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Generation Y : Der alte Arzt hat ausgedient

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Steil nach oben oder doch lieber „horizontale Karrierepfade“ wählen? Zwei junge Medizinerinnen auf der Karrieremesse des Marburger Bundes Bild: Gyarmaty, Jens

Sie lehnen Hierarchien ab und wollen lieber geregelte Arbeitszeiten als steile Karrieren: Die nach 1980 geborenen Ärzte werden zur Herausforderung im deutschen Klinikalltag.

          12 Min.

          In der Klinik, die der Kinder- und Jugendpsychiater Rüdiger Haas leitet, gibt es ein verbotenes Wort. Verboten ist es nicht für die Patienten, wohl aber für die Ärztinnen und Ärzte, die hier in Marl-Sinsen am nördlichen Rand des Ruhrgebietes in einer der größten Fachkliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Deutschlands arbeiten. „Das verbotene Wort ist ,früher’“, sagt Haas, ärztlicher Direktor der Einrichtung. „Früher, so wie in: Früher wurde noch gearbeitet. Früher war man noch idealistisch. Früher hat man sich aufgeopfert. Früher war alles anders.“ Früher, sagt Haas, sei das Wort „früher“ sehr häufig benutzt worden. Es jetzt möglichst nicht mehr zu verwenden, ist an seiner Klinik der Versuch, einen Generationenkonflikt zu entschärfen, der überall in den deutschen Krankenhäusern schwelt: der Zusammenprall der sogenannten „Generation Y“, der jungen Assistenzärzte, die nach 1980 geboren sind, mit den älteren angestellten Medizinern, zu denen der 47-jährige Rüdiger Haas auch sich selbst zählt.

          Haas hat nicht nur ein Wort verboten, um diesen Generationenkonflikt einzudämmen. Er hat an seiner Klinik auch „absolut berechenbare Arbeitszeiten“ geschaffen. „Die Kollegen machen quasi keine Überstunden. Wenn doch, feiern sie sie ab. Angeordnete Überstunden werden ausbezahlt.“ Die Klinik bietet flexible Arbeitszeitmodelle, wer etwa aus familiären Gründen nie donnerstags abends arbeiten kann, braucht das auch nicht. Teilzeitkräfte können ihre Arbeitszeiten sogar völlig individualisieren und etwa nur abends oder nur frühmorgens arbeiten. Haas schließt: „Unsere Arbeitszeiten sind der Generation Y zu hundert Prozent angepasst.“

          Die Jungen sind anders

          Generation Y: Diesen Terminus lassen Klinikleiter und Studiendekane, Verwaltungs- und Personalchefs in Krankenhäusern inzwischen völlig selbstverständlich ins Gespräch einfließen. Anfänglich, als die neue Generation mit ihren Eigenheiten immer öfter zum Gesprächsstoff im Kollegenkreis wurde, gab es noch keinen Namen, man wusste nur soviel: Die Jungen sind anders. Die Jungen legen mehr Wert auf Freizeit, sie wollen geregelte Arbeitszeiten, sie akzeptieren ungern Überstunden. Seitdem sich das Fremdeln zwischen den Generationen aber zu einem handfesten „Clash of Cultures“ auszuweiten droht, hat man begonnen, die Gruppe der jungen Ärzte auch mit wissenschaftlichen Instrumenten zu erforschen. Der erste, der die Konsequenzen des Generationswechsels für den Arztberuf und den Gesundheitssektor in Deutschland wissenschaftlich untersucht hat, ist Christian Schmidt, Chirurg und medizinischer Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln, eines Unternehmens, in dem mehr als sechshundert Ärzte arbeiten. Mit einem Artikel im deutschsprachigen Fachmagazin „Der Anästhesist“ hat Schmidt die Thematik im vergangenen Jahr auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt - und seitdem fast dreißig Einladungen zu medizinischen Kongressen und Anfragen für weitere Magazinbeiträge bekommen. Die große Resonanz hat auch wirtschaftliche Gründe. Der Nachwuchs ist heiß begehrt: 12 000 offene Ärztestellen an Krankenhäusern und Kliniken hat der Marburger Bund vor zwei Jahren nach einer Mitgliederumfrage errechnet.

          “Der Krankenhausmarkt in Deutschland entscheidet sich in den nächsten fünf Jahren im Wettbewerb um Personal“, prognostiziert Schmidt. Seine Publikation mit dem schlichten Titel „Generation Y - Rekrutierung, Entwicklung und Bindung“ ist deshalb schnell zu einem Ratgeber für die Personalabteilungen von Krankenhäusern avanciert. Schmidt dokumentiert darin die Erkenntnisse, die weltweit über die nach 1980 Geborenen vorliegen. Gesammelt wurden sie von Unternehmensberatungen, Arbeitsgruppen an Ministerien und soziologischen Instituten, meist für ganz andere Branchen, etwa die Pharmaindustrie oder große Kanzleien. Schmidt hat dieses Wissen auf die Bedingungen des Arztberufs angewendet.

          Selbstbewusst durch übermäßiges Lob

          Generation Y“ ist ein Begriff, der Anfang der neunziger Jahre geprägt wurde, um die demographische Kohorte der in den achtziger Jahren Geborenen zu beschreiben. Für die Kinder der Nachkriegsjahrzehnte war schon in den fünfziger Jahren der Begriff „Generation X“ verwendet worden. Schmidt benutzt den Begriff „Generation Y“ für alle Geburtsjahrgänge zwischen 1981 und heute. „Generation X“ sind bei ihm die zwischen 1965 und 1980 Geborenen. Als „Babyboomer“ bezeichnet er die Elterngeneration von Generation Y, die zwischen 1946 und 1964 geboren ist. Die Angehörigen der Generation Y, also die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen, sind Schmidts Literaturrecherche zufolge „durch ein hohes Selbstbewusstsein gekennzeichnet“ und zudem „nicht kritikfähig“ - wohl auch, weil sie „von den Babyboomern übermäßig gelobt“ wurden. Generation Y hat ein „hohes Anforderungsprofil an den Arbeitsplatz“, lehnt sowohl Hierarchien als auch „Absitzen von Arbeitszeit“ ab. „Überstunden müssen sehr gut begründet werden“, schreibt Schmidt. Die Generation Y „wechselt eher den Job als sich anzupassen.“ Während Generation X noch pessimistisch war, oft mit dem Begriff Null-Bock-Mentalität in Verbindung gebracht wurde und sich individualistisch verhielt, ist Generation Y pragmatisch, kooperativ und bildet aktiv Netzwerke. Ihre eigenen Eltern, die ihr Privatleben hinter dem Beruf zurückstellten, gelten bei der Generation Y als „Workaholics“. Von dieser Haltung „Leben, um zu arbeiten“ distanzieren sich die Mitglieder von Generation Y bewusst und fordern nachdrücklich ein Privatleben, das diesen Namen verdient. Das Familienbild definiere sich neu, konservative Werte würden wiederentdeckt, schreibt Schmidt: „Familie genießt höchste Priorität.“

          Was aber heißt all das für den Krankenhausalltag? „Sinnvolle Arbeitsinhalte und attraktive Arbeitszeitmodelle scheinen für die Generation Y noch wichtiger als für die vorherigen Generationen zu sein“, bilanziert Schmidt. Ohne „lebensabschnittsadaptierte Arbeitszeiten bzw. flexible Auszeiten (zum Beispiel Elternzeit und unbezahlter Urlaub) werden diese Mitarbeiter nicht an die Einrichtung zu binden sein“, heißt es weiter. Zudem sei ein neuer Führungsstil erforderlich, der kontinuierliches Feedback gewährleistet, ein „coachender“ Führungsstil, der mit hohem zeitlichen Aufwand verbunden ist. Die Generation Y lernt am liebsten „hands-on“, in der Medizin beispielsweise mit Puppen und Simulatoren. Regelmäßige Zielvereinbarungsgespräche sind notwendig, die Generation Y legt Wert darauf, dass das Curriculum eingehalten wird.

          „Die wollen einen Nine-to-five-Job“

          Das ist ziemlich starker Tobak für die deutschen Krankenhäuser - das weiß auch Schmidt. Die Haltung zur Arbeit, die er in seiner Publikation skizziert, steht völlig im Widerspruch zu einer jahrzehntelang eingeschliffenen Kliniktradition, zu der straffe Hierarchien und jede Menge Überstunden gehörten. In seiner Veröffentlichung schließt Schmidt noch recht versöhnlich mit dem Hinweis, die Generation Y könne, technikaffin und problemorientierten Lernen zugewandt wie sie ist, die Wettbewerbsfähigkeit eines Krankenhauses erheblich stärken. Doch direkt auf seine Studienergebnisse angesprochen, sagt der Mediziner trocken: „Die wollen einen Nine-to-five-Job, kontrollierten Patientenkontakt und keinen Stress. Das ist ein Problem in der Medizin.“ Schmidt hat in den neunziger Jahren seine Assistenzzeit absolviert. „Stress trägt zur Persönlichkeitsformung bei“, sagt er, „ich habe das selbst erlebt. Man lernt ja gerade in Krisensituationen. Heute teilt man sich den Wochenenddienst mit drei Leuten. Da sind wir jetzt schon.“

          Nachwuchsmediziner hören einen Vortrag auf der Ärztekarrieremesse „DocSteps“ in Berlin

          Schmidt spricht nicht nur als Studienautor, sondern auch als Personalverantwortlicher eines großen Krankenhauses, das Fachkräfte rekrutieren und weiterbilden, aber auch den Dienstplan aufrechterhalten muss. Der Generation Y, so fremd sie ihm zunächst war, hat er sich genähert wie einem unerforschten Stamm. Er hat nicht nur die Studien der anderen gelesen, sondern ist schließlich auch selbst empirisch vorgegangen. In der Fachzeitschrift „HNO“, einem Organ der deutschen Fachärzte für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, erscheint in Kürze eine weitere Arbeit, für die sein Team 1600 Medizinstudenten kurz vor dem Examen in Kiel und Hannover befragt hat. Diese Studie leuchtet vor allem aus, welche Ansprüche die Frauen der Generation Y an ihr Berufsleben haben. Zum einen hat Schmidt diesen Schwerpunkt gewählt, weil die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sich zu einem Frauenfach entwickelt hat. Zum anderen wird aber auch die Medizin allgemein immer weiblicher. Schon jetzt sind etwa zwei Drittel der Erstsemester im Fach Medizin und 57 Prozent der bis 34 Jahre alten Ärzte in Deutschland Frauen.

          Frauen wollen Feriencamps für Grundschüler

          Junge Ärztinnen kann man Schmidt zufolge an ein Krankenhaus ziehen und dort binden, indem man betriebseigene Kindertagesstätten, Tagesmuttervermittlungen und vor allem eine Betreuung für Grundschüler während der dreizehn Ferienwochen im Jahr einrichtet - denn nicht einmal jede vierte Grundschule bietet eine solche Betreuung selbst an. Schmidt zitiert eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums, derzufolge 77 Prozent der Eltern zwischen 25 und 39 Jahren für mehr Familienfreundlichkeit die Arbeitsstelle wechseln würden.

          Immer mehr Krankenhäuser nehmen inzwischen die Herausforderung an, die mit der Generation Y auf sie zukommt. Die Kliniken der Stadt Köln, deren medizinischer Geschäftsführer Christian Schmidt ist, bieten etwa einen Kindergarten, eine „Tagesmutter-Hotline“ für den Notfall und ein Feriencamp für Grundschüler. Weitere Krankenhäuser, die sich schon jetzt den neuen Ansprüchen stellen, finden sich in einer Liste der Hertie-Stiftung; die hier verzeichneten Kliniken haben das Zertifikat „Audit Beruf und Familie“ erhalten, für das sie eine familienbewusste Personalpolitik nachweisen müssen. Hier ist etwa die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marl-Sinsen, die Rüdiger Haas leitet, aufgeführt, daneben rund neunzig andere Krankenhäuser.

          Überstunden werden ausbezahlt

          Auch die Frankfurter Diakoniekliniken haben sich auditieren lassen. Das Haupthaus ist das Markus-Krankenhaus in Frankfurt-Ginnheim. In wenigen Wochen wird hier ein neuer Kindergarten eröffnen, wo die Kinder der Mitarbeiter von 5.45 Uhr bis 18 Uhr abgegeben werden können; auch später am Abend wird noch ein „betreutes Kinderzimmer“ geboten; am Wochenende soll es bald eine Notfallversorgung für Kinder geben, falls ein Kind krank wird und ein Mitarbeiter deshalb zu Hause bleiben und ausfallen müsste.

          “Es gibt eine Gruppe von Ärzten, für die das Thema Work-Life-Balance sehr wichtig ist“, sagt der Geschäftsführer Dennis Göbel. „Bei uns werden deshalb die Überstunden dokumentiert und ausbezahlt, oder sie können abgefeiert werden.“ Hört man Göbel zu, wie er sachlich ein Angebot nach dem anderen aufzählt, fühlt man sich unweigerlich an einen Werbeprospekt erinnert. Aber dann sagt er, und es klingt wie ein ziemlich desillusioniertes Fazit: „Wo ich früher einen Arzt eingesetzt habe, da muss ich heute zweieinhalb einsetzen.“

          „Die Assistenten werden zu Chefs“

          Das Festhalten an geregelten Arbeitszeiten sei dabei ganz klar eine Eigenheit der jüngsten Ärzte, es habe wenig damit zu tun, ob jemand überhaupt Kinder habe, sagen viele Klinikleiter inzwischen. Als „fordernde Konsumenten“ trete die junge Generation auf, schreibt auch Schmidt in der Studie, die in Kürze in „HNO“ erscheint. Ihre neue Macht beruht vor allem auf der Arbeitsmarktsituation. Zwar finden Kliniken in Großstädten meistens noch genug Personal - mitten in Frankfurt sei das kein Problem, sagt etwa Göbel. Anders sieht es schon aus in Marl-Sinsen, trotz der Nähe zum Ruhrgebiet. „Die letzte Stellenanzeige vor sechs Wochen hat null Bewerber gebracht“, sagt Rüdiger Haas. „Auch auf die davor gab es keine Bewerbungen.“ Haas sucht einen Arzt, der die Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater absolvieren will. Neunzehn Assistenzärzte arbeiten derzeit an seiner Klinik, verteilt auf vierzehn Stellen. Vier weitere Stellen sind unbesetzt.

          “Den jungen Kollegen steht unglaublich viel offen“, sagt Haas. Deshalb begegneten die jungen Ärzte den älteren Fachärzten und dem Krankenhausmanagement inzwischen mit der Überzeugung: „Wenn wir gehen, haben Sie keinen anderen.“ Es sei zu einer Machtumkehr gekommen, sagt Haas. „Die Assistenten werden zu Chefs. So ein Effekt entsteht derzeit in fast allen Kliniken.“

          Vorbild Skandinavien

          Tatsächlich kennen die jungen Ärzte inzwischen das selbstbewusste Fordern. Erleben konnte man das zuletzt am vergangenen Samstag in Berlin, während der Karrieremesse „DocSteps“ der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sechzig Aussteller - darunter große Krankenhauskonzerne, aber auch Unternehmensberatungen, die Bundeswehr und das Paul-Ehrlich-Institut - verteilten in den Pausen eines Vortragsprogramms Süßigkeiten, Spielzeug, Kaffeetassen und vor allem Visitenkarten der Personalabteilungen an mehr als tausend Medizinstudenten und junge Ärzte. Fragt man die Jungmediziner hier in den Fluren des ICC-Kongressgebäudes nach ihren Zielen, hören sie sich zunächst so an, als ob sie Schmidts Analysen gelesen haben und nun genau ins Bild der Generation Y passen wollen. „Gute Einstiegsgehälter und gute Fortbildungsmöglichkeiten“, wünscht sich Daniel S., 29 Jahre alt. Seine Freundin Julia P., ebenfalls 29, sagt: „Wir haben noch keine Kinder, aber wir wollen trotzdem von Anfang an darauf achten, dass an der Klinik nicht zu viele Dienste und Überstunden anfallen.“ Daniel nickt: „Ich denke, das steht ganz oben...“, beginnt er, „...dass man nicht zu viel arbeitet“, ergänzt Julia. „Als Assistenzarzt wird man sonst aufgefressen. Man sollte sich in Deutschland viel stärker ein Vorbild nehmen an skandinavischen Ländern, wo der Dienstschluss genau eingehalten wird.“

          Doch die Stimmung unter den Jungmedizinern hat auch etwas Schwankendes. Schnell schlägt sie um in bange Befürchtungen, doch wieder in alten Strukturen zu landen. Immer wieder sprechen die Nachwuchsmediziner von ihrer Angst, durch Zufall in Kliniken zu geraten, in denen junge Ärzte noch immer ausgebeutet werden, Freizeit ein Fremdwort ist und Ausdrücke wie Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance zwar verwendet werden, weil das modern ist, sich aber als leere Sprechblasen herausstellen. Einige haben das erlebt. Am Morgen, kurz bevor der Eröffnungsvortrag der Karrieremesse beginnt, begrüßen sich in einer der vorderen Reihen von Saal 3 zwei ehemalige Kommilitonen, eine junge Frau und ein junger Mann, sie haben zusammen studiert und arbeiten nun als Assistenzärzte in unterschiedlichen Städten. Sie klagt über fehlende Anleitung, kaum Möglichkeiten, praktische Fähigkeiten zu trainieren. Er sei an seiner Klinik hochzufrieden, erzählt der junge Mann dagegen, „vom ersten Tag an Ultraschall, und das Curriculum wird voll eingehalten.“ „Aber lernt ihr ’s richtig - unter Supervision?“ fragt sie. Natürlich, antwortet er. „Werden die Überstunden bezahlt?“ fragt die junge Ärztin. „Nee, aber wir können sie abbummeln.“ Sie seufzt: „Bei uns hieß es auch, man könne Überstunden abfeiern. Aber wenn du die dann wirklich aufschreibst, dann wirst du zum Chef zitiert und der schüchtert dich derartig ein...“

          Fünfmal pro Monat ein 36-Stunden-Dienst

          Dann geht das Licht auf der Bühne an. Für den Hauptvortrag hat der Marburger Bund Martina Müller-Schilling gewonnen, Lehrstuhlinhaberin für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Regensburg. Sie habe, sagt sie, vor dem Vortrag ihre Studentinnen und Assistentinnen gefragt, worüber sie sprechen solle. „Wie es wirklich gewesen ist“, wollten die wissen. Und deshalb berichtet die 49-Jährige dann in Berlin aus einer anderen Welt, der ihrer Assistenzzeit: Sie erzählt von „fünf 36-Stunden-Diensten pro Monat“ und autoritären Chefärzten, die brüllten: „Geben Sie das Endoskop her.“ Müller-Schilling resümiert: „Wir haben Zeiten erlebt, da bin ich froh, dass sie vorbei sind. Für Sie gilt jetzt: The future is wide open.“

          Draußen vor dem Saal scheint die Zukunft tatsächlich begonnen zu haben. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hat ein Werbeplakat für ein Frauenförderprogramm in der Chirurgie aufgehängt. Am Stand des Contilia-Gesundheitsunternehmens aus Essen erklärt ein sympathischer Kardiologe einem Messegast nach dem anderen geduldig, wie man ein EKG interpretiert. Das Klinikum Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt kann sogar eine elektronische Zeiterfassung für Ärzte und einen Rund-um-die-Uhr-Kindergarten aufbieten.

          „Kinder und Vollzeit - das muss gehen“

          “Die wissen, was sie sagen müssen, damit sie die Leute kriegen“, stellt Kristin B. fest. „Aber ob das dann auch tatsächlich immer so eingehalten wird?“ Die Medizinstudentin wird auf den fensterlosen ICC-Fluren immer wieder an die Stände der Krankenhauskonzerne gewinkt, die sich familienfreundliche Strukturen auf die Fahne geschrieben haben, denn sie trägt ihr vier Wochen altes Baby in einem Tragesack vor der Brust. Das Mädchen ist schon ihr drittes Kind. Strenggenommen gehört Kristin B. nicht zur Generation Y, sie ist 1979 geboren. Vor dem Medizinstudium hat sie schon eine Ausbildung gemacht. In einem Jahr, wenn sie Examen hat, will sie die Facharztausbildung für Chirurgie beginnen. „Man sagt mir oft: Wenn du Chirurgin werden willst und es dir wichtig ist, deine Kinder rechtzeitig abzuholen, dann arbeite doch Teilzeit. Aber ich finde: nein. Das muss auch in Vollzeit gehen.“ In anderen Disziplinen funktioniere das schließlich auch. „In der Anästhesie beispielsweise wird mitten in der OP der Dienst abgelöst, damit man die Arbeitszeiten einhält.“ Sie wünsche sich „ein normales Arbeitspensum. Es muss irgendwann Feierabend sein. Auch in der Medizin.“ Andere Jungmediziner verzichten lieber gleich auf Fachgebiete, deren Arbeitszeiten sich schlecht planen lassen. Dass in manchen Kliniken unbezahlte Überstunden noch selbstverständlich seien, könne sie nicht akzeptieren, sagt Antonia K., 25 Jahre, Studentin aus Freiburg. „Ich schließe deshalb bestimmte Fachgebiete für mich aus, zum Beispiel die Chirurgie. Auf die Belastung habe ich keine Lust.“ Sie will nach dem Examen die Facharztausbildung für Psychiatrie wählen: „Da gibt es weniger Notfälle“, hofft Antonia K.

          Seinen vollen Namen möchte hier niemand nennen, auch das ist eine Eigenheit der Berufsgruppe. Die angehenden Ärzte wollen nicht in die Zeitung kommen, sie haben Größeres vor: Sie möchten in Ruhe eine kalkulierbare Laufbahn beschreiten. Eine Laufbahn wohlgemerkt, keine steile Karriere. „Die Generation Y will eher keine Leitungsfunktion, sondern eben in erster Linie geregelte Arbeitszeiten“, sagt Christian Schmidt. Anerkennung sei trotzdem wichtig. Die Gehälter entsprechen seit den Streiks des Jahres 2006, mit denen der Berufsstand die „arztspezifischen Tarifverträge“ durchsetzte, schon den Vorstellungen von Sicherheit der Generation Y: An einer Universitätsklinik steigt man nach dem Studium mit 4000 Euro brutto in die Assistenzzeit ein. Fachärzte bekommen ein Anfangsgehalt von 5300 Euro. Um neben dem Gehalt weitere Belohnungssysteme zu etablieren, empfiehlt Schmidt, „horizontale Karrierepfade“ zu ermöglichen: Ohnehin könne nicht jeder Chefarzt werden, aber Anreize böten etwa Positionen als Sektions- oder Bereichsleiter.

          Keine Überstunden mehr für die Forschung

          Der Stellenwert akademischer Titel, der Promotion und der Habilitation, nehme allerdings stark ab, sagt Schmidt. Das hat auch Konsequenzen für das Interesse an medizinischer Forschung, das von jungen Ärzten an Unikliniken erwartet wird und sie oft bis lange nach Dienstschluss im Labor stehen lässt. Die Charité hat sich Ende März als erstes Universitätskrankenhaus in Deutschland mit dem Marburger Bund darauf geeinigt, Forschungszeiten in der Dienstplangestaltung zu berücksichtigen und Ärzten einen Anteil ihrer normalen Arbeitszeit dafür zuzugestehen.

          Dass der Stellenwert von Forschung sich verändert hat, beweist auch die Auftaktveranstaltung der Berliner Karrieremesse. „Wer hat denn den Traum, Universitätsprofessor zu werden?“ fragt Rudolf Henke, der Vorsitzende des Marburger Bundes, von der Bühne aus in den mit mehreren hundert Nachwuchsärzten vollbesetzten Saal. Es meldet sich lange niemand, dann, ganz hinten, geht doch eine einzelne Hand hoch. „Wer will eine eigene Praxis?“ Es meldet sich ein Viertel. „Und wer möchte denn im Krankenhaus seine Laufbahn entwickeln?“ Diesmal melden sich beinahe alle. Und vielleicht ist hier auch eine der Antworten zu suchen darauf, warum diese Ärztegeneration so radikal neue Forderungen stellt: Wer seine Lebensperspektive als angestellter Arzt in einer Klinik sieht, muss sich auf Strukturen verlassen können, in denen er arbeiten kann, ohne auszubrennen - und zwar lebenslang.

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