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Haarausfall : Soll die Glatze Schicksal sein?

Hoher Leidensdruck vor allem bei jungen Männern

Betroffene mit Konzentrationsstörungen und Depressionen gibt es auch in Deutschland, wie die Welt am Sonntag“ vor zwei Wochen berichtete. Das für die Zulassung zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bestätigt gegenüber dieser Zeitung Dutzende Verdachtsfälle hierzulande, darunter 17 Fälle von Depression, 28 Fälle sexueller Störungen und 170 Fälle sonstiger unerwünschter Wirkungen. Allerdings weist Pressesprecher Maik Pommer darauf hin, dass die Gefahr anhaltender Störungen den Ärzten mitgeteilt wurde und im Beipackzettel verzeichnet ist. Doch sollte das Medikament für den Lifestyle-Gebrauch überhaupt zugelassen sein? Da möchte sich Pommer trotz Nachfragens nicht festlegen. Seine Behörde werde den Fall weiter prüfen. Die Fachzeitschrift „Der Arzneimittelbrief“ hingegen hat sich indes bereits vor drei Jahren positioniert. „Wir raten generell von diesem ‚Kosmetikum‘ mit erheblichen potentiell endokrinen Nebenwirkungen ab“, schreiben die Autoren. „Propecia hätte nicht zugelassen werden dürfen, und die Zulassung sollte möglichst bald widerrufen werden.“

Der Berliner Dermatologe Andreas Finner findet die Situation sehr schwierig. Die Arbeit aus Chicago zeige, dass es sich bei den berichteten Fällen um ein großes Problem für einen kleinen Prozentsatz von Männern handele, die Langzeitfolgen davontragen. „Solange wir noch das Minoxidil haben, sollten wir deshalb nicht unkritisch Finasterid verschreiben.“ Allerdings hält Finner Minoxidil für weniger wirksam, vor allem bei jungen Männern. Und er begegnet in seiner Praxis zuweilen Patienten unter großem Leidensdruck, die sich infolge ihres Haarausfalls sozial abkapseln. Soll man wegen weniger Negativfälle das Mittel also vom Markt nehmen, zumal ein kausaler Zusammenhang mit den Nebenwirkungen keineswegs eindeutig ist? Da bleibe nur, die Patienten schonungslos aufzuklären.

Wer unsicher ist, sollte das Mittel absetzen

Aufklärung und professionelle Kontrolle nennt auch der Züricher Dermatologe Ralph Trüeb als Maßnahme gegen die wachsende Unsicherheit. Der frühere Leiter der Haarsprechstunde am Universitätsspital ist in seiner Praxis in zwanzig Jahren noch keinem Fall von „Post-Finasterid-Syndrom“ begegnet, sagt er. Allerdings würde er das Mittel keinem verschreiben, der schon einmal an Depressionen gelitten hat. Er selbst wird das Präparat jedenfalls weiterhin einsetzen. „Dass ein Medikament für eine kosmetische Indikation zwanzig Jahre lang den Weltmarkt überlebt hat, will bereits etwas heißen.“

Hans Wolff schließlich, der an der LMU München seit 24 Jahren Patienten mit Haarausfall berät, ist vom Thema schwer genervt. „Viele Berichte entstammen keinen wissenschaftlich korrekten Untersuchungen“, sagt er. „Beim Post-Finasterid-Syndrom scheint in Amerika eine kollektive Hysterie ausgebrochen zu sein“. Auch in der aktuellen Studie aus Chicago sieht er Mängel, da es keine Kontrollgruppe ohne Finasterid-Einnahme gibt. Trotzdem ist auch dort bei Männern bis 41 Jahre nur von 0,8 Prozent mit anhaltender Impotenz die Rede, eine Häufigkeit, die er bei allen Männern dieser Altersgruppe für möglich hält. Obwohl bisher bei noch keinem seiner Patienten Symptome einer persistierenden Impotenz oder eines Post-Finasterid-Syndroms aufgetaucht seien, rät er trotzdem jedem, der unsicher ist, es abzusetzen. Schließlich sei es eindeutig ein Lifestyle-Produkt, und es gebe mit Minoxidil eine effektive Alternative.

Neue wirksame Medikamente gegen Haarausfall sind jedenfalls vorerst nicht zu erwarten. Und auch mit dem, was sich Rechtsmediziner Boerne heute Abend mehrfach in die Haare schmieren lässt, scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. Plötzlich ist von Nebenwirkungen die Rede, die sich bei Tests an Stummelschwanzmakaken gezeigt haben sollen. Was das mit dem phänotypisch großspurigen Professor macht, ist dann allerdings doch ganz nett anzuschauen.

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