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Nasenspray statt Spritze : Nebelhafter Schutz

  • -Aktualisiert am

Angenehmer als eine Spritze. Aber auch genauso wirksam? Bild: Picture-Alliance

Ein Grippeimpfstoff für Kinder steht zur Diskussion.

          5 Min.

          Wenn der Arzt die Impfspritze zückt, sehen viele Kinder rot. Angenehmer für beide Seiten ist es deshalb, wenn sich der Pieks vermeiden lässt. Im Falle der Grippeschutzimpfung ist das in Deutschland seit vier Jahren mit dem Präparat Fluenz möglich, das in Form eines Nasensprays verabreicht wird und abgeschwächte, aber vermehrungsfähige Impfviren enthält.

          In Europa ist dieser Lebendimpfstoff nur für Zwei- bis Achtzehnjährige zugelassen, für die er bisher zudem als wirksamere Alternative zu den gängigen Vakzinen aus der Spritze galt, welche inaktivierte Virusbruchstücke enthalten (siehe Sonntagszeitung vom 17. November 2013). Trotz des bis zu vierfach höheren Preises setzen flächendeckende Impfprogramme in Großbritannien und Finnland deshalb auf das Spray. Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland empfiehlt eine Grippeimpfung für Kinder nur für bestimmte Risikogruppen, auch hier galt Fluenz bislang als Mittel der ersten Wahl. Aber das glänzende Image dieser Sprühimpfung hat jetzt tiefe Kratzer bekommen.

          In den Vereinigten Staaten, wo das Spray unter dem Namen Flumist bereits seit 2003 für Kinder und Erwachsene zugelassen ist, zeigten jährlich durchgeführte Kontrollstudien der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC, dass die Impfung im vergangenen Winter zum dritten Mal in Folge keinen statistisch nachweisbaren Schutz vor der Grippe erbracht hatte. Nachdem die Impfkommission der CDC schon eine präferenzielle Empfehlung zurückgezogen hatte, sprach sie sich im Juni explizit gegen eine Verwendung des Lebendimpfstoffes in der nun kommenden Saison aus.

          Studien aus Finnland und Großbritannien liefern weniger niederschmetternde Ergebnisse

          Allerdings ist die Entscheidung, die dem Hersteller einen Umsatzausfall von mehr als 200 Millionen Dollar bescheren dürfte, nicht unumstritten. Den nicht gerade günstigen Daten der CDC stehen mehrere Studien aus Kanada, Großbritannien und Finnland gegenüber, die dem Lebendimpfstoff immerhin eine insgesamt gute Wirksamkeit bescheinigen. Man habe sich die Entscheidung nicht leichtgemacht, sagte Ruth Karron, die Vorsitzende des CDC-Arbeitskreises für Grippeimpfungen einem Radiosender: „Aber wenn man drei Jahre in Folge keine Wirkung einer Impfung sieht, soll man dann wirklich noch auf weitere Daten warten und eine Vakzine verabreichen, die vermutlich nicht besser als Salzwasser wirkt?“

          „Das ist alles gar nicht leicht zu verstehen“, gibt der Stiko-Vorsitzende Jan Leidel zu und erklärt, Knackpunkt sei die Viruslinie namens A(H1N1)pdm09, die vom sogenannten Schweinegrippe-Virus abstammt. „Die Studien, aufgrund derer die Stiko die präferenzielle Empfehlung für Fluenz ausgesprochen hatte, waren vor der H1N1-Pandemie von 2009 durchgeführt worden.“ Der damals zirkulierende Subtyp A(H1N1) habe nicht dem später zirkulierenden Virus A(H1N1)pdm2009 entsprochen. „Insbesondere gegen diese Variante ist in den letzten drei Influenza-Saisons die Effektivität von Fluenz deutlich geringer“, sagt Leidel.

          Liegen die Prognosen daneben, ist der Schutz geringer

          Allen Grippeimpfstoffen gemein ist, dass sie jährlich neu an die jeweils kursierenden Virustypen angepasst werden müssen und trotzdem nur eine mäßige Schutzwirkung entfalten: Realistisch ist ein um 50 bis 75 Prozent verringertes Infektionsrisiko; wer dennoch krank wird, kann zumindest mit einem abgeschwächten Verlauf rechnen. Die Wirksamkeit hängt von den jeweils im Februar getroffenen Vorhersagen der Weltgesundheitsorganisation WHO ab, welche Virusvarianten in der kommenden Grippesaison zu erwarten sind - diese dienen dann als Grundlage für die Impfstoffentwicklung. Liegen die Prognosen daneben, ist der Schutz geringer. So geschehen in der vergangenen Grippesaison, als sich Erreger vom Typ B/Victoria als unerwartet virulent erwiesen - dabei war dieser Typ lediglich als Zusatzoption in den gegen vier Erreger wirkenden Impfstoffen enthalten.

          Ein solches Mismatch bietet aber keine Erklärung für die Frage, warum Fluenz gegen A(H1N1)pdm2009 schwächelt. Das Spray enthält ja dieselben Viruseiweiße, die in den Totimpfstoffen eine gute Schutzwirkung vermitteln. „Es gibt Vermutungen, dass sich das entsprechende Impfvirus nach Applikation nicht ausreichend vermehrt“, sagt Cornelius Remschmidt, Impfstoffexperte am Berliner Robert-Koch-Institut. Impfviren sind mit Protein-Bausteinen der echten Krankheitserreger gespickt, verursachen aber nur dann eine ausreichende Reaktion des Immunsystems, wenn sie Zellen der Nasenschleimhaut befallen und sich in diesen vermehren. Dadurch kann es zwar zu leichten Schnupfensymptomen kommen, aber die speziellen Viren gedeihen nur in der relativ kühlen Nase - die Infektion kann sich nicht in die warme Lunge ausbreiten. Laut Remschmidt wurde anfangs angenommen, dass die in Fluenz verwendeten Impfviren zu wärmeempfindlich sind, doch die Schwierigkeiten ließen sich auch mit stabileren nicht beheben.

          Wurde der Wirkstoff am Ende zum Opfer des eigenen Erfolgs?

          Möglich wäre, dass die Probleme 2013 mit der Umstellung auf „Fluenz tetra“ begannen. Zuvor hatte der Lebendimpfstoff - wie die meisten Totimpfstoffe - Impfviren enthalten, die mit Antigenen von drei ausgewählten Virustypen ausgestattet waren. Die neue Variante wurde um einen Typus ergänzt und sollte nun gleichzeitig vor vier kursierenden Grippeerregern schützen. „Dabei könnte es durchaus zu einem Konkurrenzeffekt kommen, der dazu führt, dass sich ein weniger durchsetzungsstarker Virustyp nicht ausreichend vermehrt“, sagt Carlos Guzman vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das würde zu den kanadischen Ergebnissen passen, die noch mit dem alten, trivalenten Impfstoff gemacht wurden, erklärt aber nicht die passablen Ergebnisse mit Fluenz tetra aus Großbritannien und Finnland.

          Da sämtliche Impfsprays in einer Fabrik in den Niederlanden produziert werden, scheiden unterschiedliche Herstellungstechniken als Erklärung aus. „Diskutiert wird noch die Möglichkeit, ob die in den Vereinigten Staaten schon 2003 im großen Stil eingeführte Lebendimpfung dort zu einer verminderten Immunantwort geführt haben könnte“, sagt Remschmidt. Der Wirkstoff würde dann zum Opfer des eigenen Erfolgs: Bereits vorhandene Abwehrkräfte, gegen die unveränderlichen Teile der Impfviren etwa, könnten die Impfinfektion vorzeitig stoppen. Im Moment gibt es aber noch keine befriedigende Erklärung für die unzweifelhaft schlechte bis fehlende Wirksamkeit des Lebensimpfstoffs gegen A(H1N1)pdm2009, da sind sich die Experten einig. Carlos Guzman verweist zudem auf die zahlreichen Unterschiede in den Details der diskutierten Studien. „Da vergleicht man notgedrungen Äpfel und Bananen.“

          Selbst bei Risikokindern ist die Impfquote noch zu niedrig

          „Wenn Sie einen Totimpfstoff spritzen, wissen Sie genau, welche Viruskomponenten Sie in welcher Menge gegeben haben, und können auch die Immunantwort ziemlich genau abschätzen“, erklärt Guzman. Der Erfolg von Lebendimpfungen hänge von der Stärke der Impfinfektion ab und sei deshalb variabler. Dennoch bestünden Vorteile, allen voran eine bessere Immunantwort. Unterm Strich sei Fluenz nach wie vor ein guter Impfstoff, der gegen die anderen enthaltenen Viren vom Typ B oder A(H3N2) ja durchaus wirke.

          Ähnlich sehen es die Mitglieder der Stiko, die als Reaktion auf die ungünstigen Daten aus Amerika lediglich ihre „präferenzielle Empfehlung“ für Fluenz als Mittel der Wahl für Zwei- bis Sechsjährige zurücknahm und sich nicht völlig dagegen aussprach. Generell wird Kindern und Jugendlichen eine Grippeimpfung empfohlen, wenn sie an einer chronischen Vorerkrankung leiden, zum Beispiel an Asthma. Die Impfquote liegt selbst bei den Risikokindern noch zu niedrig, meint Martin Terhardt, der seit 2011 der Stiko angehört. Der Berliner Kinderarzt rät Eltern durchaus, auch gesunde Kinder gegen Influenza zu impfen: „Sie müssen halt aufgeklärt werden, dass die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz bietet, nicht jede Erkältung verhindert und dass sie bei fehlender Risikosituation nicht von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet wird.“

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