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Gespräch mit dem Virologen Reinhard Kurth : Brauchen wir eine Reform bei den Nobelpreisen?

  • Aktualisiert am

Der Virologe Reinhard Kurth hält eine Reform des Nobelpreis-Auswahlverfahrens für notwendig Bild: picture-alliance/ dpa

Zahlreiche Wissenschaftler haben schriftlich ihre Verwunderung darüber bekundet, dass der amerikanische Aidsforscher Robert Gallo beim Medizin-Nobelpreis leer ausgegangen ist. Ein Gespräch mit dem Virologen Reinhard Kurth über die Notwendigkeit einer Nobelpreis-Reform.

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          Zahlreiche Wissenschaftler haben schriftlich ihre Verwunderung darüber bekundet, dass der amerikanische Aidsforscher Robert Gallo beim Medizin-Nobelpreis leer ausgegangen ist. Ein Gespräch mit dem Virologen Reinhard Kurth über die Notwendigkeit einer Nobelpreis-Reform.

          Der diesjährige Medizin-Nobelpreis wurde drei Virologen zugesprochen, einem Deutschen und zwei Franzosen. Was war Ihre Reaktion?

          Zunächst einmal große Freude, dass mit Harald zur Hausen ein Wissenschaftler ausgezeichnet wurde, der diesen Preis absolut verdient, seit Jahren dafür auch in der Diskussion war. Was die andere Hälfte des Preises betrifft, die Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier zuerkannt wurde, war ich zunächst sehr überrascht und doch sehr nachdenklich. Nicht nur mir ist es so ergangen, nach einer gewissen Schockstarre von vielleicht zwei bis drei Tagen.

          Harald zur Hausen wurde in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

          Warum waren Sie da überrascht?

          Weil nach meiner Ansicht Professor Gallo diesen Preis auch verdient gehabt hätte. Und dass er außen vor gelassen wurde, war für mich nicht nachvollziehbar.

          Das Nobelkomitee hat durchaus die Verdienste Gallos gewürdigt, allerdings auch klar hervorgehoben, dass die Priorität der französischen Gruppe zusteht. Wie sehen Sie das?

          Das sehe nicht nur ich, sondern das sieht die ganz überwiegende Mehrheit der Gemeinschaft der internationalen Virologen deutlich anders. Der Nobelpreis soll ja für Entdeckungen vergeben werden, für diejenigen, die die allererste Entdeckung bei einem bestimmten Problem gemacht haben, und nicht für diejenigen, die aufbauend auf dieser Entdeckung dann das Gebiet weiterentwickeln. Das Manuskript von Barré-Sinoussi, Montagnier und übrigens noch zehn weiteren Franzosen aus dem Jahr 1983 hat uns damals nicht davon überzeugt, dass ein Virus, das später HIV genannt wurde, die Ursache von Aids sein kann, wohl aber die vier Manuskripte, die ein Jahr später von der Gallo-Gruppe publiziert wurden.

          Aber haben nicht seinerzeit auch schon Wissenschaftler eingewendet, dass die von Gallos Gruppe identifizierten HTLV-Viren eigentlich eine Eigenschaft haben, die der Aidserreger überhaupt nicht hat, nämlich Immunzellen unsterblich zu machen, statt sie abzutöten?

          Es ist richtig, dass wir heute wissen, dass HIV nicht HTLV ist, aber wir reden ja hier über Nobelpreisvergabe und Kriterien dafür. Wir sollten berücksichtigen, dass Gallo 1980 mit dem HTLV, dem Leukämie-Virus, das erste menschliche Retrovirus entdeckt hatte. Mit den Instrumenten, die er dafür entwickelt hatte, zum Beispiel den Antiseren, konnte man dann nach dem Aidserreger suchen. Gallo hat diese Antiseren dann an Montagnier geschickt, wie beide Labors ja mehrfach biologisches Material ausgetauscht haben.

          Gallo ist in Fachkreisen nicht unumstritten. Und er hat selbst eingeräumt, bei seinen Arbeiten unter einer gewissen Blindheit gelitten zu haben.

          Gallo ist jemand mit überschäumendem Temperament, gerade in den achtziger Jahren. Ich habe aus der Nähe erlebt, wie er Montagnier ständig attackiert hat, was völlig überflüssig war, auch unakzeptabel. Aber hier muss man persönliche Charaktereigenschaften doch trennen von wissenschaftlichen Erfolgen und Meriten. Und ich bin eindeutig der Ansicht, dass Gallo zu den größten Virologen des letzten Jahrhunderts gezählt werden muss. Gallo hatte zunächst eine Kontamination mit dem französischen Virus in seinem Labor gehabt. Aber da muss ich als Virologe sagen, das passiert allen Labors irgendwann mal. Das Wichtige ist, dass man es schnell genug merkt und nichts Unnötiges publiziert. Er hat den Fehler leider erst 1991 zugegeben.

          Die moderne Forschung kann nicht von Einzelkämpfern beherrscht werden. Es sind Teams, die zusammenarbeiten. Bei den Nobelpreisen kann man aber nicht beliebig viele auszeichnen.

          Sie kommen jetzt auf ein anderes, aber verwandtes Gebiet, nämlich zu der Frage, ob der Nobelpreis noch nach den Kriterien des Stifters, die über 100 Jahre alt sind, vergeben werden sollte. Das Nobelkomitee rückt ohnehin von einigen Verfügungen im Testament ab, die gar nicht mehr praktikabel sind, zum Beispiel, dass jene Wissenschaftler ausgezeichnet werden sollen, die im vorhergehenden Jahr die wichtigste Entdeckung zum Nutzen der Menschheit gemacht haben. Das können wir heute nicht mehr anwenden. Der diesjährige Nobelpreis für Medizin etwa wurde für Forschungen vergeben, die 25 Jahre zurückliegen. Die zweite Festlegung, die überdacht werden müsste, ist, dass sich nur drei Personen pro Jahr einen Nobelpreis teilen können. Das halte ich auch für revisionsbedürftig.

          Wo könnte die Grenze liegen?

          Das muss das Nobelkomitee selbst entscheiden. Ich finde eine numerische Festlegung nicht gut. Man soll es natürlich auch nicht ins Endlose verwässern.

          Und was wollen Sie jetzt tun angesichts Ihrer Überraschung über die Verleihung?

          Zusammen mit renommierten Kollegen aus dem In- und Ausland habe ich einen kurzen Brief an die Zeitschrift „Science“ zur Veröffentlichung geschickt. Darin bringen wir zum Ausdruck, dass beim Nobelpreis jemand vergessen wurde.

          Wie viele haben unterschrieben?

          Das ist zurzeit schwer abzuschätzen, allein bei mir laufen ständig unterstützende Mails ein. „Science“ wird die Unterschriften im Internet veröffentlichen.

          In Ihrer Stellungnahme sprechen Sie von einer Verdrehung der historischen Wahrheit. Das ist schon recht stark.

          Ja, ich finde es auch richtig.

          Was erhoffen Sie sich von dieser Eingabe an „Science“?

          Für die gegenwärtige Nobelpreisverleihung überhaupt nichts. Aber dass in Zukunft vielleicht doch noch etwas sorgfältiger recherchiert wird und die Mitglieder des Nobelkomitees vielleicht auch etwas mehr Bescheidenheit in ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit an den Tag legen. Denn Sätze, dass nur sie wüssten, wer nobelpreiswürdig ist, zeugen doch von einer Arroganz der Macht, die in Besserwisserei endet. Und das ist schade.

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