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Herzinfarkt-Gene : Wenn das Blut ins Stocken gerät

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Versuch mit Mäusen

Besonders ausgeprägt war dieser Effekt, wenn die genetischen Veränderungen im Doppelpack vorlagen. In dem Fall enthielten die Blutplättchen nur extrem geringe Mengen an Guanylatzyklase, was zur Folge hatte, dass selbst eine intensive Stimulation mit Stickoxid nur wenig cGMP auf den Plan rief. Welche gesundheitlichen Konsequenzen sich hieraus ergeben, ermittelten die Forscher daraufhin bei Mäusen mit einem der menschlichen Doppel-Mutation vergleichbaren Gendefekt. Wie sie entdeckten, geriet das Blut der betreffenden Nager besonders leicht ins Stocken. Selbst kleinere Verletzungen zogen bei diesen Tieren daher weitreichende thrombotische Gefäßverschlüsse nach sich.

Die Folge von thrombosebedingten Gefäßverschlüssen können auch Herzattacken sein: Bricht eine arteriosklerotische Gefäßkruste auf, aktivieren die dabei frei werdenden Stoffe die Blutplättchen, die daraufhin verkleben und die betroffene Schlagader ganz oder teilweise verlegen. „Die von uns entdeckten Mutationen dürften diesen Prozess nachhaltig fördern, und zwar insbesondere dann, wenn sie zusammen auftreten“, sagt der Münchner Kardiologe Schunkert. „Dass Erkrankungen auf eine Interaktion von zwei oder mehreren Gendefekten zurückgehen können, wurde bislang viel zu wenig berücksichtigt.“ Die meisten Forscher hätten bis jetzt vorwiegend nach einzelnen krankheitsfördernden Genvarianten gefahndet. „Dies könnte auch einer der Gründe sein, weshalb die Ausbeute bis jetzt eher gering ausgefallen ist.“ Genetische Wechselwirkungen aufzudecken sei freilich eine Herausforderung. „Bei uns war auch einiges Glück mit im Spiel“, erklärt Schunkert. „So wiesen die zuerst untersuchten herzkranken Familienmitglieder ausnahmslos beide Mutationen auf, was reiner Zufall war.“ Schon früh seien sie daher davon ausgegangen, dass die genetischen Varianten bei der Ausbildung von Infarkten zusammenspielen könnten.

Noch nicht zugelassener Wirkstoff

Naheliegend war zudem, dass die bei der Großfamilie identifizierten Mutationen auch bei anderen Menschen zur Infarktentstehung beitragen. Um diesem Verdacht auf den Grund zu gehen, fahndeten Jeanette Erdmann und die anderen Wissenschaftler im Erbgut von mehreren hundert gesunden und infarktkranken Personen nach entsprechenden Hinweisen. Bei einigen Betroffenen - darunter mehreren, die in jungen Jahren erkrankt waren - entdeckten sie tatsächlich ganz ähnliche Mutationen. Im Genom von 110 000 Personen aus der Allgemeinbevölkerung stießen sie darüber hinaus auf eine verbreitete genetische Variante der Guanylatzyklase, die, falls in doppelter Ausführung vorhanden, mit einem merklich erhöhten Infarktrisiko einherging. Ob auch diese genetische Spielart über einen Mangel an Guanylatzyklase die Thromboseneigung und damit die Infarktanfälligkeit heraufsetzt, lässt sich derzeit noch nicht beantworten. Schunkert hält einen solchen kausalen Zusammenhang allerdings für wahrscheinlich. Wie er hinzufügt, gibt es mittlerweile ein Medikament, das die Aktivität der Guanylatzyklase steigert. Die Rede ist von Riociguat, einem noch nicht zugelassenen Wirkstoff zur Behandlung von Patienten mit Lungenhochdruck (siehe F.A.Z. vom 7. August). In weiteren Studien wollen der Münchner Kardiologe und die anderen Wissenschaftler nun herausfinden, ob sich Riociguat auch dazu eignet, die infarktfördernde Wirkung der von ihnen beschriebenen Mutationen zu neutralisieren.

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