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Glosse: Die Risikoträger : Impfskepsis

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Bild: reuters

Impfpflicht oder nicht? Angesichts der aktuellen Masernfälle denken immer mehr Politiker und ärztliche Standesvertreter laut über dieses Thema nach. Wer sind die Skeptiker?

          Impfpflicht oder nicht? Angesichts der aktuellen Masernfälle denken immer mehr Politiker und ärztliche Standesvertreter laut über dieses Thema nach. Auch abgeschwächte Versionen der Impfpflicht sind im Gespräch, etwa die Forderung, dass zumindest Kinder, die einen Kindergarten besuchen wollen, Impfungen nachweisen müssen. Bislang war Deutschland von einer solchen Regelung weit entfernt. Impfskepsis ist verbreitet und, so schien es wenigstens bisher, sie wird geduldet. Der Impfstatus in einem Land, haben Studien ergeben, hängt von der Präsenz impfkritischer Gruppen ab. Impfgegner gibt es seit den ersten Pockenimpfungen im neunzehnten Jahrhundert. Heute schreiben sie Bücher wie „Impfen - Das Geschäft mit der Angst“, lancieren Websites, gründen Foren. Und sie haben es erreicht, dass viele Hebammen Impfkritiker und damit wohl Multiplikatoren sind. Etwa ein Fünftel der von ihr befragten deutschen Hebammen seien als „starke Impfkritiker“ einzustufen, schrieb die Ärztin Sandra Stricker im Jahr 2006 in einer Forschungsarbeit an der Medizinischen Hochschule Hannover. Bücher, Internetseiten, persönliche Kontakte und medizinisches Personal - diese Schienen macht Stricker in ihrer Analyse aus, auf ihnen erreicht Impfskepsis die Bevölkerung.

          Der zentrale Faktor dabei ist einer Studie zufolge, die im Mai im „Journal Pediatrics“ erschien, die Einstellung des persönlichen Umfelds. Und in manchen Gruppen hat sich Impfskepsis hartnäckiger etabliert als in anderen. Viele Studien weisen darauf hin, dass Eltern mit höherem Bildungsgrad und in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen eher bewusst auf Impfungen verzichten. Spektakulär machte das eine Studie der amerikanischen „Centers for Disease Control and Prevention“ im Jahr 2004 klar: Kinder, bei denen einige, aber nicht alle empfohlenen Impfungen durchgeführt wurden, haben meist eine junge, schwarze Mutter, die unverheiratet ist und keinen College-Abschluss hat, und sie leben nahe der Armutsgrenze. Kinder, die überhaupt keine Impfungen erhalten haben, sind weiß, haben eine Mutter mit College-Abschluss und leben in Haushalten mit mehr als 75 000 Dollar Jahreseinkommen.

          Darüber hinaus scheint es auch Persönlichkeitsmerkmale zu geben, die die Einstellung zur Impfung beeinflussen. Jeroen Luyten von der Universität in Antwerpen hat im Juni im „European Journal of Public Health“ eine Studie über Impfskeptiker und Nicht-Skeptiker veröffentlicht. Beide wurden mit einem standardisierten Interview untersucht, das die soziale Orientierung von Menschen erfasst. Das Ergebnis fällt für die Impfskeptiker nicht gerade schmeichelhaft aus: Bei ihnen ist die Auffassung, dass andere Menschen gleichwertig sind, geringer ausgeprägt als bei den Nicht-Skeptikern. Projekte wie das von Luyten sollen helfen, Kommunikationsstrategien zu entwickeln, mit denen man auch verbissene Impfgegner endlich erreicht. In gewisser Weise ist das Ergebnis aber doppeldeutig: Tatsächlich vergrößert sich die Ungleichheit in einer Gesellschaft durch den fahrlässigen Umgang mit Infektionskrankheiten. Gegen die Masern beispielsweise kann man Kinder erst gegen Ende des ersten Lebensjahres impfen. Infizieren die Kinder sich vorher oder bleiben sie ungeimpft und stecken sich im Kleinkindalter an, drohen ihnen schwere Spätfolgen und der Tod. In einem Land, in dem immer mehr Kinder immer früher institutionell betreut werden, ist es deshalb mehr als angebracht, darüber zu diskutieren, ob nur geimpfte Kinder einen Kindergartenplatz erhalten sollten. Schon jetzt ergeben sich Risikokonstellationen für acht Monate alte Babys, die in derselben Einrichtung wie ungeimpfte Vorschulkinder betreut werden. Und manche Eltern haben die Wahl, ob sie ihre Kinder in diese Situation bringen wollen. Andere nicht.

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