Kräfte des Metalls stieß. Cade ging damals der Hypothese nach, dass eine Manie durch körpereigene Gifte ausgelöst wird, die im Urin zu finden sind. Um das zu überprüfen, spritzte er Meerschweinchen unter anderem Harnsäure, und um diese einfacher zu dosieren, verknüpfte er das Urat mit Lithium und nutzte Lithiumcarbonat zur Kontrolle. Die behandelten Tiere wurden wider Erwarten lethargisch, und so stieß Cade unverhofft auf eine Therapie. Er probierte Lösungen mit Lithiumsalzen zunächst an sich selbst aus, dann an zehn Patienten. Mit Erfolg. Allerdings traten bei anderen auch Nebenwirkungen auf, es kam sogar zu Todesfällen. Dass die Lithiumtherapie für manisch-depressive Kranke dennoch aufgenommen und weiterentwickelt wurde, ist insbesondere dänischen Medizinern und klinischen Studien in den 1950er und sechziger Jahren zu verdanken. Einer von ihnen war Mogens Schou, der dafür 1987 mit dem Albert Lasker Award ausgezeichnet wurde.

„Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an Lithium“ – unter diesem Titel schilderte die amerikanische Journalistin Jaime Lowe 2015 im Magazin der New York Times ihren bereits zwanzig Jahre währenden Kampf mit dem bipolaren Leiden. Sie gab preis, was passierte, als sie versuchte, ohne diese Arznei zurechtzukommen: Nach sieben Jahren Therapie setzte Lowe im Alter von 24 Jahren das Mittel ab, trug danach Hunderte Halsketten auf einmal, gab ein Vermögen für Butternusskürbis aus, knurrte und kreischte, statt zu reden, außerdem wollte sie Präsident George Bush zu einem Rededuell herausfordern. Die Dolmetscherin und Mitbegründerin einer Selbsthilfegruppe Marylou Selo wiederum bezahlte ihre Absetzversuche mit tiefen Depressionen und wirbt seither nicht nur in Talkshows für die Behandlung. Dennoch habe sie noch heute das Gefühl, dass ihr die Krankheit wie ein Papagei auf der Schulter sitze, sagt sie. „Unberechenbar und jederzeit imstande, erneut zuzubeißen.“

Schützt Lithium vor Demenz?

Dass Lithium nicht nur vor Manie, sondern womöglich vor Demenz schützen könnte, zeichnete sich zunächst in Tierversuchen ab. Mischte man Ratten das Spurenelement etwa ins Futter, steigerte sich ihr Erinnerungsvermögen. Bipolare Patienten schienen ebenfalls zu profitieren, mit Lithiumtherapie funktionierte das Gedächtnis langfristig besser als ohne. Im Jahr 2011 erprobten brasilianische Mediziner das Mittel an 45 Senioren mit ersten leichten Gedächtnisschwächen – und konnten den geistigen Abbau tatsächlich verlangsamen. Dass dafür nicht einmal hohe Dosen nötig sind, belegten dann Kollegen mit nur einem Fünfhundertstel der Menge.

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