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20 Jahre Viagra : Ein blaues Wunder

Weltweit kauften rund 65 Millionen Männer die echten blauen Pillen, heißt es von Pfizer heute. Und obwohl das Patent in Deutschland bereits im Sommer 2013 ausgelaufen ist, beträgt der Jahresumsatz hier noch fast vier Millionen Euro. In den Vereinigten Staaten ist es mit dem Patentschutz seit Ende 2017 vorbei. Auf dem Markt sind längst mehrere Generika zu finden, in Weiß, Rot, Schwarz oder gar Blau und mit unterschiedlicher Wirkstoff-Dosis. Namenlose Sildenafil-Tabletten verkauft aber auch Pfizer selbst.

Eine magische Pille, zumindest im Film

Der enorme Erfolg rief schon früh die Kritiker auf den Plan, die in Viagra – und allen Nachahmerpillen – lediglich eine Lifestyle-Droge sahen und vor Missbrauch warnten. Nicht völlig unbegründet, wie Untersuchungen und Umfragen aus den verschiedensten Ländern wiederholt belegen, ob nun in Australien oder Äthiopien: Etliche Männer schlucken den PDE-5-Hemmstoff, warum auch immer, obwohl ihr Körper nicht auf diese pharmakologische Unterstützung angewiesen wäre. Außerdem verzerren Filme und Fernsehserien das Bild des typischen Patienten, indem sie teils sehr junge, gesunde Männer mit den Problemen kämpfen lassen. Viagra werde in diesen Formaten als magische Pille präsentiert, stellten israelische Forscher kürzlich im Journal of Health Communication fest. Als wundersamer Wirkstoff, der nicht nur Impotenz behandele, sondern eine Lösung für psychologische und soziale Nöte biete.

Dass Viagra und Co. bei Männern große Sehnsüchte wecken, wissen Hersteller, Ärzte, Apotheker und nicht zuletzt die Behörden. Dennoch wurde Viagra im November 2017 in Großbritannien als freiverkäufliches Medikament zugelassen. „Es steht Apotheken exklusiv ab Frühling 2018 zur Behandlung einer erektilen Dysfunktion bei Männern ab 18 Jahren zur Verfügung“, teilte Pfizer auf Anfrage mit. Ohne die Rezeptpflicht ergäben sich Vorteile, die nicht auf das Vereinigte Königreich beschränkt seien, deshalb werde geprüft, in welchen anderen Märkten es ebenfalls möglich wäre.

Für das nun freiverkäufliche Viagra wurden das Produktetikett und der Beipackzettel verändert, damit Betroffenen die Anwendung leichtfällt. Und britische Apotheker sollen zusätzlich detaillierte Informationen erhalten, damit sie die Männer richtig beraten können; inklusive einer Checkliste, um etwa Kontraindikation abzufragen. Vermuten sie aber Missbrauch, können sie die Bereitstellung des Medikaments verweigern und entsprechende Fälle auch an die zuständige Regulierungsbehörde melden.

Für Mediziner mit Phantasie

Bei all diesem Rummel um die fragile Männlichkeit wird oft vergessen, dass Sildenafil längst nicht nur Erektionsstörungen entgegenwirkt. Zwar zeigte sich die Anwendung bei Frauen als wenig erfolgreich, um etwa sexuelle Störungen zu lindern, trotz der physiologischen Gemeinsamkeiten. Doch als gefäßerweiternde Substanz hilft sie Patienten mit Lungenhochdruck gleich welchen Geschlechts. Seit 2005 ist diese Therapie für Erwachsene zugelassen; in Einzelfällen erhalten aber sogar Kleinkinder den Wirkstoff.

Wenn es um neue Anwendungsgebiete für Sildenafil geht, beweisen Mediziner viel Phantasie. Sie haben den Wirkmechanismus im Blick, wenn zum Beispiel eine Brustkrebstherapie damit kombiniert wird, um den Effekt experimentell zu verstärken. Oder wenn man in schwierigen Schwangerschaften versucht, die Blutversorgung der Föten und somit deren Entwicklung zu fördern – und Fehlgeburten zu verhindern. Diese Hoffnung aus früheren Untersuchungen blieb nun in einer Studie mit 135 Schwangeren unerfüllt. Ein Rückschlag, den die Ärzte im Februar in einem Ableger von „The Lancet“ einräumen mussten. Aber für Viagra ist das noch lange nicht das Ende.

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