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Gefäßschäden unterschätzt : Gute Luft ist Herzenssache

  • -Aktualisiert am

In China ist Luftverschmutzung zu einem der größten Krankheitsverursacher geworden. Bild: dpa

Feinstaub und Stickstoffoxide in der Luft sind unterschätzt worden. Ihre fatale Wirkung auf das Herzkreislaufsystem kommt nun allmählich zutage.

          Feinstaub und Stickstoffoxide, im Straßenverkehr und in der Industrie in größeren Mengen anfallende Luftschadstoffe, können dem Herzkreislaufsystem erheblich schaden. Einer der Gründe hierfür scheint zu sein, dass sie die Arterienverkalkung, die Arteriosklerose, vorantreiben. Hinweise auf eine solche Gefahr liefern jedenfalls die Ergebnisse einer amerikanischen Bevölkerungsstudie, an der knapp 7000 anfangs herzgesunde Männer und Frauen mittleren Alters beteiligt waren.

          Zu Beginn und mehrmals während des zehnjährigen Studienverlaufs hatten sich die Teilnehmer verschiedenen Untersuchungen unterzogen, die Rückschlüsse auf die Gefäßgesundheit erlauben. Hierzu zählte eine Bestimmung des Kalkgehalts ihrer Herzkranzarterien. Vorgenommen mit Hilfe der Computertomographie, gibt dieser Parameter Auskunft über die Höhe des Infarktrisikos. Wie Joel Kaufman vom Department für Umwelt- und Arbeitsmedizin der University of Washington in Seattle im „Lancet“ berichtet, bestand ein direkter Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Luftverschmutzung und dem Fortschreiten der Arteriosklerose.

          Kleinste Schwebeteilchen besonders schädlich

          Im Verlauf von rund zehn Jahren reicherten sich demnach umso größere Kalkmengen in den Arterien an, je mehr Feinstaub einer Partikelgröße von höchstens 2,5 Mikrometer (PM2,5) Durchmesser die Studienteilnehmer im Jahresmittel eingeatmet hatten: Mit bloßem Auge nicht sichtbar, haben so feine Schwebeteilchen deshalb besonders weitreichende Wirkungen, weil sie nicht in der Lunge steckenbleiben, sondern in das Gefäßsystem eindringen. Als ähnlich schädlich wie der Feinstaub erwiesen sich in der Studie die Stickoxid-Verbindungen. Auch diese Schadstoffe trieben die Verkalkung der Herzkranzarterien umso nachhaltiger voran, je stärker sie die Luft verpesteten. Auf welche Weise Feinstaub und Stickstoffoxide die Arteriosklerose beschleunigen, lässt sich damit allerdings noch nicht beantworten. Sicher ist nur: Mit dem Verkalkungsgrad der Herzkranzarterien steigt auch das Risiko für einen Infarkt immer weiter an. Wie Barbara Hoffmann vom Institut für Umwelt- und Sozialmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf und ein niederländischer Kollege in dem Zusammenhang betonen, gab es in der vorliegenden Studie keinen Schwellenwert, unterhalb dessen der Luftfeinstaubgehalt die Gefäßverkalkung im Herzen nicht begünstigte. Ernüchternd dabei sei, dass in vielen Städten Europas, ganz zu schweigen von der Situation in etlichen anderen Teilen der Welt, deutlich höhere PM2,5-Werte gemessen werden. Zurückführen ließe sich dies vermutlich auf die einschlägigen Vorschriften. In den Vereinigten Staaten dürfe der PM2,5-Feinstaubwert im Jahresmittel 12 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten, während sich die EU mit 25 Mikrogramm begnüge. Indes werde zunehmend deutlich, dass selbst PM2,5-Konzentrationen von weniger als 10 Mikrogramm - die von der Weltgesundheitsbehörde empfohlene Obergrenze - dem Herzkreislaufsystem zusetze.

          Wie es in zwei Kommentaren zur amerikanischen Lancet-Studie heißt, stelle sich nun die Frage, wie viel mehr Evidenz europäische Politiker benötigten, bevor sie das Problem endlich ernsthaft anpackten.

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