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Immunsystem und Psyche : Gibt es einen Erreger für Essstörungen?

  • -Aktualisiert am

Die Kampagne gegen Magersucht hatte das französische Magermodel Isabelle Caro bekannt gemacht. Sie starb an ihrer Krankheit. Bild: dapd

Es klingt paradox, doch dänische Daten weisen auf die Rolle von Krankheitserregern bei schweren Essstörungen hin. Kann unser Immunsystem die kindliche Psyche wirklich so folgenschwer irritieren?

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          Es gibt eine Vielzahl von biologischen und psychosozialen Faktoren, die Essstörungen wie der Magersucht und der Ess-Brech-Sucht den Weg bereiten können. Hierzu zählen unter anderem der Hang zu Perfektionismus und ein geringes Selbstwertgefühl, aber auch traumatische Kindheitserlebnisse und kulturelle Prägungen, etwa vorherrschende Schönheitsideale und Ernährungsdogmen. Dänische Wissenschaftler sind nun der Frage nachgegangen, ob auch Infektionen zur Entstehung eines krankhaften Essverhaltens beitragen können. Als Begründung für ihr ungewöhnlich anmutendes Interesse führen sie ins Feld, dass das Immunsystem bei etlichen psychischen Leiden seine Hände im Spiel hat und daher möglicherweise auch Essstörungen Vorschub leistet.

          Auf der Suche nach Antworten, analysierten die dänischen und amerikanischen Forscher, unter ihnen Liselotte Petersen und Ole Köhler-Forsberg von der Universitätsklinik in Arhus, die Daten des nahezu lückenlosen dänischen Gesundheitsregisters. Ihr Augenmerk richteten sie dabei auf all jene Mädchen und jungen Frauen, die zwischen Januar 1989 und Dezember 2006 in Dänemark geboren worden waren und bis mindestens 2012 dort gelebt hatten. Von den rund 526 000 Einwohnerinnen, die diesen Kriterien entsprachen, hatten rund 2100 als Teenager die Diagnose Anorexie, Bulimie oder unspezifische Essstörung erhalten. Bei Letzterer handelt es sich häufig um eine grenzwertige Mager- oder Ess-Brech-Sucht, um eine Mischung der beiden Störungen oder um wiederholte Essattacken, eine sogenannte BingeEating-Störung.

          Wie die Studienautoren im amerikanischen Fachjournal „Jama Psychiatry“ (doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.0297) berichten, erkrankten Mädchen, die im Kindesalter und oder auch danach schwere Infektionen erlitten hatten, als Teenager überdurchschnittlich oft an Essstörungen. Das galt vor allem, wenn die bakterielle oder virale Erkrankung einen Klinikaufenthalt zur Folge gehabt hatte oder wenn mehrere ernste Infektionen aufgetreten und mit Medikamenten behandelt worden waren. Als wegweisend bezeichnen die Studienautoren dabei die Feststellung, dass das krankhafte Essverhalten auffallend oft innerhalb der ersten drei Monate nach Ausbruch der Infektion zutage trat. Eine solche enge zeitliche Verknüpfung spreche für einen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen, mutmaßen die Wissenschaftler. Wie sie zugleich einräumen, kann die Gleichzeitigkeit freilich auch andere Gründe haben. So sei unter anderem denkbar, dass erbliche Faktoren oder äußere Einflüsse, etwa belastende Erlebnisse, sowohl die Anfälligkeit für Infektionen als auch jene für Essstörungen in die Höhe treiben. Wie die Forscher zudem feststellen, kommen diese nur etwa in der Hälfte der Fälle jemals ans Licht.

          Ob – und falls ja, wie – das Immunsystem die Entwicklung einer Anorexie oder einer Bulimie begünstigen könnte, geht aus der Studie nicht hervor. „Wie wir wissen, treten Essstörungen häufig in Begleitung weiterer psychischer Leiden auf, darunter Depressionen und Angststörungen“, sagt Stefan Zipfel, Ärztlicher Direktor des Kompetenzzentrums für Essstörungen und der Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Tübingen. „Es wäre daher interessant gewesen, zu sehen, ob die Infektionen auch mit anderen psychischen Erkrankungen in Zusammenhang standen oder nur mit den Essstörungen. Damit wäre man der Frage nach den Entstehungsursachen vielleicht etwas näher gekommen“, stellt der Psychosomatiker fest. Dennoch hält er die Studie, die von erfahrenen Wissenschaftlern vorgenommen wurde, für gut und relevant. Die gleiche Ansicht vertritt auch Erich Seifritz, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich: „Die Studie profitiert davon, dass es in Dänemark und anderen skandinavischen Ländern sehr umfassende Datenbanken gibt, in denen die Krankheiten der gesamten Bevölkerung erfasst werden. Solche Register erlauben es, die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten über einen langen Zeitraum hinweg zu verfolgen und Risikofaktoren zu ermitteln.“

          Dass das Immunsystem an der Entstehung von psychischen Störungen mitwirken könne, wisse man zwar schon länger. Auf welche Weise es seinen Einfluss genau geltend mache, liege allerdings noch weitgehend im Dunkeln. Es existierten unter anderem Hinweise, dass auch vom Mikrobiom im Darm freigesetzte Immunstoffe dabei eine wichtige Rolle spielen, so Seifritz. Wegweisend sind in diesem Zusammenhang auch die jüngsten Erkenntnisse der Züricher Forscher. Wie diese kürzlich zeigen konnten, gibt es in der Bevölkerung unterschiedliche Immun-Typen. In der frühen Kindheit etabliert, bestimmen diese immunologischen Charakteristika offenbar, wie anfällig die betreffende Person für bestimmte Infektionskrankheiten einerseits und für bestimmte psychische Leiden andererseits ist. So nachzulesen im „BMC Medicine“(doi: 10.1186/s12916-019- 1311-z).

          In ausführlichen Studien mit Tieren und Menschen wollen die Züricher Wissenschaftler nun klären, ob sich Depressionen und andere psychische Leiden durch gezielte Veränderungen des Immunsystems lindern oder sogar abwenden lassen.

          Nicola von Lutterotti

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