https://www.faz.net/-gwz-84h6p

Gentechnik : Zukunft ist heute

Im Roman sind die Organschweine allgegenwärtig. Menschliches Hirngewebe macht sie schlau, aber auch gefährlich. Bild: Jason Courtney

In den Biolaboren dieser Welt passieren die seltsamsten Dinge. Schweine werden humanisiert, Fische zum Leuchten gebracht. Es scheint fast so, als ob wir das Leben beliebig formen können. Was ist Science-Fiction, was ist Realität?

          Jimmy war ein ganz normaler Junge. Vielleicht nicht der Begabteste. Was seinem Vater aber egal war. Der interessierte sich nur für seine Organschweine, die er im Auftrag eines Pharmakonzerns gezüchtet hatte. Sie bekamen menschliches Gewebe eingepflanzt, daraus wuchsen Organe, die bei einer Transplantation nicht abgestoßen wurden. Das war billiger, als sich klonen zu lassen.
          Jimmy besuchte die Organschweine gern, auch wenn sie ihm etwas unheimlich waren. „Fall nicht rein“, sagte sein Vater. „Die fressen dich in einer Minute auf.“ „Tun sie nicht“, sagte Jimmy.

          (aus „Oryx und Crake“ von Margaret Atwood)

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schweine sind Allesfresser. Im Zweifelsfall Kannibalen. Aber zerfleischen sie einen Menschen bei lebendigem Leib? In blutrünstigen Thrillern kommt das vor. Hannibal Lecter beispielsweise, der anerkannt grausamste Psychopath der Filmgeschichte, wird in einer der Episoden Wildschweinen vorgeworfen, die aus einer Kreuzung afrikanischer Riesenwaldschweine mit dem europäischen Sus scrofa und zwei weiteren, besonders aggressiven Schweinerassen hervorgegangen sind; er entkommt, weil sie spüren, dass er noch gefährlicher ist als sie selbst. Jimmys Organschweine wiederum entstammen der Phantasie der kanadischen Autorin Margaret Atwood, die eine Science-Fiction-Trilogie über die genetische Zukunft des Planeten geschrieben hat. Eine Utopie will sie darin allerdings nicht sehen. Sie sagt, sie habe nur über Dinge spekuliert, die bereits real sind. Oder mindestens geplant.

          Es lohnt sich, dieser Behauptung nachzugehen. Denn in den Köpfen vieler Menschen ist die Biomedizin längst im Morgen angelangt. Gentherapie, Nachwuchs nach Maß, Mäuse, die sprechen lernen - alles scheint machbar. Die Fähigkeit, Visionen von Fakten zu trennen, ist im Zeitalter der Blogs und der Verschwörungstheorien nicht besonders ausgeprägt. „Extrem glaubwürdig“ urteilen Kunden bei Amazon über Atwoods Romane. „Solide recherchiert wie eine Doktorarbeit“, hieß es im Deutschlandfunk. Sie eignen sich also bestens als Folie, um zu überprüfen, was ist und was kommen könnte.

          Wie sieht das zum Beispiel mit den Organschweinen aus? Reines Wunschdenken sind sie nicht. An der Übertragung von tierischem Gewebe auf den Menschen wird seit langem gearbeitet. Die erste offiziell dokumentierte Bluttransfusion, und zwar von einem Lamm auf einen 15-Jährigen, führte der französische Leibarzt Jean-Baptiste Denis im Juni 1667 in Paris durch. Der Junge überlebte die Prozedur, zwei andere Patienten nicht. Obwohl immer wieder Todesfälle auftraten, wurde das Verfahren bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein da und dort praktiziert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass die Abstoßungsreaktionen des menschlichen Körpers nicht beherrschbar waren. Doch in jüngerer Zeit ist wieder die Rede von Schweineblut, das humanes Blut ersetzen könnte; seit der Jahrtausendwende sind dazu an die hundert wissenschaftliche Artikel erschienen.

          Verpflanzungen der Augenhornhaut von Schafen, Hunden und sogar von Fischen auf den Menschen sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorgenommen worden. Die Resultate waren wenig überzeugend. Forscher am Thomas E. Starzl Transplantation Institute in Pittsburgh glauben allerdings, dass es mittlerweile allen Grund zu Optimismus gibt: „Die korneale Xenotransplantation wird in wenigen Jahren klinische Realität sein“, schrieben sie 2011 in einem Übersichtsartikel.

          Weitere Themen

          In der Menge liegt die Wahrheit Video-Seite öffnen

          Vererbungslehre : In der Menge liegt die Wahrheit

          Wie Vererbung geht, lernt man bereits in der Schule. Aber so einfach wie bei Erbsen ist das nur in Ausnahmefällen. Die quantitative Genetik hat in jüngster Zeit Erkenntnisse gewonnen, die alles auf den Kopf stellen. Das wird schon bald praktische Konsequenzen haben.

          Der schwere Kampf gegen Ebola

          Ausweitung auf Uganda : Der schwere Kampf gegen Ebola

          Die Ausbreitung der Seuche über Kongo hinaus beunruhigt die WHO. Im erbitterten Kampf gegen das Virus müssen jedoch auch die Ärzte um ihr Leben fürchten: Islamische Milizen terrorisieren beide Länder.

          Topmeldungen

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          AKK zu Wahl in Görlitz : Schon wieder vertwittert

          Wieder sorgt die CDU-Vorsitzende mit einem Tweet für Ärger. Die Niederlage der AfD in Görlitz sei ein Zeichen für die Stärke der CDU, twittert AKK – und unterschlägt dabei, dass vor allem ein breites überparteiliches Bündnis den AfD-Sieg verhindert hat.

          FAZ Plus Artikel: Deutsche Migrationspolitik : Humanität und Härte

          In der Bevölkerung wächst die Einsicht, dass sich Politik und Gesellschaft darauf einstellen müssen, die Migrationspolitik als Daueraufgabe anzunehmen. Doch welche Lehren wurden aus der Flüchtlingskrise gezogen? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.