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Grippeschutzimpfung : Wenn das mal reicht

  • -Aktualisiert am

Ein Techniker prüft, wie weit sich das Ei entwickelt hat. Es dauert Monate, bis die Produktion anlaufen kann. Bild: Mu sen - Imaginechina/laif

Zur Herstellung von Grippe-Impfstoffen braucht man immer noch Abermillionen von Hühnereiern. Das gefährdet die Versorgung im Fall einer Pandemie. Auch sonst hat das Verfahren Tücken. Dabei gäbe es Alternativen.

          Diese Grippesaison, das erkannte die Epidemiologin Danuta Skowronski Anfang 2013 bald, verlief anders als sonst. Überraschend früh im Jahr waren die Klinikbetten belegt, unerwartet aggressiv zeigte sich das Influenzavirus. Pflegeheime meldeten so viele Krankheitsfälle wie seit zehn Jahren nicht mehr, obwohl man dort inzwischen gründlich impfte. Skowronski, die am British Columbia Centre for Disease Control in Vancouver für Influenza und andere Atemwegsinfektionen zuständig ist, hatte aber keinen Grund, an der Impfempfehlung der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, zu zweifeln. Da draußen schienen tatsächlich die ausgewählten Virentypen unterwegs zu sein. Doch irgendetwas ging vor sich. Warum schützte die Impfung nicht?

          Die Kanadierin spürte mit ihren Kollegen den Ursachen nach und machte in der Fachzeitschrift „PLoS One“ schließlich auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam: Während des Herstellungsprozesses hatten sich Fehler eingeschlichen, vor allem beim Schutz vor dem dominierenden H3N2-Typus. Das Risiko, an Influenza zu erkranken, sank durch eine Impfung gerade mal um die Hälfte, die Schutzwirkung war also nicht besonders hoch.

          Das Ei drückt dem Virus seinen Stempel auf

          Diese mögliche Schwäche des gängigen Verfahrens ist eigentlich seit Ende der 1980er Jahre bekannt. Damals hatte sich Jaqueline Katz an den Centers for Disease Control and Prevention, die nach wie vor die WHO in Sachen Influenza berät, die Impfstoffe vorgenommen und den kritischen Punkt im Herstellungsprozess gefunden.

          Als Wissenschaftler vor mehr als siebzig Jahren begannen, Grippeviren in Hühnereiern zu vermehren, hatten sie gar keine andere Wahl. Man war dankbar für diese natürlichen Brutkästen, die zuverlässig Viren lieferten, die dann abgetötet als Vakzine dienen konnten. Inzwischen ist daraus eine öffentlich-private Kooperation von gigantischen Ausmaßen geworden. Rund 500 Millionen Impfstoffdosen werden jedes Jahr auf der Welt produziert. Für jede Dosis müssen ein bis zwei Eier verarbeitet werden, die aufgrund strenger Hygieneregeln nur von ganz bestimmten Züchtern stammen dürfen. Die Virus-Impfstämme für die alljährliche Produktion stellt wiederum die WHO zur Verfügung. Jedes Jahr im Februar legen sich internationale Infektiologen auf drei beziehungsweise vier Erreger fest, in der Annahme, dass sich vor allem diese Typen in der kommenden Wintersaison über die Nordhalbkugel verbreiten werden.

          Damit die Virusproduktion im Hühnerei gelingt, müssen die ausgewählten Erregertypen erst an diesen Wirtsorganismus angepasst werden. Drei Wochen lang kreuzen WHO-Laboranten deshalb den für den Menschen typischen Virus mit speziellen Laborviren. Generation um Generation werden etwa zehn Tage alte Eier damit beimpft, um am Ende ein sogenanntes Saatvirus zu erhalten, das im sich entwickelnden Vogelorganismus besonders gut gedeiht und darüber hinaus die entscheidenden Merkmale des menschlichen Keimes trägt.

          Von den jeweiligen Impfstoffherstellern werden diese Züchtungen weitere drei Wochen lang von einem Ei ins nächste übertragen, um besonders vermehrungsfreudige „Master Working Seeds“ für die Massenproduktion in speziellen Inkubatoren zu gewinnen. Darin werden die infizierten Eier jeweils zwei bis drei Tage lang bebrütet. Bis die Impfviren geerntet, gereinigt und getestet worden sind, gehen erneut drei Wochen ins Land. Das Kreuzen und Zirkulieren geht jedoch nicht spurlos am Grippeerreger vorüber, wie schon Jacqueline Katz feststellen musste. „Das Ei drückt dem Virus seinen Stempel auf“, formuliert es Udo Reichl, Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg. Die Kohlenhydratstruktur auf der Oberfläche ändere sich, manchmal würden in den Hüllproteinen auch einzelne Aminosäuren ausgetauscht, anhand dieser charakteristischen Signatur lasse sich im Nachhinein sogar ermitteln, wo und wie ein Virus gezüchtet wurde.

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