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Influenzaviren im Flugzeug : Grippe auf Reisen

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Reinigung im Flieger: Außergewöhnliche Desinfektionsschritte wie hier zu Zeiten der Schweinegrippe sind selten nötig. Bild: AFP

Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko im Flugzeug? Sehr hoch für die direkten Sitznachbarn, aber erstaunlich gering für andere Passagiere. Wie man sich schützen kann.

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          Der internationale Flugverkehr gilt als wichtiger Umschlagplatz für alte und neue Keime. Deshalb muss jeder, der in ein Flugzeug steigt, damit rechnen, sich möglicherweise mit einem Krankheitserreger anzustecken. Allerdings scheint das Risiko bei Grippe geringer zu sein als bisher angenommen. Das hat eine Untersuchung von Vicki Stover Hertzberg von der Emroy Universität in Atlanta und ihren Kollegen ergeben, deren Ergebnisse gerade in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht worden sind.

          Die Wahrscheinlichkeit, sich auf einem Mittelstreckenflug in einer Boeing 757 oder 737 mit Grippeviren anzustecken, liegt alles in allem bei unter drei Prozent. Das gilt allerdings nicht für die Reisenden, die in der unmittelbaren Umgebung des infizierten Passagiers sitzen. Deren Ansteckungsrisiko liegt bei 80 Prozent und höher. Statistisch gesehen, ergibt sich daraus ein neuer Ansteckungsfall für jeden mit Grippeviren infizierten Passagier an Bord eines Flugzeugs der genannten Größe.

          Eine gute Handhygiene ist entscheidend

          Ein kranker Flugbegleiter steckt, statistisch gesehen, vier bis fünf Passagiere an, weil er etwa ein Drittel seiner Zeit an Bord im unmittelbaren Kontakt mit den Fluggästen verbringt. „Niemand muss sich Sorgen machen, wenn jemand fünf Reihen hinter ihm hustet“, sagte Autorin Vicki Stover Hertzberg gegenüber amerikanischen Medien. Über diese Distanz sei das Ansteckungsrisiko für Grippe gering. Entscheidend sei eine gute Handhygiene, auch dass man nicht mit den Händen übers Gesicht wische und den Viren damit leichten Zugang zu den Schleimhäuten in Mund und Nase gewähre.

          Was macht die Untersuchung von Hertzberg und ihren Kollegen so interessant? Die amerikanischen Wissenschaftler haben ihre Berechnungen auf einer detaillierten Bewegungsanalyse im Flugzeug aufgebaut und so ermittelt, wie oft sich die Passagiere von ihren Sitzplätzen erheben und wie sich das Aufstehen und Herumlaufen während des Fluges auf das Ansteckungsrisiko auswirken.

          Grippeviren werden durch kleine Tröpfchen aus Mund und Nase übertragen, die schnell zu Boden fallen. Die Ansteckungswahrscheinlichkeit hängt von der Dauer des Kontakts und dem Abstand zum Infizierten ab. Ein Meter gilt als Risikobereich. Hertzberg und ihre Kollegen haben aus der minutiösen Dokumentation aller Bewegungen auf zehn Transkontinentalflügen zwischen Atlanta und verschiedenen Standorten an der amerikanischen Westküste ein Kontaktnetzwerk zwischen Passagieren und Flugpersonal berechnet und mit der bekannten Übertragungsrate von Grippeviren in Beziehung gesetzt. Bei diesen Flügen hatten 80 Prozent der Passagiere engen Kontakt zu Mitreisenden, die nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung saßen. Jeder Kontakt dauerte rund 40 Sekunden.

          Behörden gingen von einem größeren Ansteckungsbereich aus

          Für die Berechnung der Infektionswahrscheinlichkeit nahmen die Wissenschaftler an, dass in der Mitte des Flugzeugs ein mit Grippeviren infizierter Passagier am Mittelgang auf Platz 14 C sitzt. Die Berechungen zeigen, dass in dieser Konstellation elf Personen ein hohes Ansteckungsrisiko haben. Und zwar die Passagiere, die auf der gleichen Seite des Flugzeugs unmittelbar neben, vor oder hinter dem Infizierten sitzen, sowie die drei Fluggäste auf der gegenüberliegenden Seite des Mittelgangs, nicht die Fluggäste auf den gegenüberliegenden Mittel- oder Fensterplätzen. Bisher gingen die Gesundheitsbehörden davon aus, dass der Ansteckungsbereich bei Grippe größer ist und auch die Passagiere in der zweiten Reihe vor und hinter dem infizierten Fluggast in hohem Maße gefährdet sind. Die Untersuchungen der amerikanischen Wissenschaftler stützen diese Auffassung nicht.

          Die amerikanischen Forscher benennen allerdings auch die Grenzen ihrer Studie. Die Berechnungen gelten nur für einen Mittelstreckenflug, nicht für Lang- oder Kurzstreckenflüge, bei denen die Passagiere mehr oder weniger viel Zeit an Bord verbringen und dadurch auch mehr oder weniger viel herumlaufen. Sie gelten auch nicht für größere Flugzeuge mit zwei Mittelgängen. Die Autoren räumen zudem ein, dass es auch außerhalb des Flugzeugs viele weitere Gelegenheiten für eine Ansteckung mit Grippeviren gibt, etwa beim Einchecken oder beim Boarding.

          Die berechneten Ansteckungswahrscheinlichkeiten gelten auch nur für Krankheiten, die durch eine Tröpfcheninfektion übertragen werden – nicht für Krankheiten mit anderem Übertragungswegen wie etwa Tuberkulose, Ebola, Masern oder Windpocken. Hertzberg und ihre Kollegen haben zudem 229 Proben an Bord genommen, um die Keimbelastung auf den Oberflächen und in der Luft der Fluggastkabine zu messen. Obwohl die Untersuchung während der Grippesaison durchgeführt wurde, waren in keiner Probe Grippeviren oder andere Atemwegskeime nachweisbar. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass die Desinfektionsmaßnahmen der Airlines wirken.

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