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Qualität von Krankenhäusern : 75 Minuten bis zum rettenden Eingriff

  • -Aktualisiert am

Schnelligkeit zählt, aber sie ist nicht alles. Bild: dpa

Um die Chancen von Infarktpatienten zu steigern, tun einige Kliniken mehr als andere. Auch Schwerstkranke überleben und können nach Hause gehen. In der offiziellen Statistik werden sie dafür allerdings bestraft.

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          Bei einem akuten Herzinfarkt muss alles sehr schnell gehen. Je rascher und vollständiger die verschlossene Herzschlagader wieder geöffnet wird, desto eher lassen sich schwere, teilweise tödliche Komplikationen verhindern. Ob und in welchem Zustand die Betroffenen überleben, hängt ganz wesentlich von strukturellen Prozessen ab. Dazu zählt etwa die Zusammenarbeit des Klinikpersonals, die Erfahrung der behandelnden Ärzte und die Aufmerksamkeit der Pflegekräfte. Ein gängiges Maß für die Qualität der Infarkttherapie ist der Anteil an Patienten, die - jeweils bezogen auf die Erkrankungsschwere - innerhalb von 30 Tagen, also während oder kurz nach dem Krankenhausaufenthalt, versterben.

          Amerikanische Wissenschaftler um Harlan Krumholz von der Yale School of Medicine in New Haven (Connecticut) haben die Aussagekraft dieses Qualitätskriteriums nun kritisch überprüft. Wie sie im „New England Journal of Medicine“ (doi: 10.1056/NEJMMoa 151 3223) schreiben, kann es nämlich durchaus sein, dass ein Krankenhaus zwar überdurchschnittlich viele Infarktkranke nach erfolgreicher Behandlung entlässt, sich diese aber in einem vergleichsweise schlechten Gesundheitszustand befinden und ihren Überlebensvorsprung daher schon bald wieder einbüßen. Um mehr Klarheit bemüht, verfolgten die Forscher um Krumholz daher das Schicksal von 120.000 betagten Versicherten der amerikanischen Krankenkasse Medicare, die Mitte der neunziger Jahre wegen eines akuten Herzinfarkts an einem von insgesamt 1824 amerikanischen Hospitälern behandelt worden waren.

          Wie nicht anders erwartet, hing die „30-Tage-Sterblichkeit“ unter anderem vom Allgemeinzustand des Betroffenen ab. Das heißt, dass mit der Schwere der Erkrankung auch das Risiko für einen baldigen Tod steil anstieg. Zwischen den einzelnen Kliniken gab es dabei allerdings große Unterschiede. So hatten Patienten mit vergleichbarem Gesundheitszustand an einigen Kliniken bessere Überlebensaussichten als an anderen. Entgegen ihrer ursprünglichen Vermutung fanden die Wissenschaftler aber keinen Hinweis darauf, dass eine niedrige 30-Tage-Sterblichkeit Ausdruck für eine geschönte Krankenhausstatistik sein könnte. Sie entpuppte sich vielmehr als ein echtes Qualitätskriterium. Denn jene Patienten, die an Hospitälern mit der geringsten 30 Tage-Sterblichkeit versorgt worden waren, lebten, je nach ihrem Gesundheitszustand, im Durchschnitt neun bis vierzehn Monate länger als Infarktkranke, die an eines der diesbezüglich schlechtesten Krankenhäuser geraten waren.

          Studie kann Krankenhäuser von lobenswerter Strategie abbringen

          „Das ist ein wichtiges Ergebnis. Eine geringere Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen heißt somit nicht, dass eine bessere Akutmedizin mehr schwerkranke Patienten hervorbringt“, sagt Karl Heinrich Scholz vom St. Bernward-Krankenhaus in Hildesheim, der sich seit vielen Jahren mit strukturellen Verbesserungen bei der Akutversorgung von Patienten mit Herzinfarkt befasst. Mit einem ganzheitlichen Ansatz ist es dem Kardiologen in seiner Region gelungen, die Zeit vom Erstkontakt des Patienten mit dem Rettungsdienst bis zur Öffnung der verschlossenen Herzschlagader auf außergewöhnlich geringe 75 bis 90 Minuten zu senken.

          Wie Scholz zugleich einräumt, wurden Infarktpatienten in den neunziger Jahren, anders als heute, noch nicht routinemäßig mit dem Katheter behandelt. Daher sei die Sterblichkeit der Betroffenen damals auch noch höher gewesen. „Um die Qualität einer Klinik korrekt zu beurteilen, muss man sich den Gesundheitszustand der Patienten allerdings genau ansehen. Eine extrem wichtige Rolle spielt es etwa, ob ein Infarktkranker wiederbelebt werden musste oder nicht. Nach einer Reanimation steigt die 30-Tage-Sterblichkeit der Betroffenen nämlich stark an.“ Im Bewertungskatalog der gesetzlichen Qualitätssicherung seien dieser und andere Risikofaktoren aber bisher nicht vollständig abgebildet, bemängelt Scholz. Kliniken, die auch Patienten mit hohem Sterberisiko nicht gleich aufgeben würden, erhielten daher oft fälschlicherweise schlechte Noten. Das könnte dazu führen, so Scholz weiter, dass sie diese lobenswerte Strategie verlassen, um - vermeintlich - bessere Qualitätszahlen abliefern zu können.

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