https://www.faz.net/-gwz-6m5w1

Gentests : Die neuen Checklisten für das Ungeborene

  • -Aktualisiert am

Ultraschall ist nur eine von vielen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik Bild: dpa

Zwei neue Gentests kommen auf den Markt, die es Eltern erlauben, mehr über eigene genetische Risiken und über chromosomale Anomalien des Fötus zu erfahren. Spezialisten, die Paare beraten könnten, sind jedoch knapp.

          Mit dem Bundestagsentscheid schien die Debatte über die Präimplantationsdiagnostik zunächst beendet. Doch kaum ist dieser vorläufige Schlussstrich gezogen, melden sich die deutschen Humangenetiker zu Wort. Die gesamte Diskussion sei „eine Gespensterdebatte“ gewesen, konstatiert jetzt etwa Peter Propping, der langjährige Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn. Längst seien ganz andere Techniken auf dem Weg, die Paare mit Kinderwunsch und werdende Eltern schon bald vor neue Herausforderungen stellen würden, schrieb Propping jüngst in der Online-Ausgabe des Magazins „Spektrum der Wissenschaft“.

          Ein Bluttest zeigt, ob eine Trisomie 21 beim Kind vorliegt

          Insbesondere zwei Verfahren werden demnächst kommerziell erhältlich sein: ein Bluttest für Schwangere, der Aufschluss darüber gibt, ob bei dem ungeborenen Kind eine Trisomie 21 vorliegt, und eine genetische Untersuchung beider Eltern vor Eintritt der Schwangerschaft, die es erlaubt festzustellen, ob das Erbgut von Mutter und Vater Anlagen für bestimmte Krankheiten aufweist. Mit den neuen Methoden sieht die Ärzteschaft nun eine Welle von Beratungsbedürftigen auf sich zurollen. „Es besteht ein gigantischer Aufklärungs- und Beratungsbedarf“, sagt Jörg Schmidtke, Direktor des Instituts für Humangenetik an der Medizinischen Hochschule Hannover.

          Brisant wird die Situation durch das 2010 in Kraft getretene Gendiagnostikgesetz. Es knüpft eine vorgeburtliche Risikoabklärung - auch die schon bisher üblichen invasiven vorgeburtlichen Untersuchungen - an das Angebot einer humangenetischen Beratung. Die im Fachgebiet Humangenetik qualifizierten Ärzte, die diese Beratungen übernehmen könnten, fehlen jedoch. Schmidtke beschrieb diesen Mangel unlängst online in der Zeitschrift „Medizinische Genetik“ (Bd. 23, S. 26), wo er darauf hinwies, dass die Schere zwischen Diagnostik und Beratung schon seit Jahrzehnten klafft.

          Noch darf jeder Arzt beraten

          Mit den neuen Verfahren werde die Situation jetzt rasant verschärft, sagt André Reis, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik. „Die Vorschriften des Gesetzgebers darüber, wie die nötigen Kapazitäten rekrutiert werden sollen, sind leider nicht geglückt“, sagt Reis.

          Noch ist laut Gendiagnostikgesetz jeder Arzt berechtigt, die Patienten zu beraten - eine Verlegenheitslösung. Doch damit ist bald Schluss. Denn zum 1. Februar 2012 steht eine neue Regelung ins Haus. Möchte ein Frauenarzt, der nicht auch Facharzt für Humangenetik ist, seine Patientinnen auch in Zukunft genetisch beraten, muss er Fortbildungskurse belegen und dies zu Beginn des kommenden Jahres auch nachweisen. „Das ist ein Versuch, den seit Jahren bekannten Mangel an Fachärzten für Humangenetik über Fortbildungsmaßnahmen aufzufangen“, sagt Schmidtke.

          „Schnellkurse sind keine Lösung“

          Im Moment sind in Deutschland nach Angaben der Bundesärztekammer nur 524 humangenetisch ausgebildete Ärzte tätig. Dazu gehören Fachärzte für Humangenetik und Ärzte, die eine Zusatzbezeichnung „Medizinische Genetik“ erworben haben. Dass der Mangel durch die „nur fortgebildeten“ Ärzte qualitativ aufgefangen werden kann, bezweifelt André Reis. „Die Fortbildungsregelung ist der unglückliche Versuch, Qualität und Quantität auf die Schnelle zu kombinieren“, sagt Reis. „Mit Schnellkursen ist diese Problem aber nicht zu lösen. Wir brauchen dringend mehr Weiterbildungsstellen für Humangenetiker, denn der Bedarf an komplizierten Beratungen wird sich erhöhen.“

          Weitere Themen

          Rechnende Bienen und selbstbewusste Fische

          Intelligente Tiere : Rechnende Bienen und selbstbewusste Fische

          Insekten und Fischen traut man gemeinhin kein besonders komplexes Denken zu. Zwei Studien haben jetzt aber erstaunliche Ergebnisse geliefert, die neues Licht auf deren kognitive Fähigkeiten werfen. Eine Glosse.

          Bizarre Vogelspinne gibt Rätsel auf Video-Seite öffnen

          Was macht das Horn da? : Bizarre Vogelspinne gibt Rätsel auf

          Eine neu entdeckte bizarre Spinnenart gibt Wissenschaftlern Rätsel auf: Forscher aus Südafrika fanden die neue Art bei einer Expedition im Süden Angolas. Das Tier trägt einen hornartigen Fortsatz auf dem Kopf - einzigartig in der Welt der Spinnen.

          Verkannte Pionierinnen der Wissenschaft Video-Seite öffnen

          Vor fast 3000 Jahren : Verkannte Pionierinnen der Wissenschaft

          Die Geschichte der Wissenschaft wird als Geschichte von Männern erzählt. Doch auch Frauen spielten eine wichtige Rolle. Eine kleine Zeitreise durch die Geschichte der Wissenschaft, von der ersten Chemikerin vor fast 3000 Jahren bis zur letzten Physiknobelpreisträgerin 2018.

          Topmeldungen

          Samsung Galaxy Fold : Smartphone, 2000 Euro, faltbar

          Nun ist es wirklich da. Samsung hat das erste faltbare Smartphone in Serienreife vorgestellt. Es kommt Anfang Mai, kostet 2000 Euro und hat aufgeklappt einen Bildschirm, der fast so groß ist wie das iPad Mini.

          Brexit-Krise : Kein Durchbruch, aber May sieht Fortschritte

          Der Countdown zum angestrebten Austrittsdatum vom 29. März läuft. Doch einig sind sich die britische Premierministerin May und EU-Kommissionspräsident Juncker nur darüber, dass sie weitere Gespräche führen wollen.
          Eine einfache Gesetzesänderung hätte auch gereicht - das Grundgesetz hätte nicht angetastet werden müssen.

          Digitalpakt-Kommentar : Armes Grundgesetz

          Die Änderung des Grundgesetzes für den Digitalpakt widerspricht dem Geist unserer Verfassung – denn sie schadet dem Föderalismus, der einen Wettbewerb um die beste Politik vorsieht.

          2:3 gegen Manchester City : Schalke zerbricht

          Lange sieht es danach aus, als würde den Königsblauen das eigentlich Undenkbare gelingen. Doch ausgerechnet ein früherer Schalker trifft kurz vor Schluss für Manchester. Und dann geht doch noch alles schief.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.