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Hautkrebsprävention : Eltern unterschätzen bewölkte Sommertage

  • -Aktualisiert am

Noch immer halten sich im Sommer viele Kinder ohne ausreichenden Sonnenschutz im Freien auf, zeigt eine Erlanger Studie. Kinderärzte fordern jetzt, Hautkrebsprävention in die gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen im Kindesalter aufzunehmen.

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          Deutsche Eltern wissen viel über Sonnenschutz und Hautkrebsprävention - aber nicht genug. Einige Gefahren, die sich bei Aufenthalten im Freien für Klein- und Vorschulkinder ergeben, werden noch immer völlig unterschätzt. Zu diesem Schluss kommen Epidemiologen um Olaf Gefeller und Annette Pfahlberg vom Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie (IMBE) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Fachmagazin „Pediatric Dermatology“. Für die „Erlanger Kindergarten-Studie“, ein Projekt in Kindergärten in mehreren Landkreisen bei Erlangen, befragten sie mehr als dreitausend Eltern von drei bis sechs Jahre alten Kindern. Sie legten den Eltern eine Liste von echten und falschen Risikofaktoren für Hautkrebs vor und fragten, welches echte Risiken seien. Eine zweite Liste beinhaltete Situationen, bei denen Sonneneinstrahlung auftritt. Hier fragten die Forscher danach, ob in der jeweiligen Situation Sonnenschutz erforderlich sei.

          Die Wissenschaftler wollten mit ihrer Befragung herausfinden, ob Eltern alle Arten von Sonnenexposition, die ein Risiko darstellen, kennen. Nur vierzehn Prozent der Eltern waren in der Lage, in einer Liste von neun alle sechs Risikofaktoren korrekt anzukreuzen: Sonnenbrände in der Kindheit, chronische Sonnenexposition, etwa bei Berufen, die im Freien ausgeübt werden, Sonnenbäder, viele Muttermale, helle Haut und helles Haar, unterbrochene, wiederholte Sonnenexposition (etwa in den Ferien in warmen Gegenden). Insbesondere die Gefahren durch immer wieder unterbrochene, intensive Sonnenexposition wurden unterschätzt. Nur ein Drittel der Eltern gab an, auch bei Unterbrechungen sei Sonnenschutz notwendig.

          Schutz auch bei Wolken

          In der Liste der Situationen, in denen Sonnenschutz erforderlich ist, konnte die Mehrheit aber immerhin drei Risikosituationen korrekt erkennen: Strandaufenthalte, Mittagssonne, Sport im Freien. Unterschätzt wurde hierbei die Rolle von Sonnenbestrahlung, die an bewölkten Sommertagen einwirkt. Nur neunzehn Prozent waren sich sicher, dass man die Haut des Kindes auch in dieser Situation schützen müsse.

          Insgesamt sei das Wissen über die Gefahren von Sonneneinstrahlung unter deutschen Eltern gut, bilanzieren die Erlanger Forscher. Allerdings müsse man über weitere Kampagnen nachdenken, um ein Bewusstsein für die bislang unterschätzten Aspekte zu wecken. So könne man beispielsweise den UV-Index erklären: Er ist ein Maß für die höchste sonnenbrandwirksame Bestrahlungsstärke, die von der Sonne während eines ganzen Tages hervorgerufen wird. Schon jetzt wird in manchen Kindergärten morgens ein Schild mit dem UV-Index des Tages ausgehängt, um Eltern zu helfen, das Risiko richtig einzuschätzen.

          Unterschätztes Risiko

          Erst im April hatten die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die Deutsche Krebshilfe gemeinsam darauf aufmerksam gemacht, dass das Hautkrebsrisiko von Kindern und Jugendlichen noch immer unterschätzt wird. In der Kindheit und Jugend erworbene UV-Schäden der Haut seien ganz maßgeblich für das spätere Entstehen von Hautkrebs verantwortlich, betont etwa Eckhard Breitbart, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention e.V. (ADP). Hautkrebs trifft immer mehr und immer jüngere Menschen. „Experten rechnen bis 2050 mit einem jährlichen Anstieg der Neuerkrankungen um sieben Prozent“, sagte Gerd Nettekoven, Vorstand der Deutschen Krebshilfe, unlängst bei einer Pressekonferenz zum Thema in Berlin. Jährlich gebe es derzeit 251.000 Neuerkrankungen. Damit sei Hautkrebs die häufigste Tumorart in Deutschland.

          Pädiater unterstützen das Anliegen, Kinder besser zu schützen. Sie fordern sogar eine Erweiterung der U-Untersuchungen, also jener Regeluntersuchungen, die alle Kinder von Geburt an durchlaufen. Als neues Element der U-Untersuchungen fordert der BVKJ eine umfassende UV-Schutzberatung und entsprechende Checks. Junge Haut ist nach Angaben des BVKJ besonders anfällig für schädliche Strahlung, weil die UV-empfindlichen Stammzellen bei Kindern dichter unter der Hautoberfläche liegen als bei Erwachsenen und weil die Haut erst später rot wird, wenn ein Sonnenbrand auftritt. So wird das Risiko meist erst zu spät erkannt.

          Ende 2014 hatte das Bundesamt für Strahlenschutz auch noch einmal eine neue Empfehlung zur UV-Exposition herausgegeben. Der Anlass dafür war, dass es in verschiedenen Publikationen immer wieder widersprüchliche Ratschläge zum Thema UV-Bestrahlung im Hinblick auf eine ausreichende Vitamin D-Synthese gegeben hatte. Das Vitamin, das unter anderem für den Knochenaufbau wichtig ist, wird in der Haut mit Hilfe von Sonnenbestrahlung gebildet. Die Experten des vom Bundesamt initiierten UV-Schutz-Bündnisses halten fest: „Bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen ist besonders darauf zu achten, hohe UV-Belastungen und Sonnenbrände zu vermeiden, denn besonders in der Kindheit und Jugendzeit erhöhen starke UV-Belastungen und Sonnenbrände das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken.“ Ein Vitamin D-Mangel könne darüber hinaus nur von einem Arzt diagnostiziert werden. Allerdings: „Säuglinge und Kleinkinder bis zum zweiten erlebten Frühsommer sollen Vitamin-D-Präparate erhalten.“


           

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