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Herzinfarkt : Aufgeblasene Adern

  • -Aktualisiert am

Der Transport zur Spezialklinik darf nicht zu lange dauern Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Was hilft nach dem Herzinfarkt am besten? Die Mediziner debattieren zwei Behandlungsstrategien. Der Katheter enttäuscht in den neuesten Studien. Unabhängig davon ist eine rasche Versorgung entscheidend.

          Patienten mit akutem Herzinfarkt müssen so schnell wie möglich in einem Krankenhaus behandelt werden. Denn je rascher die verstopfte Herzkranzarterie geöffnet werden kann, desto weniger Herzmuskel geht zugrunde.

          Die Frage ist nur, wie sich dieses Ziel am ehesten erreichen läßt. Grundsätzlich stehen dem Arzt hierfür zwei Verfahren zur Verfügung: Er kann die verlegte Ader entweder mit dem Katheter aufdehnen oder den Blutpfropf mit Gerinnsel lösenden Medikamenten angehen. Welche Methode mehr Erfolg verspricht, haben in den letzten Jahren etliche Forschergruppen untersucht. Die meisten kamen dabei zu dem Ergebnis, daß die Kathetertechnik der Gerinnsel lösenden Therapie, der Thrombolyse, überlegen ist.

          Strenge Auswahlkriterien für Studienpatienten

          Ein internationales Forscherteam um den belgischen Kardiologen Frans van de Werf von der Universitätsklinik in Leuven wollte nun klären, inwieweit diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch praktische Bedeutung haben. Denn die in klinischen Studien gewonnenen Erkenntnisse sind erfahrungsgemäß nicht ohne weiteres auf den Alltag übertragbar. Zum einen müssen die darin einbezogenen Patienten meist strengen Auswahlkriterien genügen, die von den Charakteristika „gewöhnlicher“ Kranker stark abweichen können. Zum anderen beteiligen sich an solchen Studien in der Regel nur Ärzte, die viel Erfahrung in der Handhabung des zu testenden Verfahrens besitzen.

          In der internationalen Studie mit dem Akronym „Grace“ sind die Daten von über 28.000 Infarktkranken aus insgesamt 14 Ländern eingegangen. Bei den Betroffenen handelte es sich um Männer und Frauen aller Altersgruppen und mit Herzanfällen unterschiedlichen Schweregrads. Über die Ergebnisse ihrer Auswertungen berichteten die Autoren vor kurzem im „British Medical Journal“ (Bd.330, S.441).

          Höhere Sterblichkeitsrate bei Kathetereingriff

          Der Kathetereingriff ist demzufolge keineswegs erfolgreicher als die Gerinnsel lösende Therapie - im Gegenteil: Die mechanische Aufdehnung der verlegten Herzkranzarterie ging sogar mit einer etwas höheren Sterblichkeit einher. Auch erlitten die hiermit behandelten Kranken innerhalb eines halben Jahres häufiger einen Schlaganfall und schwere Blutungen als jene, die sich einer Thrombolyse unterzogen hatten.

          Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine weitere Untersuchung, in der ebenfalls das Schicksal von „gewöhnlichen“ Infarktkranken verfolgt wurde ( „Jama“, Bd.293, S.1329). Kanadische Wissenschaftler von der Universität Toronto sind darin der Frage nachgegangen, wie Patienten mit Herzinfarkt an regionalen Krankenhäusern behandelt werden und welchen Einfluß die jeweilige Therapieart auf das Überleben der Betroffenen hat. Bei ihren Analysen stützten sie sich auf die Daten eines umfassenden Registers, das Informationen über rund 160.000 Patienten mit frischem Herzinfarkt enthielt. Auch in dieser Studie erwies sich der Kathetereingriff als eher enttäuschend. Jedenfalls konnte er die Sterblichkeit der Infarktkranken nur geringfügig vermindern. Sehr viel größere Auswirkungen auf die Lebenserwartung der Betroffenen hatte demgegenüber die Qualität der medizinischen Versorgung. Patienten, die nach den einschlägigen medizinischen Richtlinien behandelt wurden - hierzu zählt unter anderem die Anwendung von Betablockern und Acetylsalicylsäure -, hatten sehr viel bessere Überlebensaussichten als die weniger gut versorgten Teilnehmer.

          Klinikpersonal hat zu wenig Erfahrung

          Sind Kathetereingriffe zur Behandlung von Patienten mit akutem Herzinfarkt somit überflüssig oder gar schädlich? Für den Kardiologen Erland Erdmann von der Universitätsklinik in Köln liegt der Teufel wie so oft im Detail. Für ihn ist die Therapie nur dann sinnvoll, wenn Ärzte und Krankenschwestern alle Handgriffe perfekt beherrschen und auch das Hospital strukturell auf solche Patienten eingerichtet ist.

          Da ein Herzinfarkt immer einen Notfall darstelle, müsse alles wie am Schnürchen klappen. Nur dann lassen sich Komplikationen vermeiden. Den hohen Anteil an Blutungen und Schlaganfällen in der oben erwähnten internationalen Studie führt Erdmann auf eine unzureichende Erfahrung des Klinikpersonals zurück. Auch dürfe der Transport zu der Spezialklinik nicht zu lange dauern, zumal einer raschen Behandlung sehr viel größere Bedeutung zukommt als der Wahl der Therapie.

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