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Grippeimpfung : Preiswerte Lösung

Im Berliner Robert-Koch-Institut: Zellkulturen für Impfstoffe Bild: dpa

Der Ständigen Impfkommission kommt mittlerweile eine Schlüsselrolle in der Vorsorgemedizin zu. Gleichzeitig geraten die vom Gesundheitsministerium ehrenamtlich bestellten Experten immer wieder in die Kritik. Nun möchte man sich den wachsenden Belastungen und Erwartungen anpassen.

          Für die Ständige Impfkommission fällt dieses Jahr die Sommerpause aus. Eine dritte, zusätzliche Präsenzsitzung in Berlin war für die sechzehn Impffachleute schon Pflicht, dazu kommen seit Monaten wöchentlich Telefonschaltungen, nachdem sich das neue Influenzavirus H1N1 epidemieartig auszubreiten begann. Und an diesem beschleunigten Konferenzrhythmus dürfte sich, wenn ihr Vorsitzender Friedrich Hofmann recht behält, auch bis zur Empfehlung für den Pandemieimpfstoff in der "ersten Herbsthälfte" nichts ändern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nicht nur wegen der Schweinegrippe aber steht die Ständige Impfkommission, kurz Stiko, derzeit unter erheblichem Druck. Der Gegenwind hat sich für sie überhaupt gewaltig verschärft. In der Juli-Ausgabe des "Arznei-Telegramms" wird kolportiert, was sich spätestens nach den Auseinandersetzungen mit Impfkritikern um die Gebärmutterhalskrebs-Impfung im Laufe von zwei Jahren zusammengebraut (siehe F.A.Z. vom 8. Juli) und jetzt vom verantwortlichen Redakteur Wolfgang Becker-Brüser auf den Punkt gebracht wird: "Ich fordere nicht, die Stiko abzuschaffen. Aber so, wie sie heute arbeitet, ist sie unbrauchbar und unproduktiv."

          Erhöhte Kompetenzen

          Was war geschehen? Was hat den Zorn der zwar nie kritiklosen, aber doch selten so maßlos attackierenden Gegner derart provoziert, dass ein grundsätzlich auf öffentliches Vertrauen angewiesenes Gremium wie die Impfkommission nun um seinen Ruf fürchten muss? Fest steht: Noch nie seit der Gründung der Stiko im Jahr 1972 hat man die vom Bundesgesundheitsministerium berufenen Impfexperten so für ihre Autorität und Zukunft kämpfen sehen. Und das in einer Zeit, in der die Impfkommission mächtig ist wie nie zuvor.

          Denn mit der jüngsten Gesundheitsreform vor zwei Jahren, dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz, ist sie "in eine völlig neue Rolle gerutscht", wie das Miriam Wiese-Posselt von der Stiko-Geschäftsstelle beschreibt. Eine Rolle mit großer Verantwortung. Eine von der Stiko abgegebene Impfempfehlung führt heute dazu, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Impfung übernehmen müssen, sofern auch der Gemeinsame Bundesausschuss als das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen zustimmt.

          Zugriff auf Budgets

          Die Impfempfehlung wird dann in die Schutzimpfungsrichtlinie aufgenommen und verursacht unter Umständen beträchtliche Kosten. Geschätzte zweihundert Millionen Euro sollen es im Fall der Gebärmutterhalskrebs-Impfung sein, zumindest wenn alle zwölf- bis siebzehnjährigen Mädchen, für die die Kommission vor zwei Jahren eine HPV-Impfung empfohlen hatte, die Vakzine in Anspruch nähmen. Bis heute sind es allerdings nach Herstellerangaben gerade mal ein gutes Drittel. Und selbst von diesen dürften sich viele nach Einschätzung von Yvonne Deleré von der Stiko-Geschäftsstelle nicht alle drei für den Vollschutz erforderlichen Injektionen abgeholt haben.

          "Die Leute sind verunsichert", sagt Deleré - verunsichert von Anschuldigungen, die gegen die aggressive Werbung der Impfstoffhersteller und einiger Krankenkassen gerichtet sind, aber zuerst die Impfkommission trafen. Von "Stiko-Bashing" spricht ihr Vorsitzender Hofmann, der hinter den Attacken die Versuche derer zu erkennen meint, "die generell gegen die Vorsorgemedizin vorgehen wollen". Klar ist: Die Impfkommission bewegt Geld für die Impfprävention, das für andere Maßnahmen fehlt.

          Anpassungen an die neue Schlüsselrolle

          Die Vorwürfe treffen ein Gremium, das sich gerade auf die neue Schlüsselrolle einzustellen versucht. Dazu gehört Transparenz. Seit anderthalb Jahren werden mögliche Interessenkonflikte jedes Kommissionsmitglieds im Internet publiziert. "Wir sind insofern industrienah, als wir wissen müssen, was die Industrie macht", sagt Hofmann. Und auch was die Sitzungsprotokolle angeht, lange ein gut gehütetes Geheimnis, sei "geplant", sie im Sinne des Informationsfreiheitsgesetzes jeweils nach den Treffen zugänglich zu machen.

          Offensiv will - und muss man wohl auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss - die Bewertungsmethoden ändern: Zwar werde die Einschätzung der Praktiker in der Stiko, der Kinderärztin etwa, die die Umsetzbarkeit eines Impfkalenders einzuschätzen weiß, weiter gebraucht, sagt Hofmann. Aber die extensive Auswertung evidenzbasierter Studien bekommt Vorrang. "Es reicht heute nicht mehr, ein oder zwei Reviews zu studieren", sagt Wiese-Posselt. Datenbankrecherche aber kostet Zeit. "Gut ein halbes Jahr braucht eine Arbeitskraft, wenn man allein die Literatur zu Rotaviren aufarbeiten will", sagt die Immunologin und Mitarbeiterin der Geschäftsstelle, Deleré. Eine Arbeitskraft - das entspricht der momentanen Besetzung der Stiko-Geschäftsstelle.

          Ehrenamtliche Experten

          Die sechzehn Experten hingegen, die das ganze wissenschaftliche Material schließlich sichten und bewerten müssen, arbeiten allesamt ehrenamtlich. Ein Zustand, der sich kaum halten lässt, wie sich dieser Tage klar zeigt. Ihr Vorsitzender Hofmann meint: "Wenn man die Kurve der Belastung fortschreibt, kommt man irgendwann an seine natürliche Grenze." Irgendwann werde man wohl nicht daran vorbeikommen, dass wenigstens der Vorsitz "teilprofessionalisiert" werde. Für ein Fachgremium, das Abermillionen Euro an Volksvermögen bewegt, erlaubt sich der Bund hier tatsächlich eine ausgesprochen billige Lösung.

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