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Gesundheit : Pockenterror

In Amerika sollten Zivillisten nach Präsident Bushs Willen gegen Pocken geimpft werden. Wegen der gefährlichen Nebenwirkungen wollte aber keiner. Jetzt sollen deutsche Vakzine das Impfprogramm retten.

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          Carlos del Rio hatte sich in Rage geredet. Als der an der Emory University School in Atlanta beschäftigte Arzt vor kurzem auf dem Infektiologenkongreß in Cancún über seine Erfahrungen mit dem Anti-Bioterror-Programm der amerikanischen Regierung berichten sollte, fand er wenig freundliche Worte: Als ein "Desaster" sei die von Präsident Bush im Dezember 2002 angeordnete Impfkampagne gegen Pocken zu bezeichnen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Von der halben Million Zivilisten, Klinikpersonal und Rettungskräfte vor allem, die in Phase eins gegen den Pockenerreger geimpft werden sollten, haben sich bisher nicht einmal 36.000 dazu bereit erklärt. Ganze Bundesstaaten wie Georgia, del Rios Wirkungsstätte, verweigern sich fast restlos dem nationalen Impfplan. Nicht weniger als hundert amerikanische Krankenhäuser, darunter so große Zentralkliniken wie das San Francisco General Hospital, setzen das Impfprogramm wegen möglicher gesundheitlicher und haftungsrechtlicher Vorbehalte nicht um.

          Gefürchtete Nebenwirkungen

          Bei allen Beteiligten herrscht Unsicherheit darüber, wer für die Schäden bei fatalen Nebenwirkungen aufkommt. Nach den Erfahrungen aus der großen Zeit der Pockenimpfungen in den sechziger und siebziger Jahren muß man bei den herkömmlichen, in großen Mengen auch in Deutschland in Tiefkühlkellern gelagerten Vakzinen mit zwei bis drei Geschädigten bei einer Million Impflingen rechnen. Fieberkrämpfe bei Kindern, Hirnentzündungen und - wie vor einem Jahr bei einem amerikanischen Soldaten festgestellt - bedrohliche Entzündungen des Herzens zählen zu den gefürchtetsten Nebenwirkungen.

          Der öffentliche Druck, der durch kritische Ärzte wie del Rio in den Vereinigten Staaten entstanden ist, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Bushs Bioterror-Front ist angeschlagen. Dies um so mehr, als im Irak, der nach den Attentaten vom 11. September 2001 als heimlicher Pockenproduzent und illegales Biowaffenlager gehandelt worden war, bisher ebensowenig Pockenviren wie andere Massenvernichtungswaffen aufgetaucht sind.

          Doch die amerikanische Regierung und mit ihr die mächtigste Gesundheitsbehörde der Welt, die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention, die mit ihrer Zentrale ironischerweise ebenfalls in Atlanta/Georgia zu Hause ist, haben den präventiven Feldzug gegen die Pockenviren noch längst nicht aufgegeben. In Phase zwei des Impfprogramms sollen bis zu zehn Millionen Zivilisten geimpft werden. Wann diese beginnt, steht derzeit freilich in den Sternen.

          Deutschland soll helfen

          Verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, erhoffen sich die Bioterrorspezialisten in Washington nun offenbar ausgerechnet mit deutscher Hilfe. Eine Forschergruppe um Bernhard Moss vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda hat sich zusammen mit Infektiologen des Militärs einen altbekannten Pockenimpfstoff von der Ludwig-Maximilians-Universität in München besorgt. Diese als Modified Virus Ankara (MVA) bezeichnete Vakzine war vor mehr als dreißig Jahren an der Bayerischen Landesimpfanstalt entwickelt und in den letzten beiden Jahren der Pockenimpfungen seinerzeit probeweise etwa 100.000 Menschen als "Vorimpfstoff" verabreicht worden.

          Mehr noch als die klassischen Vaccinia-Vakzinen, von denen es weltweit einige wenige Stämme wie den in Deutschland gebräuchlichen "Lister Elstree" gibt, ist das MVA stark abgeschwächt. Durch vielfache Passagen in Zellkulturen wurde das Genom des Erregers so stark verändert, daß es sich in Säugetierzellen nur noch sehr eingeschränkt vermehren kann. Auf Hühnerzellen hingegen gedeiht das Virus bestens, und so konnten die amerikanischen Forscher die im Jahre 1974 in München eingelagerten Viren für neue Experimente auftauen und vermehren. Freilich vermochte niemand zu sagen, wie groß die Schutzwirkung und vor allem die Sicherheit dieses MVA-Impfstoffs wirklich sind.

          Nebenwirkungsfrei

          Moss und seine Kollegen haben nun all denen, die, wie Bushs Administration, mit dem MVA eine verträglichere Impfvariante gesucht haben, neuen Mut gemacht. Da sich nach der Ausrottung der Seuche echte Impfstudien heute verbieten, haben die Forscher Experimente an Affen und Mäusen mit den Pocken nahe verwandten Orthopoxviren vorgenommen. Wie die Wissenschaftler in zwei Aufsätzen in "Nature" und in den "Proceedings" der amerikanischen nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, erzielte man den besten Impfschutz, wenn man wie seinerzeit in Deutschland das MVA als "Vorimpfstoff" zur Stimulation der Immunabwehr sowie anschließend eine klassische Vakzine verabreichte.

          Selbst die zweimalige Gabe lediglich von MVA ergab in immungeschädigten Tieren einen sicheren und, wie die Forscher betonen, nebenwirkungsfreien Impfschutz. "Ein geeignetes Verfahren", so schließen die Forscher daraus, "wäre es, schon vor einer direkten Bedrohung mit MVA zu impfen und im Falle eines nachgewiesenen Pockenausbruchs eine zweite Vakzine oder nochmal MVA zu verabreichen." Der Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Reinhard Kurth, zumindest teilt die Begeisterung und orakelt: "Könnte sein, daß auch wir hierzulande, wenn Massenimpfungen in Amerika den Nutzen gezeigt haben, schon bald vor der Frage stehen, MVA als neuen Impfstoff anzuschaffen."

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