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Glücksspielsucht : Wer Pech hat, startet mit Gewinn

Schon der Anblick einer Spielhalle kann bei Spielsüchtigen Unruhe und Nervosität wecken. Bild: Rosenkranz, Henner

Spielen kann abhängig machen ähnlich wie Alkohol oder Drogen. Bisher allerdings galt Spielsucht nicht als Sucht, sondern als eine Störung des impulsiven Verhaltens. Das soll sich nun ändern.

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          Mit zwei Euro Wechselgeld für ein belegtes Baguette habe alles angefangen, erinnert sich Marcel Hirt. Aus Langeweile hätten er und seine Freunde damals die silberne Münze in den blinkenden Spielautomaten geworfen. „Und nur 20 Sekunden später hielten wir statt der zwei Euro Münzen im Wert von zehn Euro in der Hand - ein irres Gefühl.“ Marcel Hirt, der eigentlich anders heißt, schüttelt bei diesen Worten den Kopf, als könne er bis heute nicht fassen, was damals begonnen hat.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Bistrobesuch mit seinen Freunden liegt nun über fünf Jahre zurück. Seitdem hat Hirt sich immer wieder an Spielautomaten gesetzt, zuerst einmal die Woche, dann zweimal, irgendwann jeden Tag. Er hat seine Familie belogen, sich Geld geliehen, in nur wenigen Stunden 1200 Euro gewonnen und über Nacht 1600 Euro verspielt. Seit vier Tagen besucht er nun im Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim eine Tagesklinik für Suchtkranke.

          Im Mannheimer Suchtzentrum werden neben Drogen- und Alkoholsüchtigen auch Spielsüchtige behandelt.
          Im Mannheimer Suchtzentrum werden neben Drogen- und Alkoholsüchtigen auch Spielsüchtige behandelt. : Bild: Rosenkranz, Henner

          Hirt ist 21 Jahre alt. Er ist der jüngste unter den Patienten. In seiner Therapiegruppe sind auch Alkohol- und Drogensüchtige. Sie alle müssen sich regelmäßig eine Substanz zuführen, um ihre Sucht zu befriedigen. Hirt hingegen braucht keinen „Stoff“, er leidet unter einer Verhaltenssucht. Wenn es in ihm kribbelt, wenn der Kopf dröhnt, die Unruhe wächst und der Druck nicht mehr auszuhalten ist, geht er in eines der zahlreichen Casinos in Mannheim. Das abgedunkelte Licht, die bunten Farben der klingelnden Automaten und der Kick, mit dem nächsten Euro vielleicht den ganz großen Gewinn zu machen, versetzen ihn in einen Rausch.

          Nach der bisherigen Version des in Amerika geltenden Klassifikationssystems für psychische Erkrankungen DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, vierte Version) leidet Hirt allerdings nicht unter einer Sucht, sondern unter einer Impulskontrollstörung, der Definition nach an einer impulsiven, nicht kontrollierbaren Verhaltensweise, die schädlich für den Betroffenen selbst oder andere Mitmenschen ist.

          Eine „Restkategorie“

          Unter Experten gelten diese Störungen, zu denen auch pathologische Brandstiftung und pathologisches Stehlen gehören, als „Restkategorie für psychische Erkrankungen, deren Ursachen unklar sind“, sagt Chantal Mörsen, Psychologin in der Arbeitsgruppe Spielsucht an der Berliner Charité.

          Es gab Gruppen von Fachleuten, die das pathologische Glücksspiel den Neurosen zuordnen wollten, andere vermuteten hinter krankhaftem Glücksspielen eine Angst- oder Zwangsstörung. „Mittlerweile ist die Datenlage aber so gut, dass man klar sagen kann, dass auf neurobiologischer und neurophysiologischer Ebene bei Spielsüchtigen ähnliche Prozesse ablaufen wie bei substanzbezogenen Störungen“, sagt Mörsen. Studien mit bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass bei pathologischen Glücksspielern das Belohnungs- und Verstärkungssystem im Gehirn, das unter anderem durch den Botenstoff Dopamin gesteuert wird, ähnliche Veränderungen aufweist, wie sie auch im Gehirn von Alkoholsüchtigen zu finden sind.

          Die Arbeitsgruppe der American Psychiatric Association, die an der Neufassung des amerikanischen Diagnose-Handbuchs DSM arbeitet, ist ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen, dass zwischen Spielsucht und Drogenkonsum in Bezug auf klinischen Ausdruck, Ursache, Begleiterkrankungen, biologische Dysfunktion und Behandlungsmöglichkeiten große Parallelen zu erkennen sind. Diesen Erkenntnissen wird nun Rechnung getragen. Die pathologische Spielsucht soll als erste nicht substanzbezogene Sucht in der fünften Version des amerikanischen Diagnose-Handbuches (DSM-5), das im kommenden Mai erscheinen wird, den Suchterkrankungen zugeordnet werden.

          Pathologische Glücksspieler sind süchtig nach den bunten Farben der klingelnden Automaten und dem Kick, mit dem nächsten Euro vielleicht den ganz großen Gewinn zu machen.
          Pathologische Glücksspieler sind süchtig nach den bunten Farben der klingelnden Automaten und dem Kick, mit dem nächsten Euro vielleicht den ganz großen Gewinn zu machen. : Bild: dpa

          Für Hirt ist die neue Klassifikation ein „logischer Schritt“. Er selbst litt nämlich lange zusätzlich unter einer Drogensucht. Angefangen habe es mit gelegentlichem Cannabis-Konsum, als er dreizehn Jahre alt war. Seitdem habe er alles ausprobiert, was es auf dem Markt gebe. „Nur gespritzt habe ich nie“, sagt Hirt. Teilweise habe er sogar mit Drogen gedealt, um sich seine Spielsucht zu finanzieren.

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