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Geschlechtskrankheiten : Hoffnung auf Chlamydien-Impfstoff

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Beim Geschlechtsverkehr übertragene Infektionen können heimtückisch sein. Bild: dpa

Geschlechtskrankheiten scheinen erneut auf dem Vormarsch. Zumindest bei der verbreiteten Chlamydien-Infektionen könnte bald eine Impfung helfen.

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          In Deutschland stecken sich jedes Jahr schätzungsweise 300 000 Personen bei sexuellen Kontakten mit dem Bakterium Chlamydia trachomatis an. Solche Infektionen sind ausgesprochen heimtückisch. Denn sie bleiben fast immer unbemerkt, können aber schwerwiegende Folgen haben. Das gilt vor allem für das weibliche Geschlecht. Besonders gefürchtet sind dabei Entzündungen des Beckens, eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter und Verklebungen der Eileiter mit anschließender Unfruchtbarkeit.

          Infektionen mit Chlamydien sind häufig auch Ursache für Kinderlosigkeit. Darauf verweist der Berufsverband der Frauenärzte im Vorfeld des Welttags für sexuelle Gesundheit. Dennoch seien die Risiken sexuell übertragener Infektionen immer noch zu wenig bekannt. „Das große Problem der Infektion ist, dass sie bei Frauen in etwa drei Viertel der Fälle ohne Infektionszeichen verläuft und nicht behandelt wird“, sagt der Mikrobiologe Georg Häcker vom Universitätsklinikum Freiburg. „Ohne Behandlung wird etwa ein Prozent der infizierten Frauen infertil, kann also auf natürlichem Wege keine Kinder mehr bekommen.“ Eine Antibiotikabehandlung wirkt im Allgemeinen gut gegen eine Infektion, aber natürlich nur, wenn diese erkannt und behandelt wird. Eine Impfung wäre hier die beste Lösung.

          Der Impfstoff mobilisiert das Immunsystem

          Dieses Ziel könnte nun in erreichbare Nähe gerückt sein. Anlass zur Hoffnung geben die Ergebnisse einer kleinen Studie, in der ein neues, noch in der Erprobung befindliches Vakzin getestet wurde. Entwickelt von Forschern einer Non-Profit-Organisation des dänischen Gesundheitsministeriums, lenkt der Impfstoff den Radar des Abwehrsystems auf ein in der Bakterienhülle befindliches Protein, das die Chlamydien benötigen, um sich an ihren Wirtszellen festzuhalten. Für ihre Studie konnten die Forscher, unter ihnen Sonja Abraham vom Imperial College in London und Peter Andersen vom Statens Serum Institut in Kopenhagen, insgesamt 35 gesunde junge Frauen gewinnen. Alle Probandinnen hatten eingewilligt, sich über einen Zeitraum von vier Monaten fünf Immunisierungen zu unterziehen. Dreißig Teilnehmerinnen erhielten daraufhin den zu testenden Impfstoff, in Kombination mit einem gängigen oder einem neuen Wirkstoffverstärker (Adjuvans), die übrigen Frauen wurden mit einem Placebo versorgt. Die beiden letzten Dosen des Impfstoffs und des Scheinmittels spritzten die Ärzte nicht in den Oberarm, sondern sprühten sie in die Nase. Denn es gibt Hinweise, dass die Schleimhäute – darunter auch jene des Genitaltrakts, dem Einfallstor der Chlamydien – in dem Fall noch besser vor Ansteckung geschützt sind als bei alleiniger Injektion in die Muskulatur.

          Wie die Studienautoren im Fachblatt „Lancet Infectious Diseases“ berichten, war der Impfstoff nicht nur gut verträglich, sondern außerdem in der Lage, das Immunsystem gegen die Chlamydien zu mobilisieren. So führte er bei allen geimpften Frauen zu einer deutlichen Vermehrung von zielgerichteten Antikörpern und Immunstoffen, und das sowohl im Blut als auch in der Vaginalschleimhaut der Probandinnen. Als besonders schlagkräftig erwies er sich dabei in Kombination mit dem neuen Wirkstoffverstärker (CAF01). War er an diesen gekoppelt, brachte er die Abwehrkräfte noch rascher und nachhaltiger gegen die bakteriellen Eindringlinge in Stellung als in Verbindung mit dem herkömmlichen Adjuvans Aluminiumhydroxid. Ob der Impfstoff damit vor einer Infektion mit Chlamydien schützt, lässt sich hieraus freilich nicht ableiten. „Das kann nicht sicher vorhergesehen werden“, stellt Häcker klar und fügt hinzu, „das Wichtigste ist letztlich, ob die Impfung gegen die Spätfolgen der Infektion schützt. Dies wird man erst viele Jahre nach einer möglichen Einführung des Impfstoffs wissen.“ Falls alles optimal verlaufe, könnte vielleicht in fünf bis zehn Jahren ein Impfstoff verfügbar sein, schätzt der Experte.

          Eine weitere Studie ist geplant

          Eine Zulassung setzt freilich voraus, dass das Vakzin seinen Zweck erfüllt und obendrein sicher ist. Um zu klären, ob ihr Impfstoff diesen Anforderungen genügt, haben Andersen und seine Kollegen eine weitere Studie mit einer größeren Zahl an Versuchspersonen geplant. Zu hoffen bleibt, dass ihre Bemühungen Erfolg haben. Denn gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommen Chlamydien-Infektionen häufig vor.

          Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts liegt der Anteil an Betroffenen in dieser Altersgruppe hierzulande bei vier bis fünf Prozent. Viele Beobachtungen legen zudem den Schluss nahe, dass die Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten seit einiger Zeit zunimmt. Diesen Trend führt Stefan Esser, akademischer Direktor der Ambulanz für HIV, Aids und Geschlechtskrankheiten am Universitätsklinikum in Essen, auf einen rückläufigen Gebrauch von Kondomen, häufiger wechselnde Geschlechtspartner und die vereinfachte Anbahnung von oft anonymen Sexualkontakten durch das Internet zurück.

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