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Nasenspray statt Spritze : Nebelhafter Schutz

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Ein solches Mismatch bietet aber keine Erklärung für die Frage, warum Fluenz gegen A(H1N1)pdm2009 schwächelt. Das Spray enthält ja dieselben Viruseiweiße, die in den Totimpfstoffen eine gute Schutzwirkung vermitteln. „Es gibt Vermutungen, dass sich das entsprechende Impfvirus nach Applikation nicht ausreichend vermehrt“, sagt Cornelius Remschmidt, Impfstoffexperte am Berliner Robert-Koch-Institut. Impfviren sind mit Protein-Bausteinen der echten Krankheitserreger gespickt, verursachen aber nur dann eine ausreichende Reaktion des Immunsystems, wenn sie Zellen der Nasenschleimhaut befallen und sich in diesen vermehren. Dadurch kann es zwar zu leichten Schnupfensymptomen kommen, aber die speziellen Viren gedeihen nur in der relativ kühlen Nase - die Infektion kann sich nicht in die warme Lunge ausbreiten. Laut Remschmidt wurde anfangs angenommen, dass die in Fluenz verwendeten Impfviren zu wärmeempfindlich sind, doch die Schwierigkeiten ließen sich auch mit stabileren nicht beheben.

Wurde der Wirkstoff am Ende zum Opfer des eigenen Erfolgs?

Möglich wäre, dass die Probleme 2013 mit der Umstellung auf „Fluenz tetra“ begannen. Zuvor hatte der Lebendimpfstoff - wie die meisten Totimpfstoffe - Impfviren enthalten, die mit Antigenen von drei ausgewählten Virustypen ausgestattet waren. Die neue Variante wurde um einen Typus ergänzt und sollte nun gleichzeitig vor vier kursierenden Grippeerregern schützen. „Dabei könnte es durchaus zu einem Konkurrenzeffekt kommen, der dazu führt, dass sich ein weniger durchsetzungsstarker Virustyp nicht ausreichend vermehrt“, sagt Carlos Guzman vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das würde zu den kanadischen Ergebnissen passen, die noch mit dem alten, trivalenten Impfstoff gemacht wurden, erklärt aber nicht die passablen Ergebnisse mit Fluenz tetra aus Großbritannien und Finnland.

Da sämtliche Impfsprays in einer Fabrik in den Niederlanden produziert werden, scheiden unterschiedliche Herstellungstechniken als Erklärung aus. „Diskutiert wird noch die Möglichkeit, ob die in den Vereinigten Staaten schon 2003 im großen Stil eingeführte Lebendimpfung dort zu einer verminderten Immunantwort geführt haben könnte“, sagt Remschmidt. Der Wirkstoff würde dann zum Opfer des eigenen Erfolgs: Bereits vorhandene Abwehrkräfte, gegen die unveränderlichen Teile der Impfviren etwa, könnten die Impfinfektion vorzeitig stoppen. Im Moment gibt es aber noch keine befriedigende Erklärung für die unzweifelhaft schlechte bis fehlende Wirksamkeit des Lebensimpfstoffs gegen A(H1N1)pdm2009, da sind sich die Experten einig. Carlos Guzman verweist zudem auf die zahlreichen Unterschiede in den Details der diskutierten Studien. „Da vergleicht man notgedrungen Äpfel und Bananen.“

Selbst bei Risikokindern ist die Impfquote noch zu niedrig

„Wenn Sie einen Totimpfstoff spritzen, wissen Sie genau, welche Viruskomponenten Sie in welcher Menge gegeben haben, und können auch die Immunantwort ziemlich genau abschätzen“, erklärt Guzman. Der Erfolg von Lebendimpfungen hänge von der Stärke der Impfinfektion ab und sei deshalb variabler. Dennoch bestünden Vorteile, allen voran eine bessere Immunantwort. Unterm Strich sei Fluenz nach wie vor ein guter Impfstoff, der gegen die anderen enthaltenen Viren vom Typ B oder A(H3N2) ja durchaus wirke.

Ähnlich sehen es die Mitglieder der Stiko, die als Reaktion auf die ungünstigen Daten aus Amerika lediglich ihre „präferenzielle Empfehlung“ für Fluenz als Mittel der Wahl für Zwei- bis Sechsjährige zurücknahm und sich nicht völlig dagegen aussprach. Generell wird Kindern und Jugendlichen eine Grippeimpfung empfohlen, wenn sie an einer chronischen Vorerkrankung leiden, zum Beispiel an Asthma. Die Impfquote liegt selbst bei den Risikokindern noch zu niedrig, meint Martin Terhardt, der seit 2011 der Stiko angehört. Der Berliner Kinderarzt rät Eltern durchaus, auch gesunde Kinder gegen Influenza zu impfen: „Sie müssen halt aufgeklärt werden, dass die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz bietet, nicht jede Erkältung verhindert und dass sie bei fehlender Risikosituation nicht von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet wird.“

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