https://www.faz.net/-gwz-73a4x
 

Glosse : Zimtkrise

  • -Aktualisiert am

Bild: Wahl, Lucas

Manchmal genügt schon der richtige Zeitpunkt, um einen Lebensmittelskandal auszulösen - oder ein guter Name. Die Benzalkoniumchlorid-Krise ist deshalb ebenso ausgeblieben wie der Fenamiphos-Gurken-Skandal.

          Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte in der vergangenen Woche vor Zimt. Genauer: vor dem herben Cassia-Zimt, der reich an Cumarin ist, einem Stoff, der in höheren Dosen die Leber schädigen kann. Eine Pressemitteilung, die wie ein Déjà-vu daherkommt - Zimt, war da nicht mal was? Natürlich: Vor fast genau sechs Jahren hatte das Institut schon einmal alle Hände voll zu tun, weil in der Vorweihnachtszeit durchsickerte, dass Zimtgebäck häufig zu viel Cumarin enthält. Ein echter Coup, wenn man das Ganze als Leistung der Risikokommunikation betrachtet. Selten zuvor hatte eine Information aus den Labors der Berliner Einrichtung ein so massives Presseecho ausgelöst. „Milchreis bitte bloß mit Zucker“, titelten Journalisten, oder: „Gefährliche Zimtsterne“. Der Zeitpunkt spielte den Risikobewertern in die Hände, immerhin stand Weihnachten vor der Tür. Offenbar will man den Erfolg jetzt wiederholen - oder ist es Zufall, dass die BfR-Wissenschaftler ausgerechnet Ende September ihre Zimt-Versuchsreihe zur Publikationsreife bringen? Zu verdenken wäre es den Risikoexperten nicht, wenn sie hin und wieder auf gutes Timing setzten, um eine Schlagzeile zu bekommen. Denn oft genug müssen sie auch mit aufrüttelnden Nachrichten, medial betrachtet, eine Schlappe einstecken. So geschehen etwa im Fall der Edelschokolade, die zu viel Cadmium enthält: Publiziert man wie das BfR eine solche Meldung kurz nach Silvester, wenn jeder auf Schokoladen-Diät ist, dann beeindruckt man damit nicht einmal eingefleischte Hypochonder.

          Jedes Jahr wieder verschwinden zudem brisante Neuigkeiten, weil es um Substanzen geht, die alles haben, um auf der großen Bühne der Verbraucherschutzskandale mitzuspielen - nur ihr Name ist einfach nicht tauglich für eine Starkarriere. Die Benzalkoniumchlorid-Krise ist deshalb ebenso ausgeblieben wie der Fenamiphos-Gurken-Skandal. Nicht zu vergessen die verpassten Chancen in der Antibiotika-Diskussion: Schon 2010 hatten BfR-Mitarbeiter hochresistente Bakterien auf Hähnchenfleisch entdeckt und das auch öffentlich gemacht - doch in die Tagesschau schafften es die Keime erst zwei Jahre später, als Umweltaktivisten vom BUND die Stichproben wiederholten und ihre Ergebnisse geschickt in der Zeit direkt vor der „Grünen Woche“ an den Mann brachten. Ist denn nun diesmal endlich der richtige Zeitpunkt für eine Warnung gefunden? Schwer zu sagen. 2006 schlug die Zimt-Debatte erst Mitte Oktober Wellen. Aber vielleicht ist es mit vorweihnachtlichen Lebensmittelängsten ja genauso wie mit den Lebkuchen in den Geschäften - von Jahr zu Jahr kommen sie früher.

          Weitere Themen

          Nur noch kurz die Welt retten

          Alles im grünen Bereich : Nur noch kurz die Welt retten

          Die Photosynthese ist eine geniale Erfindung der Natur, aber alles andere als perfekt. Aus der Sicht eines Ingenieurs ist vor allem ihr Wirkungsgrad beschämend niedrig. Wissenschaftler wollen das ändern.

          Topmeldungen

          Contra Tempolimit : Ein generelles Tempolimit bringt nichts

          Die Argumente für ein starres Tempolimit sind so schwach wie eh und je. Wahlweise heißt es, man müsse langsam fahren, um das Klima zu schützen oder Unfälle zu vermeiden. Bisweilen helfen Fakten. Ein Kommentar.

          Debatte über Fahrverbote : „Die Grenzwerte sind sogar noch zu hoch“

          In einer Stellungnahme halten mehr als hundert Lungenärzte die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid für zu niedrig. Sie argumentieren, dass dann ja alle Raucher tot umfallen müssten. Der Physiologe Holger Schulz hält dagegen: Das sei naiv.

          Davos : Im Privatjet zur Klimarettung

          Der Klimaschutz soll im Zentrum des Weltwirtschaftsforums stehen. Doch die Teilnehmer reisen mit so vielen Privatjets an wie noch nie. Eine junge Klimaaktivistin macht es anders – und braucht für ihre Reise mehrere Tage.
          Der verletzte Martin Strobel kann nur noch vom Krankenbett aus die Daumen drücken.

          Handball-WM : Strobels emotionale Botschaft aus dem Krankenbett

          Nach einer schweren Verletzung ist die Handball-WM für Martin Strobel beendet. Nun meldet er sich aus der Klinik. Vor dem Spiel gegen Spanien stellen sich für die Deutschen mit Blick aufs Halbfinale einige Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.