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Generation Y : Der alte Arzt hat ausgedient

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„Kinder und Vollzeit - das muss gehen“

“Die wissen, was sie sagen müssen, damit sie die Leute kriegen“, stellt Kristin B. fest. „Aber ob das dann auch tatsächlich immer so eingehalten wird?“ Die Medizinstudentin wird auf den fensterlosen ICC-Fluren immer wieder an die Stände der Krankenhauskonzerne gewinkt, die sich familienfreundliche Strukturen auf die Fahne geschrieben haben, denn sie trägt ihr vier Wochen altes Baby in einem Tragesack vor der Brust. Das Mädchen ist schon ihr drittes Kind. Strenggenommen gehört Kristin B. nicht zur Generation Y, sie ist 1979 geboren. Vor dem Medizinstudium hat sie schon eine Ausbildung gemacht. In einem Jahr, wenn sie Examen hat, will sie die Facharztausbildung für Chirurgie beginnen. „Man sagt mir oft: Wenn du Chirurgin werden willst und es dir wichtig ist, deine Kinder rechtzeitig abzuholen, dann arbeite doch Teilzeit. Aber ich finde: nein. Das muss auch in Vollzeit gehen.“ In anderen Disziplinen funktioniere das schließlich auch. „In der Anästhesie beispielsweise wird mitten in der OP der Dienst abgelöst, damit man die Arbeitszeiten einhält.“ Sie wünsche sich „ein normales Arbeitspensum. Es muss irgendwann Feierabend sein. Auch in der Medizin.“ Andere Jungmediziner verzichten lieber gleich auf Fachgebiete, deren Arbeitszeiten sich schlecht planen lassen. Dass in manchen Kliniken unbezahlte Überstunden noch selbstverständlich seien, könne sie nicht akzeptieren, sagt Antonia K., 25 Jahre, Studentin aus Freiburg. „Ich schließe deshalb bestimmte Fachgebiete für mich aus, zum Beispiel die Chirurgie. Auf die Belastung habe ich keine Lust.“ Sie will nach dem Examen die Facharztausbildung für Psychiatrie wählen: „Da gibt es weniger Notfälle“, hofft Antonia K.

Seinen vollen Namen möchte hier niemand nennen, auch das ist eine Eigenheit der Berufsgruppe. Die angehenden Ärzte wollen nicht in die Zeitung kommen, sie haben Größeres vor: Sie möchten in Ruhe eine kalkulierbare Laufbahn beschreiten. Eine Laufbahn wohlgemerkt, keine steile Karriere. „Die Generation Y will eher keine Leitungsfunktion, sondern eben in erster Linie geregelte Arbeitszeiten“, sagt Christian Schmidt. Anerkennung sei trotzdem wichtig. Die Gehälter entsprechen seit den Streiks des Jahres 2006, mit denen der Berufsstand die „arztspezifischen Tarifverträge“ durchsetzte, schon den Vorstellungen von Sicherheit der Generation Y: An einer Universitätsklinik steigt man nach dem Studium mit 4000 Euro brutto in die Assistenzzeit ein. Fachärzte bekommen ein Anfangsgehalt von 5300 Euro. Um neben dem Gehalt weitere Belohnungssysteme zu etablieren, empfiehlt Schmidt, „horizontale Karrierepfade“ zu ermöglichen: Ohnehin könne nicht jeder Chefarzt werden, aber Anreize böten etwa Positionen als Sektions- oder Bereichsleiter.

Keine Überstunden mehr für die Forschung

Der Stellenwert akademischer Titel, der Promotion und der Habilitation, nehme allerdings stark ab, sagt Schmidt. Das hat auch Konsequenzen für das Interesse an medizinischer Forschung, das von jungen Ärzten an Unikliniken erwartet wird und sie oft bis lange nach Dienstschluss im Labor stehen lässt. Die Charité hat sich Ende März als erstes Universitätskrankenhaus in Deutschland mit dem Marburger Bund darauf geeinigt, Forschungszeiten in der Dienstplangestaltung zu berücksichtigen und Ärzten einen Anteil ihrer normalen Arbeitszeit dafür zuzugestehen.

Dass der Stellenwert von Forschung sich verändert hat, beweist auch die Auftaktveranstaltung der Berliner Karrieremesse. „Wer hat denn den Traum, Universitätsprofessor zu werden?“ fragt Rudolf Henke, der Vorsitzende des Marburger Bundes, von der Bühne aus in den mit mehreren hundert Nachwuchsärzten vollbesetzten Saal. Es meldet sich lange niemand, dann, ganz hinten, geht doch eine einzelne Hand hoch. „Wer will eine eigene Praxis?“ Es meldet sich ein Viertel. „Und wer möchte denn im Krankenhaus seine Laufbahn entwickeln?“ Diesmal melden sich beinahe alle. Und vielleicht ist hier auch eine der Antworten zu suchen darauf, warum diese Ärztegeneration so radikal neue Forderungen stellt: Wer seine Lebensperspektive als angestellter Arzt in einer Klinik sieht, muss sich auf Strukturen verlassen können, in denen er arbeiten kann, ohne auszubrennen - und zwar lebenslang.

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