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Gerichtsmedizin : Der Forensiker ist immer der Gute

  • -Aktualisiert am

Eiskaltes Händchen halten: Damit hat Dr. Quincy keine Probleme Bild: RTL

Gerichtsmediziner sind beliebt; ganz besonders „sexy“ sind die Forensiker in amerikanischen TV-Serien - spätestens seit „Dr. Quincy“ jeden seiner grünbetuchten Fälle löst. Der Bildschirmerfolg hat allerdings auch Schattenseiten.

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          In einem kleinen Laden gerät Officer Clay zufällig in einen Raubüberfall hinein und wird dabei erschossen. Sein Partner, David Fromansky, tötet in dem nachfolgenden Feuergefecht zwei maskierte Täter. Eine unbeteiligte Kellnerin und ein junger Mann werden ebenfalls getroffen; sie sterben noch am Tatort. Später werden insgesamt 18 Pistolenkugeln gezählt, 26 Patronenhülsen und 72 Schrotkugeln. Am Projektil Nr. 26 finden sich außerdem blaue Fasern. Wer hat nun die beiden unbeteiligten Opfer erschossen: der Polizist oder einer der Gangster?

          Für die Forensiker ist diese spezielle Konstellation natürlich eine echte Herausforderung. In knapp sitzenden Lederjeans und mit langen, glatten Haaren beugen sich die Ermittlerinnen über die Leichen, die Ermittler vermessen derweil den Tatort. Später im Labor arbeiten sie flink eine Simulation auf dem Rechner aus, versuchen die Flugbahn eines jeden Geschosses genau nachzuvollziehen. Denn wenn ihr Kollege Fromansky die Kellnerin erschossen hätte, wäre seine Karriere wohl vorbei. Der Fall wird nach aufwendigen Recherchen und Analysen gelöst: Fromansky ist unschuldig. Nicht länger als 40 Minuten haben die Ermittler gebraucht, um den Ermittler zu entlasten. Denn der Überfall, das Feuergefecht und die Aufklärung fanden nur auf dem Bildschirm statt, in einer Folge der beliebten amerikanischen Fernsehserie "CSI" (Crime Scene Investigation).

          Mit dem „Hummer“ zum Tatort?

          Die flotte Darstellung entspricht allerdings nicht ganz dem Alltag eines Durchschnittsforensikers: Lederjeans, zum Beispiel, habe sie noch nie besessen, sagt Demris Lee, Mitarbeiterin im DNA-Labor der amerikanischen Streitkräfte. Und auch mit einem bulligen "Hummer" sei sie noch nie zum Tatort kutschiert. Solche Feinheiten sind dem Publikum indessen egal. Rund 55 Millionen Zuschauer schalten in den Vereinigten Staaten ihren Fernseher an, wenn CSI und die CSI-Schwesterserien aus Miami und New York laufen. "New Detectives", "Six Feet Under" oder "Autopsy" sind weitere Serien, die ihre Zuschauer in die Kellerräume der Pathologie locken. Gar nicht zu reden von "Quincy", dem Vater aller TV-Gerichtsmediziner, dessen insgesamt 148 Fälle immerhin schon seit 1976 in endlosen Wiederholungen gezeigt werden.

          „Dr. Quincy” im Einsatz
          „Dr. Quincy” im Einsatz : Bild: RTL

          Die Bezeichnung "Forensiker" wird dabei locker für eine ganze Reihe von Berufen verwendet: So können es Rechtsmediziner, Kriminalbiologen oder auch Ermittler sein. Eines haben sie gemeinsam: "Der Forensiker ist immer der Gute", sagt der deutsche Kriminalbiologe Mark Benecke. Denn die Spurensicherer sorgen ganz schlicht dafür, daß "der Böse hinter Gittern verschwindet". In den Fällen, die er selbst bearbeitet und in seinen Büchern dargestellt hat, läßt Benecke eine moralische Bewertung der am Mordfall beteiligten Figuren lieber weg. "Manchmal sind Opfer und Täter beide schlecht, manchmal sind beide gut", sagt Benecke. Es gebe Fälle, in denen sterbe ein Mensch nur, "weil er eben ein Waschlappen war".

          Dem Unfehlbaren über die Schulter geschaut

          Der neue Typ des Ermittlers, der nicht nur Zeugen befragt, sondern auch Erbgut untersucht, bietet dem Zuschauer über den Kitzel eines normalen Krimis hinaus auch noch den Genuß, einem prinzipiell Unfehlbaren über die Schulter zu schauen. Das Surren der Geräte und die roten Laserstrahlen, die den Weg einer Kugel nachzeichnen, versprechen Tröstliches, nämlich daß hier die Wissenschaft am Ende unweigerlich die Wahrheit ans Licht bringen wird, allen brutalen Killern und korrupten Polizisten zum Trotz.

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