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Medikamentenwirkung : Mehr Zuwendung statt Antidepressiva

  • -Aktualisiert am

Sind Antidepressiva wirklich die beste Lösung bei depressiven Herzkranken? Bild: AP

Viele Herzkranken, deren Psyche leidet, bekommen Pillen. Geholfen wird ihnen so kaum. Persönliche Betreuung dagegen wirkt erstaunlich gut.

          Bis zu vierzig Prozent aller Patienten mit Herzschwäche, einer Herzinsuffizienz, leiden an Depressionen. Je ausgeprägter dabei die Niedergeschlagenheit, desto eher führt die Herzerkrankung zu schweren Komplikationen oder zum Tod. Der Gedanke liegt daher nahe, den Betroffenen stimmungsaufhellende Medikamente zu verordnen. Denn eine Linderung der Schwermut, so zumindest die Hoffnung vieler Ärzte, sollte auch den Gesundheitszustand der Patienten günstig beeinflussen. Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, hat im medizinischen Alltag gleichwohl nicht immer Bestand. Laut den Ergebnissen einer Studie mit dem Kürzel MOOD-HF, an der sechzehn deutsche Kliniken beteiligt waren, scheinen viele herzschwache Patienten mit Depressionen von Antidepressiva nicht zu profitieren. Zum Teil scheint sogar das Gegenteil der Fall zu sein.

          Die in die Untersuchung einbezogenen Herzkranken - rund 380 Männer und Frauen mit einem durchschnittlichen Alter von 62 Jahren mit größtenteils leichter bis mittelschwerer Depression - wurden alle umfassend gegen die Herzinsuffizienz behandelt. Darüber hinaus erhielt eine Hälfte von ihnen Escitalopram, ein gängiges Antidepressivum aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Die andere Hälfte wurde ein Placebo verabreicht. Weder die Ärzte noch die Patienten wussten dabei, um welches der beiden Mittel es sich jeweils handelte. Eineinhalb Jahre nach Beginn der Therapie haben die Autoren der Studie nun Bilanz gezogen.

          Escitalopram ohne Nutzen

          Wie Christiane Angermann vom Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz des Universitätsklinikums Würzburg und die anderen Forscher im „Journal der Amerikanischen Medizingesellschaft“ („Jama“, doi: 10.1001/jama.2016.7635) berichten, traten in beiden Kollektiven gleich viele Todesfälle und Komplikationen auf. So verstarben jeweils sieben bis zehn Prozent der Patienten, und mehr als 60 Prozent von ihnen wurden mindestens ein weiteres Mal im Krankenhaus behandelt.

          Das heißt: Escitalopram zeigte keinerlei Nutzen. Nichts deutete zudem darauf hin, dass das Mittel manchen Personengruppen zugutekam - im Gegenteil: Herzkranken mit schwererer Depression schien das Medikament sogar eher zu schaden. Selbst was die Besserung der Gemütslage angeht, war Escitalopram dem Scheinmedikament nicht überlegen. So kam es in beiden Therapiegruppen zu einem vergleichbar starken Rückgang der Niedergeschlagenheit. Dass auch die Anwendung von Placebos oft heilsame Wirkungen entfaltet, geht aus vielen Studien hervor - insbesondere solchen, in denen Antidepressiva mit Placebos verglichen wurden.

          Wie Frau Angermann auf Anfrage zu bedenken gibt, wurde die Wirksamkeit von Antidepressiva in den großen Zulassungsstudien fast ausschließlich bei körperlich gesunden Depressiven getestet. Weitgehend ungewiss sei, ob und wie sie sich für Betroffene mit körperlichen Erkrankungen eignen. „Als wir dieser Frage bei Patienten mit Herzschwäche nachgehen wollten, sind wir auf erhebliche Widerstände gestoßen. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis unsere Studie genehmigt wurde. Die Ethikkommissionen fanden es anfangs unzumutbar, depressiven Herzkranken keine Antidepressiva, sondern nur Placebopillen zu geben“, sagt Angermann.

          Was ist mit Herzinsuffizienz?

          Die gute Nachricht sei, dass die Patienten beider Therapiegruppen erheblich profitiert hätten. Bei fast allen Teilnehmern seien die depressiven Symptome zurückgegangen, und das größtenteils deutlich. Ursächlich hierfür dürfte laut Frau Angermann die strukturierte, auf den Einzelnen zugeschnittenen medizinische Versorgung gewesen sein. „Unsere Patienten erhielten nicht nur eine optimale medikamentöse Therapie, sondern zudem eine individuelle Betreuung. Als besonders nutzbringend hat es sich dabei erwiesen, die Herzkranken aktiv in die Krankheitsbewältigung einzubeziehen. Um diese Herausforderung bestmöglich zu meistern, waren die behandelnden Ärzte und Pflegekräfte zuvor von Psychiatern geschult worden.“

          Wie die Kardiologin einschränkend hinzufügt, gelten die Ergebnisse ihrer Studie nur für herzschwache Patienten mit leichter bis mittelschwerer Depression. Herzkranke mit anderen Depressionsarten, etwa einer bipolaren Störung, seien in ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt worden. Daher könne man zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht sagen, ob Antidepressiva bei allen herzschwachen Patienten nutzlos sind oder nur bei bestimmten.

          Unklar ist bislang, weshalb eine Herzinsuffizienz so oft mit einer Depression einhergeht und in Kombination mit dieser noch tödlicher ist als sonst. „Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass entzündliche Vorgänge dabei eine wichtige Rolle spielen könnten“, sagt Frau Angermann. Sollte es gelingen, diese Prozesse besser zu verstehen und gezielt zu unterdrücken, würde der Patient möglicherweise doppelt profitieren - und zwar sowohl was das Herzleiden, als auch was die Schwermut betrifft.

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