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Glosse: Heuschnupfen : Winter, hilf!

Ausgeliefert: der Pollen-Allergiker. Bild: dpa

Ja, Väterchen Frost soll wieder kommen, aber es bleibt ein böses Erwachen: Das Gejammer über den kalten, tristen Winter war völlig überflüssig. Ein Allergiker bereut.

          2 Min.

          „Pollenexplosion“, bei dem Wort hätten alle Alarmglocken leuchten sollen. Das war Anfang der Woche. Im Radio kam der Begriff immer wieder. Jetzt, Tage später, hat mich die Druckwelle der Explosion tatsächlich niedergestreckt, die Birne fühlt sich an wie drei Tonnen Tomaten im Schädel. Nein, es gibt überhaupt keine Entschuldigung dafür, die Arzneireserven vom vorigen Sommer nicht rechtzeitig mobilisiert zu haben. Nur die eine vielleicht: Der lange Winter war ein großartiger Verbündeter – bis zu dem Tag, an dem er unter dem elenden Gejammere über die grauen Tage und die kalte, endlosse Tristesse einknickte. So dachte ich immer: Der Winter ist für uns Allergiker ein Geschenk des Himmels, das uns jedes Jahr irgendwann um Ostern herum wieder weggenommen wird. Den Shitstorm der vergangenen Wochen hatte er weiß Gott nicht verdient, und die Beschimpfungen, die das fürs Wochenende angekündigte Aufpoppen des Frostzeichens am Armaturenbrett wieder auslösen wird, sind völlig unangemessen. Wir haben April. Nicht August. So kalt, so schön; trotzdem ist das Verhältnis zum Winter natürlich kein einfaches, ein trügerisches mithin, wie mir in der ersten Remissionsphase  klar geworden ist. 

          Direkt nach der nasalen Kettenreaktion habe ich mich nämlich an meine innere Stimme erinnert, die sich bei dem Begriff Pollenexplosion gemeldet hatte. Sie sprach: Not in my house. Nein, diesmal nicht, so fabulierte sie  mit der frühlingsfrischen Hintergrundmusik aus dem Autoradio vor sich hin, diesmal fällt der Heuschnupfen ja vielleicht aus. Das kennt man doch: Auf ein schlimmes folgt ein gutes  Jahr. Häufig juckt es sogar bis Pfingsten nicht, und da denkt man schon fast wieder an den Winter, ans Skifahren wenigstens. Es gibt kein Gesetz der seriellen Ungnade für den Allergiker, warum sollte sich also nicht mal im Laufe eines langen Winters das Blatt zugunsten der Menschlichkeit wenden? Geheilt von der Allergie - schon die Vorstellung wirkt wie Placebo. Denkt man. Und lässt die Pollenexplosion Explosion sein.

          Bis dann in den folgenden Tagen das mühsam aufgebaute Luftkurschloss  unter den Verbalinjurien der  Terminschreiber zusammenkracht. Das sind die zuverlässigen Kollegen, die schon beim  Aufkrachen der ersten Blattknospen alarmiert sind. Genau wie die Medizinforschungsprotokollanten, die jetzt die unmöglichsten Neuigkeiten auspacken, um die Sabotage unserer Selbstheilungspläne ins Werk zu setzen,  verstezen sie den Körper in Angst und Schrecken. Hier eine kleine Kostprobe aus dem Archiv: „Bis zum Wochenende blüht uns was“, „Längere Allergiesaison“, „Pollen im Anflug“, „Gefahr vom frischen Grün“, „Wenn der Atem knapp wird“.  Nicht die Pollen, die Schlagzeilen explodieren. Das ist psychologische Kriegsführung gegen den Allergiker. Und auch der tatkräftigste Winter kann nichts dagegen ausrichten.  Er verschwindet dann halt doch. So ein Elend.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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